Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 39 (21.9.1886)
- Date
- 1886-09-21
- Page
- Seite 611 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227609-3227649--43836-3264220- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
611 Einen Slick auf die Weltlage. Selten wohl hat ein politisches Ereigniß, das äußerlich sich nur auf einer kleinen Bühne abspielte, die Aufmerksamkeit und das Mitgefühl der gesammten civilisirten Welt in solchem Maße erregt, wie die Vorgänge in Bulgarien. Eine kleine Nation, bis vor einigen Jahren mit einer Fremdherrschaft belastet, will nach erlangter Unabhängigkeit diese wahren, vertheidigt sie mit Löwenmuth gegen einen Nachbarstaat und soll sich nun vor einer neuen Fremdherrschaft beugen. Ein Fürst, der diese Nation mit Begeisterung und Energie zum Siege geführt hat, wird durch eine fremde Macht wider den Willen des Volkes gezwungen, sein Werk, das er bisher mit größter persönlicher Aufopferung sortgeführt hat, aufzugeben und seine Fürstenkrone niederzulegen. Europa sieht schweigend zu. Dies ist eine tragische Szene, in welcher Nation und Fürst eine höchst würdige Rolle spielen, aber dem Schicksale erliegen. Es giebt dies zu Betrachtungen nach zwei Seiten hin Veranlassung. — Zuerst erweisen diese Vorgänge, daß unter den jetzt entwickelten Verhältnissen eine kleine Nation trotz des heißesten Patriotismus nur so lange selbständig bleiben kann, wie die Großmächte noch nicht einig sind, welche sie sich einverleiben dürfe, oder wie sie zu theilen sei. Die Zeit, wo kleine Nationen durch ihren Heroismus sich auch gegen den stärksten Feind bewahren konnten, scheint vorüber. Kämpfe und Siege, wie die der Griechen gegen die Perser, der Schweizer gegen Oesterreich, der Holländer gegen Spanien, sind jetzt nicht mehr möglich. Wir haben allerdings in Europa noch eine Reihe kleinerer Staaten, die theils durch die von Europa anerkannte Neutralität geschützt sind, wie Holland, Belgien, die Schweiz, oder durch neuere Verträge gebildet worden, wie Rumänien, Serbien, Bulgarien. Aber diese Verträge und jene Neutralität würden bei einem allgemeinen europäischen Conflict ebenso rasch ihre Geltung und Kraft verlieren, wie etwa die Handelsverträge und dgl. zwischen den kriegführenden Mächten, und unter Umständen würde dem Einmarsch der Heere einer Großmacht keiner dieser kleinen Staaten Widerstand leisten können. Woher dies kommt, ist unschwer zu finden. Die Ursache liegt in der ungeheuren Entwickelung des Militärwesens. Die persönliche Tapferkeit richtet jetzt, außer etwa in kleinen Gefechten, nichts mehr aus. Die gewaltigen Heeresmassen, die Menge der aufs Aeußerste raffinirten Schußwaffen und die Strategie der Heerführer entscheiden Alles. Der kleine Staat hat nicht die Mittel, den Angriffen solcher Streitkräfte wirksam entgegen zu treten, und die in allen Ländern hergestellten Kommunikationswege erleichtern den Heeren ihre Aufgabe. Die kleinen Nationen verdanken daher ihren einstweiligen Bestand nur der Eifersucht der Großmächte, dem für diese vorhandenen Bedürfniß, das Gleichgewicht unter einander zu erhalten. Verständigten sie sich erst über die Vertheilung, oder nimmt zeitweilig oder dauernd eine derselben eine beherrschende Stellung ein, so ist jede kleine Nation verloren, und sie muß es sich gefallen lassen, entweder dem Großstaate einverleibt oder von ihm nach seinem Belieben beherrscht und ausgebeutet zu werden. Was in der Zeit der Römer durch Waffengewalt derselben ins Werk gesetzt war, die Unterjochung aller kleinern und schwächern Nationen, das erneuert sich jetzt durch die kolossale Entwickelung des Militärwesens. So wie die militärische Suprematie der Römer in Verfall gerathen war, erstanden wieder in allen Ländern kleinere Staaten und Nationen zur Selbständigkeit. Sie wurden mit der Ausbildung der stehenden Heere bis auf eine Anzahl wiederum von den größeren absorbirt, und die noch bestehenden scheinen aus demselben Grunde, wie zur Römerzeit, dem gleichen Schicksale zu verfallen. Wären heute die Großmächte einig, in welcher Weise die Türkei zu vertheilen sei, so würde diese ihren letzten Athemzug erleben, denn auch nach ihren asiatischen Provinzen würden die Großmächte ihre Hände ausstrecken. Wenn irgend eine Besonderheit, sei sie volksthümlicher oder religiöser Art, fortbestehen will, so kann sie dies nur erreichen, nicht wenn sie einen örtlich beschränkten Raum selbstständig einnimmt, sondern wenn sie durch die Länder in Gruppen vertheilt ist, welche mit den großen Nationen zu leben in vaterländischer, politischer und sozialer Beziehung mit ihnen vereint zu sein und dennoch sich ihre eigene Lebenssphäre zu erhalten befähigt sind. Würde die jüdische Nation im Stande gewesen sein, etwa mit Hülfe innerasiatisch er Völker, den Römern zu widerstehen und sich ihre Unabhängigkeit zu erhalten, so hätte sie dies gegen die Ueberschwemmung durch die großen asiatischen Horden, welche über die Byzantiner den Sieg davon trugen, und bei den gewaltigen Kämpfen zwischen Occident und Orient in den Kreuzzügen und den nachfolgenden Ereignissen nicht durchführen können, und die Zeit wäre vorüber gewesen, wo die Flüchtlinge sich in allen Ländern hätten ansiedeln und neue Hütten erhalten können. Die Gegenwart aber, wie wir gesehen haben, ist den kleinen Nationen ebenso ungünstig, und man müßte einen geringen Ausblick besitzen und aus der Geschichte gewonnen haben, wenn man verkennen wollte, daß, wenn einmal eine solche Richtung in der Menschenwelt erwacht ist, die kleinen Nationen zu resorbiren, diese Tendenz unaufhaltsam ihrer Erfüllung nachgehe. — Unsere zweite Betrachtung bezieht sich auf die Lage der Großmächte selbst, d. h. auf die gesammte Weltlage, insbesondere Europas. Jahrhunderte lang wurden sog. Territorialkriege geführt, die bisweilen allerdings in das blutige Gewand der Religionskriege sich kleideten, immer aber auf Vergrößerung des Besitzstandes auf Kosten der Nachbaren hinausliefen. Vor einiger Zeit glaubte man, daß diese Terri» 39*