Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 38 (14.9.1886)
- Date
- 1886-09-14
- Page
- Seite 603 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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603 Colonialpolitik zu treiben, d. h. deutsch-katholischen Auswanderern in Palästina Grund und Boden in Pacht oder in Eigenthum zu geben. Man hoffe somit, deutsch-katholische Colonien zu gründen. Jede dieser Colonien solle mit einer Kirche und einer Schule bedacht werden. Pflicht der Katholiken Deutschlands sei es, diese Bestrebungen nach Kräften zu unterstützen. Es müsse der Beweis geliefert werden, daß die Katholiken Deutschlands befähigt seien, an dem Missionswerk in dem Lande der Verheißung vollen Antheil zu nehmen." Wir sehen also, daß Colonien in Palästina zu gründen eine Concurrenz zwischen Protestanten, Katholiken und Juden hervorruft. Die Energie der deutschen Katholiken ist gegenwärtig so stark, daß man sicher darauf rechnen kann, der von der Generalversammlung einstimmig angenommene Antrag auf allseitige Unterstützung dieser zu gründenden Colonien für deutsche Katholiken in Palästina werde gewiß nicht ohne Erfolg bleiben. Nun ist es im Allgemeinen nur vortheilhaft, wenn eine bis jetzt so überaus vernachlässigte Landschaft von inehreren Seiten auö cultivirt, ein regerer Verkehr bewirkt und der Absatz der Erzeugnisse erleichtert wird. Aber andererseits ist zu beachten, daß der Preis des Grund und Bodens dadurch schnell erhöht und der Ankauf neuer Grundstücke erschwert wird. Man wird deshalb von Seiten der Juden wohl thun, wenn man sich beeilt, größere Bodencomplexe zu erwerben, um die rechte Zeit nicht zu verpassen. Hierauf wollten wir die allgemeine Aufmerksamkeit lenken. Man darf nicht vergessen, daß die Katholiken wie Protestanten stets die Mission d. i. die Verbreitung des Christenthums unter den Juden und Mohamedanern bei diesen ihren Bestrebungen im Auge haben, und hieraus auch kein Hehl machen. Bekanntlich machen sie bei den Mohamedanern so gut wie gar keine Fortschritte. Die Armuth und das Elend der meisten nach Palästina gewanderten Juden räumte ihnen dagegen ein günstigeres Feld ein. Kämen die jüdischen Colonien neben den aufblühenden protestantischen und katholischen aus Mangel an Unterstützung herunter, so würde ihnen bei den verschmachtenden jüdischen Colonisten der Seelenfang leichter gelingen. Auch aus diesem Gesichtspunkte muß unter uns ein lebhafteres Interesse für die jüdischen Colonien in Palästina erwachen. Man hat hier schon ein Beispiel. Als in den 40 er Jahren von England und Preußen ein protestantisches Bisthum in Jerusalem gegründet ward, fühlte man alsbald heraus, daß der Zweck besonders auf die Judenbekehrung ging, unter welchen damals aus Mangel an allen wohlthätigen Jusiituten die Proselytenmacherei guten Erfolg versprach. Wählte man doch wohl deshalb einen getauften Juden zum ersten Bischof. Deshalb drang der Redacteur dieses Blattes auf Errichtung eines jüdischen Krankenhauses, und das Haus Rothschild faßte und vollsührte diesen Gedanken. Ihm folgten dann allmählich auch andere Institute, namentlich für Unterricht und Handwerk, wozu man sich auch dies Mal entschließen wird, um die armen Juden Palästinas vor solcher Verlockung zu schützen. Es ist dies für überzeugungstreue Juden in Europa und Amerika eine Pflicht. Japan. Frankfurt a. M., 1. Sept. (Privatmitth.) Unter den großen Ostasiatischen Staaten ist es Japan, das sich ohne Einschränkung der europäischen Cultur eröffnet hat. Nach und nach führt es einen Zweig derselben nach dem andern bei sich ein und begünstigt ihn sogar mit bedeutenden Opfern. Nur Eines, was in vielen europäischen Staaten gang und gebe ist, hat es bis jetzt nicht bei sich aufkommen lassen: Die Beschränkung und Hintenansetzung der Juden. Nicht wenige Industriezweige haben bereits Juden nach Japan verpflanzt und deren Vertreter haben sich bei der vollen Freiheit der Bewegung, die ihnen gestattet ist, Ansehen und Anerkennung erworben. Aber auch die Wissenschaft fordert bereits jüdische Jünger auf, ihr in Japan ihre Kräfte zu gründlicher Pflege zu widmen. So erfahren wir, daß der Rechtsanwalt Di-. Weigert zu Kassel einem Rufe an die Universität Tokio in Japan zur Uebernahme einer Professur für Jurisprudenz zum 1. Oktober folgen werde. Bonn, 12. September. (Notizen.) Der Abgeordnete Ludwig Löwe ist zu Gastein an einer Unterleibskrankheit schwer erkrankt, konnte jedoch nach Berlin gebracht werden. Die Aerzte sprechen die Hoffnung seiner Genesung aus, wenn der Patient die größte Schonung erführe. Hoffen wir, daß derselbe hierdurch von seiner parlamentarischen Thätigkeit nicht zurückgehalten werde. — Der verstorbenen Frau Betty v. Rothschild werden in den Pariser Blättern die anerkennendsten Nekrologe gewidmet. Sie stimmen sämmtlich überein im Lobe ihrer Wohlthätigkeit und ihrer bis vor einigen Jahren ausgeübten geselligen Vorzüge. Das Journal des Debats sagt: „Die Baronin, welche gegen Schluß der Restaurationszeit nach Paris gekommen war, hatte alsbald in ihrem kleinen Wohnhaus in der Rue d'Artois, den berühmten Salon eröffnet, welcher sich nicht eher wieder schloß, als bis Alter und Krankheit ihre Kräfte gebrochen hatten. Alles was aus Namen, auf Geist, auf Talent und Genie Anspruch machen konnte, verkehrte und sammelte sich in dieser einzig dastehenden Stätte. Der Prinz Tallyrand, Alexander von Humboldt, Baron Louis begegneten hier Depuytren, Ingres rc.; später Halevy, Rossini, Meyerbeer, Balzac, Eugene Sue die Tischgenossen der Baronin, wie in derselben Zeit Miguet, Thiers, Cousin; noch später waren Claude Bernard und Paradole ihre persönlichen Freunde. Und sie war treu in ihrer Freund- 3d*