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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-09-21 · Heft 39 (21.9.1886) · p. Seite 612

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 39 (21.9.1886)
Date
1886-09-21
Page
Seite 612 (sequence 4)
Language
German
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612 torialkriege vorüber wären, und die Staaten sich zukünftig mit ihren erlangten Grenzen begnügen würden, sodaß nur noch Nationalkriege möglich wären. Es war dies eine Täuschung, wie dergleichen in der Mitte des laufenden Jahrhunderts mehrere gehegt wurden. Theils im Charakter und den Instinkten einiger Völker, theils in der unvollständigen Gestalt gewisser Staaten lag es immer noch, sich vergrößern zu wollen und zu müssen. Ist dieser Trieb einmal aber in einem Staate erwacht, und besitzt letzterer diplomatisch und militärisch eine bedeutende Expansionskraft, so sind alle andern in Mitleidenschaft gezogen. Für Preußen war es eine Nothwendigkeit, aus der vielgliedrigen und zerrissenen Gestalt seines Besitzstandes, die ihm durch den Wiener Congreß aufgezwungen worden, heraus zu kommen, bis der französische Krieg die Aneignung von Elsaß-Lothringen aus nationalen und militärischen Gründen herbeiführte und hiermit dauernd ein Erisapfel zwischen Frankreich und Deutschland geworfen war. Andererseits war es die traditionelle Politik Rußlands, das griechische Kreuz auf der Sophienkirche zu Constantinopel aufzupstanzen und sich in Mittelasien immer weiter auszudehnen, eine Politik, die wiederum Oesterreich zwang, seine Machtsphäre auf der Balkanhalbinsel zu erweitern. Durch diese Verhältnisse geriethen sämmtliche europäische Großmächte zu einander in eine starke Spannung, die einerseits sie zu immer umfassenderer Ausbildung und Vergrößerung ihrer Militärmacht nöthigt, andererseits den Frieden unaufhörlich bedroht und einen gewaltigen Zusammenstoß der europäischen Staaten und Völker herbeizuführen vermag. So haben sich Deutschland und Oesterreich-Ungarn zu gegenseitiger Bertheidigung verbunden; aber hingegen ist stets eine Verbindung Rußlands und Frankreichs zum Angriff gegen diese beiden Mächte in Aussicht. Italien würde in solchem Falle seine gewöhnliche Politik befolgen, dem Sieger sich anzuschließen und aus der Kriegsbeute etwas für sich zu erreichen. Die Stellung Englands zu einem Continentalkriege läßt sich, wenn es keine besondere Veranlassung im Oriente findet, nicht voraussehen. Dies ist es, was die bulgarischen Vorgänge so recht ins Licht gestellt haben. Haben es doch die gouvernementalen Blätter in Berlin und Wien offen aussprochen, daß man hier den Frieden mit Rußland so lange wie möglich erhalten möchte, weil Frankreich im rechten Augenblick, wo ein Kampf mit Rußland entstehen würde, sich mit diesem verbände, und so die beiden Mittelmächte von zweien Seiten einen erbitterten Kampf um die Existenz zu bestehen hätten. Einen solchen furchtbaren Conflikt so lange wie möglich hinzuhalten, ist ein durchaus gerechtfertigtes Bestreben. Man mag immerhin glauben, daß die Zukunft uns dennoch einen solchen Zusammenstoß nicht ersparen werde. In der Wirklichkeit kommt Alles auf die Gegenwart an, und was die fernere Zukunft bringen werde, ist nur Voraussetzung mit mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit. Es können sich dann die Verhältnisse günstiger oder ungünstiger gestalten; gerade darum aber ist Voreiligkeit nicht gerechtfertigt. Im Momente der Entscheidung gilt es schnell zuzugreifen und der Erste auf dem Plätze zu sein. Bevor aber dieser eintritt, wäre jedes rasche Vorwärtsgehen, jedes allzu scharfe Auftreten nur gefährlich. Trotz allen Sympathien muß daher vorläufig Bulgarien seinem Schicksale und seiner eigenen Widerstandskraft überlassen werden. Es ist kein genügender Kampfpreis, sondern nur ein experimentelles Feld, auf welchem sich die allgemeinen Verhältnisse im Hintergründe entwickeln. Jedenfalls ist durch jene Vorgänge ein Einblick in die wirkliche Lage Europas eröffnet worden, und es zeigte sich, daß außer den inneren Kämpfen, welche die europäischen Staaten zu bestehen haben, auch die äußeren Verhältnisse sehr gespannt und schwierig sind. Die Moral Koheleth's. i. Koheleth (Prediger Salomonis) ist eines der interessantesten und merkwürdigsten unter den Büchern der h. Schrift. Sowohl im Geiste wie in der Sprache weicht es weit ab von der mosaischen Urkunde und den prophetischen Schriften. Man kann es als ein Zeugniß freieren Geistes ansehen, daß die Gesetzeslehrer, nachdem einige es sogar dem Publikum entziehen wollten, es in den Kanon ausgenommen haben. Die Ansichten über dasselbe gehen auseinander: die Einen sehen es als Aussprache des Skepticismus und Pessimismus an, Andere erblicken in ihm eine Bekämpfung der Skepsis?) Aus mehreren Stellen der Propheten und Psalmen ersieht man nämlich, daß es auch innerhalb der jüdischen Kreise zweierlei skeptische Richtungen gab, die eine die vollendete Skepsis, welche die Gottheit und das sittliche Bewußtsein leugnet, die andere, die auf dem Boden des Gottglaubens verharrt und ihre skeptischen Ansichten mit diesem auszugleichen sucht. Der letzteren gehört offenbar Koheleth an, der im Glauben an Gott und das göttliche Gericht, sowie die Folgen, die sich aus diesem für den Menschen ergeben, feststeht. Aus diesem Grunde ist in seiner Arbeit allerdings ein Kampf gegen den vollen Unglauben ersichtlich. Doch wir wollen hier von allen diesen Meinungen über unser Buch absehen, da wir es hier als unsere Aufgabe nur betrachten, die Moral des Buches aus ihm selbst und nach seinem Verlaufe zu construiren. Wir folgen deshalb dem Gedankengang des Autors, wie er sich in den drei Theilen seines Buches, dem i) Siehe die ausführliche Einleitung in unserm Bibelwerk Bd. III. S. 744.

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