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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-09-14 · Heft 38 (14.9.1886) · p. Seite 602

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 38 (14.9.1886)
Date
1886-09-14
Page
Seite 602 (sequence 10)
Language
German
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602 Her unserer Beamten, entnehmen wir aus folgenden Acten edler Humanität. — In Bezug auf die jüngst in mehreren Städten Rußlands stattgefundenen Ausschreitungen des Pöbels gegen die Juden, hat der Erzbischof von Cherson an seine Glaubensgenossen in seiner Diözese einen Hirtenbrief erlassen, in dem er eine eindringliche Mahnung und Warnung aussprach, mit ihren „jüdischen Mitbürgern" in Liebe und Frieden zu leben. In den brutalen Judenhetzen erblickt er die Wirkung der aus dem Westen eingedrungenen antichristlichen Lehren und Ideen, die auch in Westeuropa eine antisemitische Bewegung hervorriefen. Durch diese Ideen, heißt es in seiner Kundgebung, wurde auch der orthodoxe Glaube der Christen erschüttert, die mit den jüdischen Mitbürgern stets in schönster Eintracht gelebt haben. Nun sind die Sitten der Christen verwildert und „Niemand" gedenkt der heiligen Worte des Erlösers: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" — In ähnlicher Weise hat der Metropolit von Kijew, Platon, sich bei seinem jüngsten Aufenthalt in Krementschug, der jüdischen Deputation mit dem Rabbiner an der Spitze gegenüber geäußert: „Ich kenne die Juden, kenne sie von der besten Seite und bedaure nur, daß die Christen sie noch so wenig kennen gelernt haben, allein ich hoffe, daß die Zeit nicht mehr fern ist, wo das religiöse Gefühl bei der Menschheit gekräftigt werden und sie begreifen wird, daß die Bestimmung eines Christen in den Worten: „Liebe deinen Nächsten" liegt. Wenn man Euch um der Beschuldigung willen verfolgt, daß Ihr Christenblutes bedürfet, so bedenket, daß es eine Zeit gab, in welcher auch die Christen wegen dieser Beschuldigung nicht wenig gelitten haben, und doch haben wir mit christlicher Geduld die schweren Zeiten überlebt. Verzagt nicht! Ich wiederhole es, nicht mehr fern ist die ersehnte Zukunft, wo Euch helle, frohe Tage anbrechen werden." — Der greise um die Judenheit verdienstvolle Bischof in Zgierz (Gouv. Petrokow) feierte kürzlich sein fünfzigjähriges Priesterjubiläum. Wie mir mitgetheilt wird, ließ die jüdische Gemeinde dem Kirchenfürsten in dankbarer Anerkennung des Wohlwollens, welches er derselben stets bewiesen, durch eine Deputation, an welcher sich die Gemeindevorstände und Gelehrten betheiligten, feierlichst eine Gratulations-Adresse überreichen. In der von ihm bei dieser Gelegenheit unter zahlreicher Betheiligung aller Stände und Confessionen in der Kirche gehaltenen Rede, hat er besonders die Verdienste der Juden um die Christen hervorgehoben, wobei er das christliche Publikum wiederholt ermahnte, mit den Juden in Frieden und Bruderliebe zu wandeln, und wie weit das jüdische Bekenntniß zu schätzen sei, schließt Redner, denn es ist ja die Grundlage des Christenthums, der Lehrer des Erlösers u. s. w." — Von mehreren Zeitungen wurde das Gericht colportirt, daß 2000 jüdische Familien in Rostow am Don um der drohenden Ausweisung zu entgehen, von den griechisch-katholischen Priestern die Taufe verlangt hätten und, von diesen zurückgewiesen, in den Schooß der alleinseligmachenden Kirche ausgenommen worden sind. An dieser mit Jubel von der antisemitischen Presse aufgenommenen Nachricht ist nur wahr, daß höchstens — 2 Familien übergetreten sind.— Das „Medicinische Departement" hat über die Anzahl jüdischer Aerzte, Thier- und Zahnärzte, Hebammen und Apotheker in Rußland Bericht eingefordert. — Das Budget der jüd. Gemeinde zu Odessa wächst von Jahr zu Jahr. Vor 8 Jahren betrug es 90,000 Rubel, die letzten 4 Jahre schon 136,000 Rubel und jetzt 160,000 Rubel, wovon die Regierung 6000 gestrichen hat. — Herr S. W. Holdstein (Jsr.) in Pariatin (Rußl.) wurde in den Stadtrath gewählt. — In Turek wurde eine Leiche aus dem jüd. Friedhof ausgegraben und eine Hand abgenommen. Die Regierung hat eine Untersuchung anstellen lassen und, wie verlautet, soll es der christliche Kirchhofsdiener gethan haben. Moses Feinkind. Palästina. Breslau, 1. Sept, (Privatmitth.) Der Zug nach Palästina geht gegenwärtig bei unseren Glaubensgenossen in den europäischen Ländern, in welchen sie so grausam bedrückt werden, wieder auf's lebhafteste, und deshalb muß Jeder, der ein Herz für sie hat, hierauf seine Aufmerksamkeit lenken. Wir wissen wohl, daß die Chancen für Freiheit und Sicherheit unter dem türkischen Scepter ungünstiger sind, als jenseits des Oceans. Aber wenn einmal in den Massen eine gewisse Richtung erwacht ist, so helfen Gründe wenig dagegen, noch dazu, wenn religiöse Sympathien mit ins Spiel kommen. Sich darum von ihnen abzuwenden und ihnen Hülfe zu versagen, weil sie in ihrer Wahl nicht mit unseren Ansichten übereinstimme», wäre engherzig. Kann man doch schließlich ihnen die Zukunst und die materiellen Vortheile drüben so wenig wie hüben garantiren. Es kommt aber noch ein Motiv hinzu, das nicht zu übersehen ist. Bekanntlich haben Protestanten aus Würtemberg und Amerika im h. Lande Colonien angelegt, die zum Theil prosperiren. Es folgten darauf die jüdischen Colonien, über deren gegenwärtige Lage in voriger Nr. ausführlich berichtet worden. Durch diese Vorgänge wurden auch die deutschen Katholiken auf diesen Gegenstand aufmerksam und gründeten im vorigen Jahre einen katholischen Palästinaverein, der bereits ein katholisches Hospiz für katholische Pilger gegründet hat. Jetzt will derselbe seine Missionsthätigkeit ausdehnen. In der am 30. und 31. August Hierselbst stattgefundencn „Generalversammlung der Katholiken hielt der Abg. Janssen einen Vortrag über die katholisch-deutsche Mission in Palästina und bemerkte u. A. „Die zweite Aufgabe des Palästina-Vereins werde sein,

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