Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-09-14 · Heft 38 (14.9.1886) · p. Seite 597

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 38 (14.9.1886)
Date
1886-09-14
Page
Seite 597 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227609-3227648--43821-3264204
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

597 um einen logischen Zusammenhang nachzuweisen. Der Inhalt des ersten Abschnittes ist: „Gottes- und Menschenliebe, die Grundlehre der Halacha und Ethik; Liebe zu Gott und zu den Menschen; Gotteserkenntniß; Heiligung und Entweihung des göttlichen Namens; Offenbarung; Unterricht und Schulen; Ehrfurcht vor dem Lehrer und vor Gelehrten; Götzendienst, Zauberei und Aberglauben; Reue und Buße." Ueber diese Gegenstände werden nun ausführliche Betrachtungen, wie sie in jedem Moralbuche zu finden sind, angestellt, auf Schriftstellen zurückgeführt und manchmal durch Anssprüche des Maimonides bestärkt. Von der Halacha wird nur ausgesagt, daß sie ebenfalls diese Ansichten enthalte. Wir glauben aber, daß es hier am Platze gewesen wäre, Details aus der Halacha anzuführen und ihren ethischen Charakter zu belegen. Und hierzu war Gelegenheit genug geboten, z. B. die Abwehr des Götzenthums und des Bilderdienstes, die trefflichen Verordnungen über Schule und Lehrer. Von allem Diesem erfahren wir aber nur Allgemeines, kurz gehalten. Näher tritt der Berf. seinem eigentlichen Gegenstände im zweiten Abschnitt: «Das Lesen des Schema; die Gebete; das Borlesen aus der Thora und den Propheten; Priestersegen; Tephilin; Mesusa; Schaufäden; von der Verpflichtung des Königs, zwei Thorarollen zu besitzen; die Benedietion; die Cireumcision." Die cultuellen Vorschriften werden nur in sehr kurzen Umrissen dargestellt; dagegen die Bedeutung der Symbole ausführlicher behandelt, und zwar vom hohen, idealen Standpunkte aus. Allerdings ohne Berücksichtigung, daß die Wirksamkeit symbolischer Zeichen und Handlungen durch die Gewohnheit sehr abgeschwächt und zum bloßen Formenwesen herabgedrückt wird. Doch auch dies dürfen wir der Objektivität wegen nicht mit Stillschweigen über- - gehen, daß diese Symbole in der Thora verordnet sind, und so der ethische Gehalt derselben der Thora zu verdanken ist, daß es deshalb die Aufgabe der Halacha nur war, die Formen dafür näher zu bestimmen, was nicht immer glücklich ausgefallen ist. Eingehenderes finden wir auch in diesem Abschnitt nicht. Es galt nämlich zu zeigen, nicht daß die Halacha die sittlichen Gedanken, welche die Thora in ihren Vorschriften zum Ausdruck und zur Bethätigung brachte, beibehalten und bewahrt habe; es war vielmehr zu zeigen, daß die Halacha, indem sie das pentateuchische Gesetz „umzäunte", ansgestaltete, erweiterte und verschärfte, den sittlichen Gehalt gleichmäßig erhöhte und dem Bewußtsein der Bekenner näher brachte. Dies war selbst im Detail nachzuweisen, wenn „die Ethik in der Halacha" wirklich dargestellt werden sollte. Man lese nun z. B. den dritten Abschnitt, der den Sabbath und die Festtage behandelt. Es werden uns hier populäre, fast homiletische Betrachtungen über die Bedeutung jener vom ethischen Standpunkte geboten, nicht selten aus dem modernen Geiste heraus. Diese Betrachtungen beschränken sich aber fast nur auf die Aussprüche und Verordnungen der Thora, und von den Vorschriften der Halacha erfahren wir nichts weiter, als wo sie im Talmud zu finden seien, natürlich nur im Allgemeinen. Hierbei müssen wir noch bemerken, daß selbst die speciellen Gesetze der Thora über diesen Gegenstand nur ganz oberflächlich betrachtet werden, sowie ferner, daß z. B. bei dem Wochenfeste die eigentliche pentateuchische Bedeutung als „Erstlingsfest", andrerseits die halachischen „Zehn Tage der Buße" übergangen wurden, die beide doch von hohem ethischem Werthe sind. — Um unserem Autor gerecht zu werden und dem Leser Gelegenheit zu geben, sich über die Art, wie der Verf. seine Gegenstände behandelt, selbst ein Urtheil zu verschaffen, geben wir hier wörtlich ans dem fünften Abschnitt das wieder, was er über die Speisegesetze sagt: „Auch die Beobachtung der Speisegesetze erklärt die Schrift als Pflicht besonderer Heiligung. Mit der Ermahnung: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig", schließt jenes Kapitel (Leviticus 11, 45), welches die Vorschriften über die zum Genüsse erlaubten und verbotenen Thiere enthält; die einleitenden Worte zu denselben Gesetzen im Deuteronomium (Kap. 14, 4) lauten: „Du sollst nicht essen, was ein Greuel ist." An beiden Stellen werden endlich die zum Essen verbotenen Thiere als „unrein" bezeichnet. Schon daraus dürfte man auf die ethische Bedeutung der Speisegesetze schließen, wenn wir auch die Entheiligung, die durch deren Uebertretung erfolgt, vielleicht nicht eins ehe n. Aber abgesehen hiervon, bedingt die Enthaltsamkeit und Entsagung, die mit der Beobachtung dieser Gesetze verbunden ist, einen hohen Grad moralischer Kraft, und indem wir diesen immer mehr und mehr zu erhöhen streben, schaffen wir die stärkste Schutzwehr gegen den Andrang der unsittlichen Begierde. Wohl fordert das Judenthum von seinen Bekennern nicht, daß ihr Leben ein asketisches sei, wir sollen vielmehr in Gottes herrlicher Natur unseres Daseins uns freuen und Andere erfreuen, genießen und Andere am Genüsse theilnehmen lassen; heißt es doch im Talmud: Der Mensch wird zur Verantwortung gezogen werden über Genüsse, die er als -erlaubt und erreichbar gesehen und nicht genossen i hat." Wir sollen also von den Gaben des gütigen Schöpfers! Gebrauch machen; allein unser Genuß muß ein mäßiger, ein j mit Enthaltsamkeit und Entsagung verbundener sein, er darf!me als Zweck, sondern bloß als Mittel des Lebens betrachtet werden. „Enthaltsamkeit führt zur Reinheit, dies zur Heiligkeit." In dieser Tugend nun üben wir uns auch, wenn wir die Speisegesetze beobachten, darin möchte ihr ethischer Werth zu finden sein. Ein jedes der göttlichen Worte ist lauter; dies will andeuten — bemerkt Rab — „daß die Gesetze Israel ertheilt wurden, um es zu läutern und von der Begierde zu reinigen. „Erwägen wir endlich, daß die Berechtigung des Men-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.