Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-09-21 · Heft 39 (21.9.1886) · p. Seite 613

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 39 (21.9.1886)
Date
1886-09-21
Page
Seite 613 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227609-3227649--43838-3264222
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

613 allgemeinen, dem besonderen und dem Epilog entwickelt. Doch Eines müssen wir zum Verständniß voranschicken, einen Blick auf die Verhältnisse der Zeit, in welcher das Buch abgefaßt worden. Viele Momente treffen zusammen, um die Abfassungszeit Koheleths in die Periode nach Esra und Nehemia, als die persische Herrschaft noch auf Juda lastete, jene zwar ihre Spannkraft, aber durchaus nicht ihren Despotismus verloren hatte, zu verlegen. Dieser asiatische Despotismus, der Jeden vor dem Zorne des Herrschers tief beugt (10, 4.), der in launenhafter Unbeständigkeit Fürsten zu Knechten, Knechte zu Fürsten macht, Narren zu den höchsten Ehren erhebt und Edle niederwirst (10, 6. 7.), der durch die Verschwendung des Fürsten und bei der sklavisch niedrigen Gesinnung der Beherrschten, in traurig vernachlässigender Verwaltung und unersättlicher Goldgier die Kräfte des Landes aussaugt, und endlich durch bis in das Innerste der Familien getriebene Spionirerei und Berrath das Leben und Geschick Aller unsicher macht und sie zum tiefsten Schweigen verurtheilt (10, 16—20.), konnte im Schoße Israels, bei allen Ungerechtigkeiten seiner Könige und Fürsten niemals so empfunden werden, wie unter der persischen Herrschaft nach Darius Hystaspes, und niemals sich in so treffenden Zügen schildern lassen. Israel selbst war gegen die früheren Zeiten tief herabgesunken, der Kenner seiner Volksgeschichte sah es von David her immer mehr und mehr von seiner Höhe heruntersteigen; die neue Flamme der Begeisterung und Hoffnung, mit der die jüdische Colonie nach dem Exil gegründet worden, war wieder erloschen; ringsum ging die asiatische Welt ihrem nahen Verfall immer mehr entgegen, der sie bald dem kühnen Macedonier zum leichten Raube vorwerfen sollte. Dabei war durch den asiatischen Einfluß das Weib von der hohen Stellung, welche ihm in Israel gegeben war, gesunken, wie es in unserem Buche deutlich zu erkennen ist, und dadurch auch das eheliche und Familienleben seiner Bedeutung für den Menschen, seiner sittlichen Würde beraubt. Diese drei Momente müssen wir im Auge behalten, um uns die Anschauungen des Verfassers begreiflich zu machen. Gehen wir nunmehr an das Buch selbst. Vor Allem spricht Koheleth in einem Allgemeinsatz den Grundzug seiner Weltanschauung aus: „Nichtigkeit der Nichtigkeiten, Alles ist nichtig!" d. h. Alles ist bedeutungs-, wirkungs- und erfolglos. Dies erweist sich ihm dadurch, daß die Natur einen ewigen Kreislauf einhalte, da das Feste „ewig besteht", nur das Flüssige, Wind und Wasser, sich immerfort in derselben Vorwärts- und Rückwärtsbewegung befinde, und daß die Menschenwelt stets dieselben Erscheinungen aufweist, „die Geschlechter kommen und gehen", „nichts Neues geschieht unter der Sonne", und was man für neu halte, sei längst in früheren Zeiten schon geschehen. Es ergiebt sich hieraus, daß dem Vers, zwei Erkenntnisse völlig abgingen, die von der mosaischen Urkunde und den Propheten mit allem Nachdruck gelehrt worden. Zuerst die menschengeschlechtliche Entwickelung—denn daß auch in der Natur eine immerwährende Entwickelung vor sich gehe, ist erst eine Erkenntniß der neuesten Zeit, der Mangel derselben kann also dem Vers, unseres Buches nicht zum Vorwurf gemacht werden. Schon die ersten elf Kapitel des ersten Buches Moses verfolgen die Entwickelungsphasen der Menschheit; in der Geschichte Israels wird dessen Fortbildung in allen ihren Stadien vor Augen geführt, und die Propheten erheben diese Entwickelung zur Aufgabe des Menschengeschlechts und stellen das Ziel derselben mit begeisterten Worten auf. In der Zeit Koheleth's aber war aus den vorherrschenden Verhältnissen heraus, wie sie oben geschildert, das geschichtliche Bewußtsein völlig verschwunden; es stellte sich den damaligen denkenden Menschen kein Fortschritt in der Menschenwelt dar, sondern in ihrer nüchternen Denkweise erschien ihnen alles Menschliche immer wieder in derselben gekommen wie es gewesen. Die zweite Erkenntniß, die dem Vers, nicht aufgegangen, besteht darin, daß jedes Individuum ein Glied der Gesammtheit ist, und, wie es für sich arbeitet, doch auch für das Ganze wirkt, der Erfolg seines Mähens in das große Ganze aufgeht, und so demselben eine Bedeutung und Wirkung allerdings zusteht, wenn es auch als Einzelnes nur bei sehr hervorragenden Individuen erkennbar hervortritt. Dieser Mangel ging aber bei unserem Vers, besonders daraus hervor, daß er von dem durch Moses und die Propheten dem ganzen Israel und damit allen Israeliten eingepflanzten Berufe, die monotheistische Lehre zu bewahren, auszubilden und auf das Menschengeschlecht zu übertragen, keine Ahnung hat. Nach der mosaischen und prophetischen Anschauung hatte jedes israelitische Individuum eine Bedeutung und einen Lebenszweck als Glied des ganzen israelitischen Bundes. Durch diesen waren ihm seine Pflichten vorgezeichnet, und in deren Erfüllung wirkte dasselbe mit bleibendem Erfolg von Geschlecht auf Geschlecht. Erwägt man die geschichtliche Lage jener Zeit, so begreift man den Wegfall dieser großen und entscheidenden Erkenntnisse und den daraus hervorgehenden Verlust alles wesentlichen Inhaltes für das menschliche Leben. Es ist hierdurch gewissermaßen für immer der verschiedene Standpunkt gekennzeichnet: entweder die Anerkennung der fortschreitenden Entwickelung in der Menschheit und das hierdurch gegebene geschichtliche Bewußtsein, oder aber eine völlige Bedeutungslosigkeit des menschlichen Gesammt- und individuellen Lebens. Bon diesem Fundamente stellt Koheleth seine weiteren Betrachtungen an. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.