Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 39 (21.9.1886)
- Date
- 1886-09-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Atlgemein.e ZMunA des Hudenlhums Ein mMteiWes Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig S Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Gxpeöition: Leipzig, Wc>ßpk<rh 17. In redaktionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philrppson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 50. Jahrgang. Leipzig, den 21. September 1886. Nr. 39. Inhalt. Leitende Artikel: Was hat uns erhalten? — Einen Blick auf die Weltlage. — Die Moral Kohelets. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Wormditt. — Oesterreich-Ungarn: Pest, Lemberg, Krakau. — Italien: Mantua. — Frankreich: Paris. — Rußland: Turek. — Großbritannien: London. — Amerika: Pest. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Einige Fragen aus der Moral. — Ein Hofbankier. — Correspondenz. Bonn, 15. September. Was hat uns erhalten? Mögen viele den Bestand des jüdischen Stammes durch so viele Jahrhunderte hindurch für wunderbar ansehen: für uns liegen die inner» Triebfedern dieser merkwürdigen Erscheinung klar vor. Wir sehen ab von nebensächlichen Momenten, wie Nationalität, Abstammung, Sprache, denn diese waren in vielen Völkerschaften vorhanden, ohne daß sie dieselben vor Zersetzung, Auflösung und Verschwinden hätten schützen können. Viel großartigere und tiefer gehende Motive mußten wirksam sein, um jenen großen Erfolg zu erwirken. Uns sind zwei solcher erkennbar. Das eine ist: Die Religion, die große religiöse Idee des reinen Monotheismus, welche nach innen und außen Israel zur Gegenwehr gegen Abfall und Auslösung, Vergewaltigung schützte, so daß zwar von Zeit zu Zeit sich abgestorbene Theile loslösten, der Kern des Volkes jedoch seinem geistigen Lebenselemente und seinem Berufe treu blieb. Wir wollen dies an mehreren Beispielen erweisen. Die zehn Stämme, welche, von ihrer Trennung von Juda an, dem Heidenthume verfallen waren, so daß dieses die Gotteslehre bei ihnen überwand, als sie von Salmanassar nach den assyrischen Landschaften versetzt waren, gingen daselbst verloren; die kümmerlichen Reste, die in Samarien zurück geblieben, vermischten sich schnell mit Ankömmlingen, welche dahin verpflanzt worden. Man hat lange Zeit nach den zehn Stämmen gesucht, und sie bald in diesem oder jenem Erdwinkel, in diesem oder jenem Volke wiederfinden wollen; doch die Täuschung ward bald offenbar. Seitdem jetzt die ganze Erdoberfläche bekannt geworden, hat man die Bemühung aufgegeben und sieht die zehn Stämme als verloren an. Welch anderes Bild bieten uns die Judäer! In Juda, wie uns die Propheten selbst bezeugen, war die Gotteslehre stets mächtig geblieben, und gerade das traurige Geschick, das ihnen so oft von den treuen Dienern Gottes vorhergesagt worden, wirkte religiös belebend auf die Masse, so daß sie schon hier der Gewalt und der Verlockung widerstand, und große Züge durch die Wüste nach den Trümmerhaufen im Lande der Väter entsandte, welche die zerstörten Städte wieder aufbauten, die brach liegenden Felder und Weinberge wieder bepflanzten, an die Wiederherstellung des Tempels und des Cultus gingen, und nach kurzer Zeit das verödete Land wieder zu einem stark bevölkerten machten. Die Religion Israels war ihre Standarte, und jedes heidnische Gelüste war verschwunden. Ein anderes Beispiel aus derselben Zeit. Die von Nebukadnezar zurückgelassenen Bewohner sammelten sich nach der Ermordung des Statthalters Gedaljah und entschlossen sich nach Aegypten zu fliehen. Vergebens widerrieth ihnen dies Jeremias mit den strengsten Worten: sie schleppten sogar den Propheten mit sich nach dem Lande des schnödesten Götzendienstes. Sie gingen daselbst unter, da sie sich diesem letzteren Hingaben. Nach demselben Lande verpflanzte einige Jahrhunderte später derMacedonierAlexander eine bedeutende Mzahl jüdischer Colonisten. Sie waren dem religionstreuen Juda entnommen, nahmen ihre Gotteslehre und ihr Schriftthum mit sich, schaarten sich um diese, er> 39