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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-09-14 · Heft 38 (14.9.1886) · p. Seite 605

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 38 (14.9.1886)
Date
1886-09-14
Page
Seite 605 (sequence 13)
Language
German
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605 heilen stecken. Kurzum, er wurde beleidigend, und da ich aufgeregt ihm in gleicher Weise antwortete, wies er mir die Thüre. Es war auch Zeit daß ich ging, sonst wäre es zu Thätlichkeiten gekommen, und ein Zweikampf unvermeidlich. Nun frage ich Sie, ob ich nicht besser gethan hätte zu schweigen, da ich doch nichts ausgerichtet, und mir nur die Gelegenheit abgeschnitten ist, ihm irgendwie beizustehen und zu helfen, wo es möglich wäre..." Da ich dem auch jetzt noch Aufgeregten nicht gleich antwortete, fuhr er fort, nachdem er sich in die Ecke eines Sophas geworfen: „Ja, schweigen muß man, und dann erst recht, wenn man sich zu reden aufgefordert fühlt. Heißt es doch im alten Sprüchwort: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold." Ja, schweigen ist immer Gold, Reden sehr oft Blech und nicht selten Blei. Schon griechische Philosophen, und nach ihnen Cicero haben die Frage erörtert: hat die Beredtsamkeit den Staaten nicht viel mehr geschadet als genützt?') Aber ich halte mich lieber an jenen Ausspruch eines jüdischen Weisen, der da sagte: „Ich bin alt geworden unter Weisen, und habe eingesehen, daß es für den Menschen nichts Besseres gebe, als schweigen." Daran will ich mich ferner halten, und mir nicht einmal noch spöttisch selbst zurufen: 0 si tacuisses, philosoplius mansisses! Hätte ich geschwiegen, wäre ich der Freund meines unglücklichen Vetters geblieben!" — Jetzt hielt ich es doch an der Zeit, ernstlich zu antworten. Ich glaube, sagte ich, Sie beurtheilen die Sache in Ihrer Aufregung falsch. Wie, wenn Sie nicht gesprochen hätten, und der bedauernswerthe junge Mann geräth in das Verderben, in das Sie ihn sich stürzen sehen, jedenfalls aber in den schweren sittlichen Verlust, dem er schon jetzt anheimgefallen? Würden Sie sich nicht die bittersten Vorwürfe machen, Ihre Pflicht nicht gethan und die Dankbarkeit aus den Augen gesetzt zu haben, die Sie seinem Vater schulden? Jetzt können Sie wenigstens sich zu Ihrer Beruhigung sagen, Sie haben versucht, was in Ihren Kräften stand, wenn Sie auch nicht verhindern konnten, was außerhalb der Grenzen Ihrer Macht lag. Kommen Sie mir mit Citaten, so kann ich Ihnen auch mit einer stattlichen Menge aufwarten. Der weise Prediger sagt: „Es ist eine Zeit zu reden und eine Zeit zu schweigen", d. h. es giebt Verhältnisse und Lagen, in denen wir sprechen müssen, und dies angemessen und nützlich ist; andere Umstände dagegen legen uns auf zu schweigen, weil dies allein zweckmäßig und vortheilhaft ist. Jene alten Weisen, von denen Sie sprachen, kamen zu dem Schlüsse: „Weisheit mit Beredtsamkeit nützet den Staaten, aber Beredtsamkeit ohne Weisheit ist ihnen höchst gefährlich." In der h. Schrift wird das Reden oft genug gepriesen, als eine Gabe Gottes 1) S. die Abhandlung von vn Robert Philippson über diese Frage in den Jahrbüchern für class. Philol. 1888. Hest 6. und von großer Wirksamkeit. Als Moses auf Horeb seinen Mangel an Redegewandtheit vorbrachte, zu Pharao und dem Volke zu sprechen, antwortete ihm der Herr: „Wer hat dem Menschen einen Mund gemacht? oder wer macht stumm oder taub oder sehend oder blind? Nicht Ich der Ewige?" Jesaias ruft aus: Der Herr, der Ewige, gab mir die Zunge der Jünger, zu wissen den Müden mit Worten zu stärken!" Am kräftigsten aber schildert Jeremias in seiner Berufung die Wirkung des begeisterten Wortes: „Da sprach der Ewige zu mir: Sieh', ich habe meine Worte in deinen Mund gelegt. Schau, ich habe dich an diesem Tage bestellt über die Völker und über die Königreiche auszurotten und zu zerstören und zu verderben und zu verheeren, zu bauen und zu pflanzen." Doch genug der Citate. Was geht aus allem Dem hervor? Daß das Reden wie das Schweigen große Vorzüge, aber auch nicht geringe Nachtheile haben, daß sich grundsätzlich weder das Eine noch das Andere empfehlen läßt. Ist doch die Sprache das eigentliche Werkzeug und Mittel zur Entwickelung der Menschheit und jedes einzelnen Menschen; ohne sie kein Verkehr, keine Mittheilung, keine Einwirkung unter den Menschen untereinander und eines Geschlechtes auf die nachfolgenden. Aber Sie werden mich fragen: wozu nützt dann unsere ganze Erörterung? Nun, es ergiebt sich daraus, daß wir stets vorher bedenken, ja in wichtigen Angelegenheiten genau erwägen müssen, ob und was wir sprechen sollen; jedes unbedachte Wort sei zu vermeiden, und möglichst jede Leidenschaftlichkeit in Worten hintanzuhalten. Dies ist der Kern der Sache. Und zwar nicht blos in gewichtigen Verhandlungen, sondern schon im geselligen Verkehr. Fällt doch da manchmal ein unbedachtes Wort wie eine Bombe hinein, verscheucht die heiterste Laune und macht verstimmt und ärgerlich. Der Schwätzer verliert alles Vertrauen, der Schweiger flößt kein Vertrauen ein, und wird ihm entweder Beschränktheit des Geistes oder Hinterlist und böse Absicht zugeschrieben: man hält ihn für einen Laurer, dem es an aller Offenherzigkeit fehlt. Ja, viel wird mit der Zunge gesündigt, aber deshalb wird sie keiner entbehren wollen. In den Weisheitssprüchen Salomo's werden darüber viele einsichtsvolle Lehren ertheilt, die immer wieder einmal nachzulesen, sehr nützlich wäre. Und nun noch einmal zu Ihrem Falle. Jede Pflicht, zu deren Erfüllung wir berufen sind oder zu sein glauben, kann für uns Nutzen, aber auch schweren Schaden mit sich bringen. Dürfen wir dies beachten? Nein, die Pflicht muß erfüllt iverden ohne Berücksichtigung des Vor- oder Nachtheils für uns. Verliert deren Erfüllung doch allen sittlichen Werth, wenn wir aus eigennützigen Absichten ihr Folge leisten oder sie unterlassen. So auch die Pflicht zu reden oder zu schweigen. Hier darf uns kein Allgemeinsatz leiten, sondern allein die Erwägung: was ist unsere Pflicht? was ist das Gebot der Pflicht? Ich halte

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