Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 37 (7.9.1886)
- Date
- 1886-09-07
- Page
- Seite 588 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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588 Die Bewegung zu Gunsten der bedrängten russischen und rumänischen Juden, die jährlich zu Tausenden auswandern müssen, ist im Wachsen, und wendet sich vollständig von Amerika ab, wo Ackerbau und Colonien viel Geld erfordern, dreimal soviel als in Asien, und die Auswanderer fast alle nicht soweit kommen; Es ist zu wünschen, daß in ihrem neuen Ziele diese wohlthätige Bewegung glücklicher sei als in Amerika. Bonn, 29. August. (Notizen.) Rheinische Blätter berichten aus Münster: „Ein vom Judenthum zum Anglieanismus übergetretener englischer Prediger bereist zur Zeit das Münsterland, um die Israeliten zu bekehren. Bis jetzt war derselbe im Kreise Beckum thätig. Von Erfolgen verlautet noch nichts." Es scheint, daß eine solche Erscheinung diesen Blättern ueu ist, während sie bereits seit etwa 70 Jahren im Gange ist und die gleiche Erfolglosigkeit überall aufzuweisen hat. Die bigotten Engländer und Engländerinnen geben das Geld dazu her und die Herren Missionäre, oft mit Weib und Kind, verzehre» es, und tvir Juden — zucken die Achteln und lassen sie gewähren. Wir haben seiner Zeit über die große Theilnahme berichtet, welche der Tod des Bürgern Rothenberg zu Berlin, der sich durch sein gemeinnütziges Wirken ausgezeichnet hat, hcrvorgerufen. — Eine Feier zu Ehren des am 0. Januar verstorbenen Jakob Rothenberg fand nun am 23, August aus Anlaß seines Geburtstages und der Grabsteinaufrichtung auf dem alten jüdischen Kirchhofe vor dem Schönhauser Thore um 11 Uhr statt. Vertreten waren der Central-Verein für Arbeitsnachweis durch Herrn Fabrikanten Max Hey, die Sanitätswache Blumenstraße 59, vertreten durch Herrn Kaufmann Le Bret, und der Wahlverein der Fortschrittspartei im IV. Berliner Reichstagswahlkreise, vertreten durch Herrn Kaufmann Max Schulz. Jede Vereinigung ließ unter einigen Worten des Gedenkens einen Kranz auf dem Grabe niederlegen. — Dr. Cohn, Professor an der Facultät in Heidelberg, hat von der japanischen Regierung seine Ernennung zum Professor an der juristischen Facultät zu Tokio erhalte», unter besonders glänzenden Bedingungen. — In Turek bei Kalisch (Polen) werden, wie mitgetheilt wird, die Juden ohne Grund von den Beamten, besonders von dem neuen Bürgermeister Dobroczynski aufs Schlimmste bedrängt. Ohne Bestechungen werden die Juden von der Regierungslieferung und dergl. ausgeschlossen. — In Consta n t i n e (Algerien), wie die „Arch. isr." mittheilen, fand am 8. August die Beerdigung eines der ersten Mitglieder der israelitischen Gemeinde statt, des Herrn David Narboni, ehemaligen Generalraths und Mitgliedes des israelitischen Consistoriums. Die ganze Bevölkerung, ohne Unterschied des Glaubens, hat sich eine Pflicht daraus gemacht, deni Leichenzuge zu folgen, der, nach dem letzten Willen des Verstorbenen, ein höchst einfacher war. Der Großrabbiner Lsvy sprach die Grabrede. Er erinnerte an die Dienste, welche der verstorbene Betrauerte Allen und besonders dem algerischen Judenthume geleistet, durch den großen Antheil, den er an Allem nahm, was geschah, um die Naturalisation en masse seitens der algerischen Juden zu sichern. Unsre Feinde wiederholten überall, daß die Araber der Naturalisation feindlich wären; Herr D. Narboni hat eine Erklärung erlangt, von den ersten Caids und arabischen Würdenträgern unterzeichnet, welche diese Behauptung widerlegt. Dies ist eins der wichtigsten Dokumente des vom Centralconsistorium gebildeten Actenstückes und hat die Naturalisation gesichert. — Nach der letzten Verfügung des Herrn Narboni ist die Summe von 1500 Francs unter die Bureaus der katholischen, muselmännischen und israelitischen Wohlthätigkeitsvereine vertheilt worden: Dies war der Unterschied der Begräbnißkosten, die er «»geordnet, von denen, welche seine Familie vornehmen wollte. Bonn, 29. August. (Literarische Notizen.) Wir habe» jüngst nachgewiesen, daß ein in einer Sonntagsbeilage zur „Bossischcn Zeitung" vom 18. Juli aus dem Spanischen übersetzter Brief, angeblich von Barrios verfaßt und die Geschichte des Uriel Acosta enthaltend, die Beweise der Unechtheit j an sich trägt, zugleich von antisemitischer Tendenz ist, da er viele gehässige Ausdrücke gegen Andersgläubige bringt. Wir haben unseren desfalsigen Artikel der Redaction der „Voss. Ztg," zugesandt, aber weder diese noch der sich unterzeichnende Anonymus hat davon Notiz genommen. Wir sehen dies als eine Bestätigung unserer Beweisführung an. — In den letzten Jahren sind im Nilthale 5 Pyramiden geöffnet worden und hat man darin die Wände der Kammern und Corridore mit Hiroglyphen-Jnschriften bedeckt gefunden, welche so einen sehr großen Umfang einnehmen. Der bekannte französische Gelehrte Maspero, der einige Jahre Vorsteher des ägyptischen Museums zu Bulack gewesen, hat jetzt einen Theil dieser Inschriften und deren französische Uebersetzung veröffentlicht, welche letztere zwar vieler Berichtigungen bedarf, im Ganzen jedoch den Inhalt dieser Inschriften völlig erkennbar macht. Bemerkenswerth ist, daß alle diese Inschriften nicht das Geringste über die Thaten der daselbst begrabenen Könige enthalten, sondern sich nur mit dem zukünftigen Leben und dem beschäftigen, was den todten Königen im Jenseits begegnen werde. Man sieht hieraus, daß die alten Aegypter kein geschichtsschrcibendes Volk, sondern vorzugsweise von religiöser Tendenz war, besonders aber sich mit dem Todtencultus beschäftigte. Jeder verstorbene König ward mit dem Tode ein Gott, und sein irdisches Leben war deshalb für ihn von keiner Bedeutung mehr. Die Inschriften sind offenbar aus einem Buche entnommen, aber nicht nach dem Zu-