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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-09-14 · Heft 38 (14.9.1886) · p. Seite 604

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 38 (14.9.1886)
Date
1886-09-14
Page
Seite 604 (sequence 12)
Language
German
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604 schaft und fest in ihrem Glauben. Sie war es, welche Littre vertheidigte, den sie nicht kannte, gegen die Berläumdungen, durch welche man ihm die Akademie verschließen wollte. Sie erlangte es, daß der gegen Littre sehr voreingenommene Guizot und seine Freunde bei einem zweiten Scrutinium den verkannten Gelehrten als Mitglied der französischen Akademie erwählten. Die Verstorbene war die Mutter der Barone Alphons, Gustav und Edmund v. Rothschild und der Baronin Nathaniel, Schwiegermutter der Baronin Salomon Rothschild. Sie war besonders von der König Maria Amalia, Gemahlin des Königs Ludwig Philipp, hochgeschätzt, und bewahrte den Orleans eine treue Gesinnung, weshalb sie auch unter Napoleon III. nicht in die Tuillerien kam, so sehr man es auch dort wünschte und es an Entgegenkommen nicht fehlen ließ. Seit dem Tode ihres Mannes residirte die Baronin nur selten auf ihrem Schlosse in Ferneres, das ihr zu lärmend wurde. Wie die meisten Frauen ihrer Familie verstand sie nichts von Sportsachen, hingegen hatte sie den ausgesprochensten Sinn für die Künste, insbesondere für die Malerei, ein Sinn, welchen ihre Tochter die Baronin Nathaniel geerbt hat und welche sie zu einer wahren Künstlerin werden ließ. Sie war mit den meisten berühmten Malern unter der Regierung Louis Philipp's liirt, mit Ingres und Horace Vernet vor Allen. Sehr erfahren in Kunstsachen, hat sie den Grund gelegt zu den Sammlungen in Ferrieres. Als sie vor beiläufig sechs Jahren von der Blindheit bedroht war, war es ihr größter Kummer, daß sie des Anblicks der vielen schönen Sachen entbehren werde, mit welchen sie sich zu umgeben liebte und besonders ihrer Porzellane aus Ssvres, welche sie so sorgfältig und bewundernswerth ausgewählt hatte. Die Staaroperation, welcher sie sich unterzog, befreite sie von diesen Sorgen. Seit mehreren Monaten krank, verschied sie schmerzlos in den Armen ihrer Tochter Charlotte, Baronin Nathaniel Rothschild. Aus dem Schlosse von Boulogne wurde ihr Leichnam in jenes Palais in der Rue Laffite gebracht, für welches sie stets eine besondere Vorliebe gezeigt hat." — Man schreibt aus Bayern: Dem israelitischen Elementarlehrer Mack zu Reckendorf, BA. Ebern wurde in Anerkennung seiner langjährigen vorzüglichen Wirksamkeit die silberne Medaille des Verdienstordens der bayer. Krone verliehen. I e u i f f e f o n. Reden oder Schweigen? Ein gelehrter junger Freund, der mich öfters besucht, um sich mit mir über irgend einen Gegenstand zu berathen, trat jüngst mit verstörten Mienen in mein Zimmer. Der starre Blick seiner Augen und die zusammengebissenen Lippen verriethen mir eine heftige Aufregung. Was ist Ihnen widerfahren? redete ich ihn nach einigen Augenblicken an. Sie sehen ja ganz verändert aus? — Er konnte zuerst keine Antwort finden. Dann sagte er: „Ja, ich bin verändert, ich bin ein Anderer geworden! Ich war stets zu redselig, von nun an aber werde ich schweigen." — Wie? wollen Sie etwa in den Orden der Trappisten treten? — „Das nicht; aber man kann auch außerhalb dieses Ordens ein schweigsamer Mensch sein." — Jawohl, erwiderte ich, aber es muß doch ein außergewöhnliches Begegniß sein, welches Sie zu diesem furchtbaren Vorsatz bewogen hat. Dürfen Sie es mir nicht mittheilen? — „Da würde ich ja meinem eben gefaßten Vorsatz untreu werden!" — Nein, das will ich nicht zu verantworten haben; Allerdings würde es Sie ein wenig von der Last erleichter», die Sie zu bedrücken scheint. Aber ich will Sie nicht überreden. — Ich wußte wohl, er würde nicht lange Stich halten! dazu war er viel zu unmhig; er ging das Zimmer auf und ab, was er sonst in meiner Gegenwart nicht zu thun pflegte. Nach einiger Zeit blieb er denn auch richtig vor mir stehen, und hob an: „Sie haben Recht; ich muß es Ihnen vortragen, und Sie sollen dann urtheilen, ob ich nicht den rechten Entschluß gefaßt habe. Die Sache ist kurz folgende. Ich habe hier einen Vetter, ein junger Mensch mit ansprechendem Aeußern und nicht ohne Geistesgaben; seinem Vater bin ich vielfach zu Dank verpflichtet, und er hat mich aufgefordert, um seinen Sohn mich zu bekümmern und dahin zu wirken, daß er auf dem rechten Wege bleibe. Aber er blieb es nicht; er soll studiren, aber er studirt nicht; er führte einen höchst unregelmäßigen Lebenswandel. Jetzt hat er sich einer Leidenschaft ergeben, die ihn zu Grunde richten, die ihn zum Verderben führen muß. Da trat ich heute zu ihm, setzte ihm das Gefährliche seiner Lebensweise und die Schmach seiner Leidenschaft auseinander; ich sprach aus vollem Herzen, und glaubte, es müsse zum Herzen gehen, und den Jüngling verwarnen. Ich erinnerte ihn an seinen greisen Vater und an die Hoffnungen, die dieser von ihm hege, an den Schmerz und Kummer, den er ihm bereiten werde. Aber ich hatte mich geirrt; der junge Mann tobte gegen mich, nannte mich einen Denuncianten, einen Verräther; er brauche keinen Vormund, und ich solle meine Nase nicht in seine Angelegen-

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