Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 38 (14.9.1886)
- Date
- 1886-09-14
- Page
- Seite 595 (sequence 3)
- Language
- German
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595 Gesetz wirklich Geltung habe und religiös verpflichtend sei, spaltete die Geister in zwei Parteien, von welchen die eine, die Pharisäer, dieses Gesetz in seinem ganzen Umfange und in seiner zukünftigen Entwickelung anerkannte, die andere, die Sadduzäer, es verwarf und lediglich das schriftliche Gesetz, das Wort der Thora als unbedingt verbindlich ansah. Daß Reibungen zwischen den beiden Parteien nicht ausbleiben konnten, ist selbstverständlich. Doch verursachte dieses weite Auseinandergehen keine völlige Spaltung, und es mußten erst politische und sociale Verschiedenheiten und Motive hinzukommen, um in der Zeit des Freiheitskampfes auch zum Zusammenstoß der beiden Parteien zu führen. Die große Masse des Volkes stand auf Seiten der Pharisäer, und so kam es, daß unter den Trümmern Jerusalems auch dieser Parteistreit begraben wurde, und die Sadduzäer verschwanden. Allerdings lebte ihr Gedanke noch fort und kam, Jahrhunderte später in der sog. Sekte der Karäer wieder zum Ausdruck und zur Bethätigung. Aber auch innerhalb des Pharisäerthums selbst, d. h. den Lehrern des traditionellen Gesetzes, kamen verschiedene Richtungen zum Vorschein. Besonders zwei Schulen standen sich gegenüber, die des Hillel und die des Schamai. Die erstere neigte sich zu einer freieren, die Verhältnisse der Gegenwart berücksichtigenden Auslegung, während Schamai die strengere und belastendere Seite verfolgte. In einigen Punkten, z. B. hinsichtlich der Ehescheidung, war das Umgekehrte der Fall. Mau wird zugeben, daß ein solcher Gegensatz in einer großen Menge cultureller und Rechtsfragen anderswo zu den erbittertsten Kämpfen geführt und gegenseitige Verfolgung und Mißhandlung hervorgebracht hätte. Aber, so weit nur die Ueberlieferungen reichen, hören wir nichts von tiefergreifenden Wirren und Kämpfen. Alles verlief friedlich, nach den später durch die Mehrheit getroffenen Beschlüssen, welche zumeist den Ansichten Hillels sich zuwandten. Trotzdem die Ausbildung des traditionellen Gesetzes sieben bis acht Jahrhunderte währte und hier und da recht scharfe Gegensätze in Persönlichkeiten sich kund gaben, der Talmud selbst auch über die zahllosen Verschiedenheiten in der Auslegung des Gesetzes berichtet: so überwand doch der Geist gegenseitiger Duldung und Achtung alle Schwierigkeiten, und es gingen aus dieser stetig, aber langsam fortschreitenden Ausbildung keine wesentliche Parteiung, keine Spaltung hervor. Die nachfolgende Zeit löschte immer wieder den etwaigen Zündstoff aus, und so ist der Talmud ein beredtes Zeugniß von der Toleranz, die im Volke und unter dessen Führern, von der Friedensliebe, die sie alle Zeit beseelte, und die den Ausspruch schuf: „Diese und jene sind Worte des lebenden Gottes." Allerdings verfolgte der Talmud die Tendenz, die Juden mit ihrem monotheistischen Bekenntniß hinter dem Schutzwall einer streng geregelten Lebensnorm nach außen abzusondern, und in den Zeiten schwerer Verfolgungen sind wohl diesem oder jenem Talmudlehrer ein harter Ausspruch gegen die Außenwelt entfallen. Aber dies wird durch zahllose Aeußerungen der Menschenliebe und Gerechtigkeit weit ausgewogen. In vielen Punkten verordnete der Talmud Bestimmungen, welche für jene Zeiten zu den humansten gezählt werden können, und zu welchen er ausdrücklich „des Friedens wegen mit allen anderen Menschen" hinzufügt, das heißt doch nichts anderes als daß die Forderungen der Humanität die starre Consequenz des Gesetzes überwinden müsse. So auch im Innern. Selbst die Leugnung der von den Talmudisten als Grunddogmen angesehenen Glaubenssätze, wie der von der Göttlichkeit der ganzen Thora, von der Wiederbelebung der Todten, wird nur damit bedroht, daß der Leugner keinen Antheil an der ewigen Seligkeit haben werde — von einer menschlichen Bestrafung, von einer irdischen Verfolgung ist keine Rede. Ja, man erhebt sich sogar zu dem Ausspruch, daß jeder Mensch ein Jude sei, der den Götzendienst verwirft und verabscheut. — Das Entstehen der karäischen Sekte und die völlige Loslösung derselben vom Mutterstamme brachte natürlich einen Zwiespalt hervor. Man bekämpfte sich recht heftig in Streitschriften; man schickte beiderseitig Sendlinge ab, um Propaganda zu betreiben, was auch sowohl den Rabbaniten als den Karäern gelang; man mied sich und mißachtete einander. Aber zu äußeren Kämpfen, zu persönlichen Streitigkeiten und Verfolgungen kam es nicht, und bald erlosch jede Aufregung wieder, und die Einen wie die Anderen gingen ihres Weges. — Alles dies sind unbestreitbare Thatsachen, für die jedes Wort mit Belegen' nachgewiesen werden kann, und welche wohl beweisen mögen, daß der Grundzug des Judenthums durch alle Phasen desselben die Duldsamkeit gewesen. Es würde ein Armuthszeugniß für die lebendige Geisteskraft im Judenthume und dessen Bekenner sein, wenn man annehmen wollte, daß in den 13 Jahrhunderten seit dem Abschlüsse des Talmud Spaltungen oder doch mehr oder weniger heftige Reibungen nicht vorgekommen seien. Trotz des festgeschlossenen talmudischen Ringes, innerhalb dessen sich der jüdische Geist während dieses langen Zeitraumes zurückgehalten, konnten verschiedene Richtungen, die einander bekämpften, nicht ausbleibe». Wir heben nur den Streit zwischen der Religionsphilosophie und der Orthodoxie hervor, der durch die Vertreibung der Juden aus Spanien und ihre Verfolgung in Frankreich ein nicht zum Abschluß gediehenes Ende erreichte, den, welcher sich zwischen den Kabbalisten und Talmudisten erhob, und der bei dem Erscheinen des Pseudomessias Sabbathai Zwi überaus lebhaft ward und bis in das vorige Jahrhundert durch die Zwistigkeiten zwischen Jonathan Eibeschütz und Jacob Emden reichte; wir erinnern ferner an die Bewegung und Parteibildung nach dem Erscheinen der Mendelssohn'schen Pentateuchübersetzung, nach der 38*