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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-09-14 · Heft 38 (14.9.1886) · p. Seite 596

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 38 (14.9.1886)
Date
1886-09-14
Page
Seite 596 (sequence 4)
Language
German
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596 gottesdienstlichen Reform im Hamburger Tempel (1820 und 1840), nach der ersten Rabbinerversammlung in Braunschweig (1844), nach dem jüdisch-ungarischen Congresse, woraus schließlich an einigen Orten in Deutschland und England, an vielen in Ungarn, eine Trennung von Gemeinden hervorging. Solche Absonderung von Gemeinden hat aber dem Judenthume niemals Schaden gebracht, niemals zu größeren Spaltungen, Gehässigkeiten oder gar Thätlichkeiten, zur Sektirerei und Religionsverfolgungen Veranlassung gegeben. Dafür zeugt besonders der Bestand der verschiedenen Ritus. In von einander entlegenen, in geringem Zusammenhänge stehenden Ländern bildeten und entwickelten sich in alter Zeit von selbst verschiedene Ritus, welche zwar dieselben Hauptgebete und Ceremonien, sonst aber in den Zusatzgebeten und in vielen Formen des Gottesdienstes charakteristische Verschiedenheiten haben. Zu Kämpfen kam es darüber nirgends, wenn auch zwischen den Anhängern des sog. portugiesischspanischen und des deutschen Ritus eine Entfremdung stattsand, die da, wo sie sich berührten, selbst eheliche Verbindungen verhinderte; zwischen dem deutschen und polnischen Ritus dagegen kam dergleichen nicht vor, und jeder Ankömmling fügte sich dem Ritus, welchen die ersten Begründer einer Gemeinde mitgebracht hatten. Alle diese Vorkommnisse, auch in der Gegenwart, drangen nicht tiefer in die Massen ein. Man kann nicht verkennen, daß, so sehr auch die Juden innerhalb ihrer Gcmeindekreise zu kleinen persönlichen Zwistigkeiten und Zänkereien geneigt sind, sie doch im Ganzen eine echte Friedensliebe beherrscht, die sich, selbst bei verschiedener Glaubensmeinung, in allen wohlthätigen Werken und Einrichtungen immer wieder kundgiebt und den Bestand der Gemeinden aufrecht erhalten will. Auch der nicht auf jüdischem Boden entsprungene, sondern aus fremdem Gebiete übernommene „Bann" konnte zwar zu Zeiten einigen Individuen Nachtheile bereiten, blieb aber im großen Ganzen wirkungslos. Dies kam vorzugsweise daher, daß es keine kirchliche Oberbehörde gab, von welcher der Bann verhängt werden konnte. Vielmehr stand es einem Jeden, der irgend einige Autorität besaß, frei, den Bann auf seinen Gegenpart zu schleudern. Dieser parirte dann mit derselben Waffe, und so mußte diese schließlich ohne Wirkung bleiben und sich nach und nach völlig abschwächen. — Wirkliche Beispiele fanatischer Verfolgung kamen deshalb während dieses langen Zeitraumes nur wenige vor, wie z. B. Uriel Akosta, der jedoch die ihm gewordene Behandlung selbst hervorgerüfen hatte. Einen weniger tragischen Ausgang hatte das Verfahren der jüdischen Gemeindebehörden zu Amsterdam gegen Baruch Spinoza. Jüdischerseits fügte man sich bald in die Lage und ignorirte das weitere Vorgehen derer, die sich getrennt oder die geradezu abgefallen waren. — Wir haben in dieser Skizze alle wesentlichen Thatsachen, deren Ursachen und Wirkungen zusammengestellt und suchten weder Etwas zu verheimlichen noch zu beschönigen. Wir glauben die historische Wahrheit in keinem Punkte verletzt zu haben. Um so befriedigender erscheint uns das Bild, das wir zu entwerfen hatten. Es constatirt, daß allerdings die Toleranz Grundzug des Judenthums war. Wir geben zu, daß die geschichtlichen Verhältnisse in der zweiten Hälfte unserer Geschichte hierzu mitwirkten. Diese hätten jedoch, wenn jener Charakterzug des Judenthums nicht vorhanden gewesen wäre, nicht ausgereicht, um all die Wirren, Religionsstreitigkeiten und Verfolgungen zu verhindern, welche auch in den kleinsten Kreisen durch den Dämon des religiösen Fanatismus angefacht werden und bis zum Zerfall und zur Vernichtung so oft geführt. Mit allen den von uns angeführten Thatsachen in der Hand, wird man jener verleumderischen Behauptung, von welcher wir ausgegangen, stets entgegentreten und sie zum Schweigen bringen könnend) Die Ethik in -er Halacha. ii. Wenn wir im vorigen Artikel auseinandergesetzt habe», daß die Halacha ihre höchste Tendenz nicht in der Ethik, sondern in der Erhaltung und Sicherung des ganzen Judenthums und der von diesem getragenen monotheistischen Gotteslehre gehabt; wenn wir darauf aufmerksam machten, daß die von der Halacha unbedingt geforderte Ausübung des Gesetzes ohne Bedenken und Erwägungen örtlicher, zeitlicher und' persönlicher Rücksichten Raum zu gestatten, die „ethische Einsicht" und die freie Thätigkeit des Gewissens nicht fördern konnte — so war hiermit doch nicht ausgeschlossen, daß die Halacha viele sittliche Elemente und Motive enthalten konnte und enthält. Die Darstellung dieses letzteren Objectes erwarteten wir nun von der Schrift des Herrn Prof. vr. Bloch. Sehen wir nun zu, wie weit er diese Erwartung erfüllt habe. Unser Autor schließt sich völlig der Jad hachsakah des Maimonides an, und theilt deshalb seine Schrift in 14 Abschnitte. Es war dies bequem; ob es aber zur lichtvollen zusammenhängenden Darstellung beitrug, ist uns fraglich. Maimonides giebt eine ausführliche Darstellung der Halacha selbst, und so war seine Eintheilung durchaus sachgemäß. Da jedoch Prof. Bloch nur das Ethische in der Halacha behandelt, so werden dadurch die Gegenstände untereinander gerüttelt und der Autor hat oft eine längere Auseinandersetzung zu geben, 1) Wir sind nur über das Entstehen des Christenthums stillschweigend hinweggegangen, weil in den betr. Berichten so Vieles fraglich und sogar kritisch unhaltbar ist, auch nur einseitige Partei - berichte vorliegen und die Zeit, die hier in Betracht käme, doch keine große Ausdehnung hat. Die Juden zogen sich auch hier bald auf sich zurück und ließen den Gegnern freien Spielraum.

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