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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-09-21 · Heft 39 (21.9.1886) · p. Seite 610

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 39 (21.9.1886)
Date
1886-09-21
Page
Seite 610 (sequence 2)
Language
German
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richteten Synagogen, 'Gemeinden, Schulen. Sie kamen zu großer Blüthe, und erzeugten selbst einen neuen Zweig der jüdischen Literatur. Welcher Gegensatz! Aber das erhaltende Motiv ist klar. Als die sanatischen Herrscher Spaniens den Juden ihres Landes die Wahl stellten, entweder zur römischkatholischen Kirche überzutreten, oder ihr Vaterland, ihre Besitzungen, ihren Lebenserwerb zu verlassen: Da theilte sich die jüdische Masse, der eine Theil blieb seiner religiösen Ueberzeugung getreu, verließ die geliebte Heimath und zog in die ungewisse Ferne hinaus, selbst in Gefahr, zu einem nicht geringen Theile unterzugehen. Sie fanden im Osten und später im Norden eine Zufluchtsstätte, in welcher sie noch heute bestehen und theilweise blühen. Was aber wurde aus jenen Abgefallenen auf der iberischen Halbinsel? Was sich unter ihnen durch Reichthum und Stand auszeichnete, verfiel den Kerkern und Scheiterhaufen der Inquisition, die Masse sank unter das Volk ein, und verlor sich. Diejenigen unter den elfteren, in welchen der Glaube der Väter vor den Schrecken dieser Verfolgung von neuem hell erwachte, flohen aus den Grenzen des zelotischen Landes nach Gegenden, wo die Gewissensfreiheit die Herrschaft zu führen begonnen hatte. Hier wurden sie in den Schoß der bestehenden Gemeinden ausgenommen und ihre Nachkommen sind daselbst noch heute in vollem Bestände. — Doch genug dieser geschichtlichen Erinnerungen, welche die unbestreitbare Thatsache beleuchten sollten, daß die Juden ihren Fortbestand nur ihrer Anhänglichkeit an die väterliche Religion, ihrer Ueberzeugungstreue verdanken, die unter dem Brausen der Stürme wie unter den Sonnenstrahlen des Friedens, unter dem Druck der Beschränkungen und Mißhandlungen, wie unter dem Flügelschlag der Freiheit sich gleichblieb. Das zweite Motiv ist, was wir jüngst im Leitartikel „Unsere Stätten" hervorgehoben: der Zug in den Juden, der zu einem Characterzuge geworden, ist nach den Ländern und Mittelpunkten des Verkehrs und der Bildung, kurz nach den Stätten der Cultur. Wir wollen hierfür eine höchst bemerkenswerthe Thatsache anführen: warum sind in den europäischen Ländern zwischen 5 bis 6 Millionen Juden ansässig, während im Orient, ihrem Stammwelttheile nur eine verhältnißmäßig geringe Anzahl verblieben ist? In den ost- und mittelasiatischen Ländern begegnen wir fast gar keinen Juden, unter den 250 Millionen Bewohnern Indiens leben kaum 12,000 Juden; in Persien 30,000, wobei noch die unter den Kurden lebenden mitgezählt sind; selbst in der asiatischen Türkei, Städte, wie Bagdad, Smyrna und Jerusalem eingeschlossen etwa über 50,000; wenn in der europäischen Türkei, in Constantinopel und Salonichi 100,000 wohnhaft sind, so sind sie hierher durch die Vertreibung aus Spanien gebracht worden. Statt also, wie es eigentlich folgerichtig erscheint, bei den Verfolgungen und Austreibungen unter Bespasian, Hadrian, Constantius sich in das Innere des Orients zu flüchten, zogen sie es vor, in die Länder ihrer Feinde, der Römer zu ziehen, und dieselben ihrerseits zu bevölkern. Später zogen sie in hellen Haufen nach Südrußland, und noch gegenwärtig zählen aus den Ländern der Bedrückung die Auswanderer nach Palästina nach Hunderten, während Tausende jährlich in Nordamerika landen. Es ist also als ob die Juden die Völker und Länder scheuen, in welchen der Stillstand und der Tod heimisch geworden, als ob sie ihre innerste Natur dahin treibt, wo lebendiger Verkehr und steigende Bildung ihre Stätten gefunden und eine Zukunft des Lebens, der Aufklärung und der Freiheit verheißen. Dahin fühlen sie sich gezogen, da suchen sie ihre Rettung, da glauben sie freien Spielraum für die Verwendung und Ausbildung ihrer Kräfte zu finden. In der That verloren sie im Oriente ihre ursprüngliche Kraft, sanken auf die unterste Stufe, nicht der Sittlichkeit, wohl aber der Voksbildung herab, ließen sich aus allen vortheilhaften Positionen — auch in der europäischen Türkei — von Griechen, Armeniern und anderen Inländern zurückdrängen — während in Europa alle Ausnahmegesetze und Beschränkungen sie nicht verhinderten, wo irgend ihnen Raum gewährt wurde, an dem gewerblichen und wissenschaftlichen Leben Theil zu nehmen und strebsam mit Erfolg zu bleiben. Wir brauchen nicht noch einmal die außerordentliche Wirkung dieses Momentes auf die Erhaltung der Juden zu zeichnen. Wer in den Wettkampf des Lebens eintritt, muß sich rühren, muß alle Kräfte entwickeln und verwenden, wird vom lebendigen Strome ergriffen und weitergeführt, entfaltet seinen Geist und behält das Bewußtsein seiner Stellung, seines Wollens und Zieles. Diejenigen aber, die der Lethargie anheimfallen, unter die allgemeine Cultur versinken, sich selbst aufgeben und ihrem Schicksale sich überlassen, gehen allmählig unter, wenn nicht besondere Ereignisse eintreten und Hülfe und Anstoß von außen kommen. Diese Erkenntniß ist von hoher Bedeutung für uns, denn sie zeigt uns die Wege, die wir auch fernerhin zu beschreiten haben: die Ueberzeugungstreue und das Streben nach Geistesbildung, gewerblicher und wissenschaftlicher Thätigkeit müssen uns beseelen, begeistern und die Leuchtsterne für unsere weiteren Pfade sein. Wir wissen nun, was uns erhalten hat und erhalten wird, und in dieser Gewißheit kann es uns niemals zweifelhaft sein, wodurch wir unseren Fortbestand sichern und für uns und die Menschheit nützlich machen.

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