Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 37 (7.9.1886)
- Date
- 1886-09-07
- Page
- Seite 581 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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581 jede religiöse und sittliche Angelegenheit zu einer Rechtssache zu machen. Wir haben dies wiederholt erwiesen, besonders in den „Weltbewegenden Fragen" Th. II S. 349, wenn wir auch bei den Apologeten des Talmuds damit noch geringen Anklang gefunden haben. Es ist dies aber in der Gegenwart um so mehr von Bedeutung, als die freie Thätigkeit des Gewissens auf dem Boden der religiösen und sittlichen Handlung zum Durchbruch gekommen ist, so daß hieraus der Widerspruch zwischen dem Fundamentalsatze unseres Autors und seiner Festhaltung der Halachischen „Grundanschauung" erklärlich ist. Sehen wir nun, in wie weit abseits der letzteren, im Einzelnen das sittliche Moment in der Halacha zur Geltung und zum Ausdruck kommt. Siegen, im August 1886. Eine Lücke in -em Religionsunterrichte -er jüdischen Volksschule. Bon Felix Koblenz. Der jüdische Religionsunterricht, welcher lange Jahre hindurch gerade in der Volksschule im Argen lag, hat in neuerer Zeit, nachdem neben Lehrer- und Rabbinerconferenzen sich besonders der hochverdiente deutsch-israelitische Gemeindebund, sowie diese Zeitung angelegentlichst und eingehend mit ihm befaßt, einen erfreulichen Aufschwung genommen. Wenn auch die staatlichen Einrichtungen denselben bis heute noch gänzlich ignoriren, so sind doch viele Gemeinden endlich zu der Einsicht gelangt, daß nur ein gediegener Religionsunterricht im Stande ist, das Heranwachsende Geschlecht auf die Dauer vor religiösem Jndifferentismus zu bewahren, und Dank dieser besseren Einsicht ist man denn auch vielfach dazu übergegangen, für die religiöse Erziehung der Jugend in höherem Maße als bisher Sorge zu tragen; nichtsdestoweniger aber bleibt immerhin noch viel zu thun übrig, wenn die Erfolge auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes durchschlagende sein sollen. Da muß vor allen Dingen — ich halte das für das zunächst wichtigste — noch ein Unterrichtsgegenstand als, wenn ich so sagen kann, obligatorisches Fach in den Lehrplan der israelitischen Volksschule (in der Religionsschule ist er ja schon vielfach eingeführt) Aufnahme finden. Ich meine die nachbiblische (jüdische) Geschichte, welcher nach der systematischen Religionslehre zweifellos die erste Stelle im religiösen Unterricht gebührt. Wenn sie diesen Platz bis heute noch nicht eingenommen hat, so ist das eine jedenfalls sehr zu bedauernde Thatsache, die einer gesunden Entwickelung des Judenthums nichts weniger als förderlich war. Ja, ich stehe sogar nicht an, zu behaupten, daß der religiöse Jndifferentismus, der gerade im Judenthum so craß hervortritt, seinen Grund zum großen Theil in dem Umstande hat, daß die Juden ihre eigene Geschichte zu wenig kennen. Die Christen lernen in ihren Volksschulen die Geschichte ihrerKirche; als Preußen und Deutsche lehren wir selbst unfern Schülern die herrlichen Großthaten unseres Volkes, die unvergleichliche Geschichte unseres engeren und weiteren Vaterlandes (wir halten das für etwas ganz Selbstverständliches, und gewiß, es muß auch so sein); als Juden aber halten wir es nicht für der Mühe Werth, unsere Kinder mit der Geschichte ihrer Religion bekannt zu machen, ihnen einen Einblick in das endlose Kämpfen und Ringen, das Schaffen und Wirken, das Dulden und Leiden ihrer Ahnen zu ermöglichen. Das ist offenbar ein großer Fehler, eine schwere Unterlassungssünde. Denn soviel leuchtet doch ein, daß Begeisterung für seine Religion, Anhänglichkeit an seinen Glauben schließlich nur der besitzen kann, der nicht nur von den ewigen Wahrheiten dieser Religion durchdrungen ist, sondern der auch nachgelesen hat in dem Buche der Geschichte, mit welch' heroischenl Muthe, mit welch' bewunderungswürdiger Todesverachtung seine Glaubensbrüder von jeher für die Erhaltung dieses Glaubens, dieser Religion eingetreten sind, wie sie seit undenklichen Zeiten für die edlen und erhabenen Sittengesetze dieses Glaubens, die ja einzig in ihrer Art dastehen, gestritten und gelitten haben. Ich kann mir wenigstens nicht denken, daß ein Jude, nachdem er einmal einen Einblick in die geistige Werkstätte seiner Ahnen gewonnen hat, auch fernerhin noch mit spöttelnder Geringschätzigkeit sich über das Judenthum hinwegsetzen wird. Ich hege vielmehr die feste Ueberzeugung, daß jeder Israelit — er braucht noch nicht einmal ideal beanlagt zu sein — sobald er ein klares und anschauliches Bild von dem Leben und Wirken eines Mendelssohn, eines Maimonides, eines Juda Halevy und all' der übrigen Geisteshcroen in sich ausgenommen, sobald er ferner in dem Buche der Geschichte gelesen, welch' schrecklichen Verfolgungen, welch' wahnwitzigen und ungerechten Beschuldigungen seine Glaubensbrüder gerade um ihrer Religion willen, im Mittelalter, besonders während der Kreuzzüge, preisgegeben waren und wie sie trotz alledem und alledem dem Glauben ihrer Väter treu blieben, ich hege, sage ich, die feste Ueberzeugung, daß jeder, der diese Dinge auch nur einmal gelesen, es sich zur Ehre anrechnen wird, ein Jude zu sein, zu dem jüdischen Glauben sich zu bekennen. Und eben weil ich mir von der jüdischen Geschichte eine solche Einwirkung auf Geist und Gemüth verspreche, ganz sicher verspreche, möchte ich ihrer Einführung in die Oberklasse der Volksschule das Wort reden. Ich will in Folgendem versuchen, die hauptsächlichsten der gewöhnlich geltend gemachten Bedenken zu widerlegen. Ein Einwand, der besonders häufig und gerne erhoben wird, ist der Hinweis auf die beschränkte Zeit der Volks-