Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 37 (7.9.1886)
- Date
- 1886-09-07
- Page
- Seite 579 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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579 Hang mit seinem ältesten Bestände ist nicht unterbrochen, und auch dies ist seine Eigenthümlichkeit, daß es eine geschichtliche Nation dauernd von seinem Ursprünge bis zur Gegenwart ist. Rufen wir uns diese merkwürdigen Resultate seines geschichtlichen Lebens in die Erinnerung, um uns selbst zu verstehen und zu würdigen. Die Ethik in -er Halacha. i. Vor Jahren schon sprachen wir in diesen Blättern die Ansicht aus, daß die Morallehre (Ethik) des Judenthums wissenschaftlich nicht anders darzustellen sei, als wenn die ethischen Ansichten und Richtungen jeder der großen Phasen des Judenthums für sich behandelt würden. Gehen auch dieselben Grundzüge durch die ganze Ethik des Judenthums, so gestaltete sich diese in den verschiedenen Epochen nach dem uns vorliegenden Schriftthum auf dem Boden veränderter Verhältnisse und Lebensbedingungen anders, und die Gesammtheit kann nur aus dem Verlaufe der sittlichen Erscheinungen erkannt und verstanden werden. Um das Heiligthum der Ethik des Judenthums in seiner ganzen Größe und Majestät, wie es aus ältester Zeit über die ethischen Anschauungen der Völker hervorragte, auszubauen, müssen das Fundament und die Stockwerke des erhabenen Bauwerks in ihrer eigenthümlichen Structur und Ornamentik aufgerichtet und hergestellt werden. Um für diesen Zweck und die schwierige Aufgabe etwas zu leisten, haben wir nach und nach die Moral des Jesaias/) Jeremias/) Ezechiels/) Jesaias II/) der zwölf kleinen Propheten/) und der Pirke Aboth") gegeben und gedenken mit diesen Bildern noch von Zeit zu Zeit fortzufahren. Es ist uns daher eine sehr willkommene Gabe, daß Prof. M. Bloch, Dozent an der Landes-Rabbinerschule in Pest, soeben eine Schrift „die Ethik in der Halacha" (Pest, Buchdruckerei des Athenäum 1886) veröffentlicht hat, und wie es von dem gelehrten Verfasser vorauszusetzen war, ist sie das Erzeugniß einer umfassenden Sachkenntniß und eines von sittlichen Idealen erfüllten Geistes. Um so mehr fühlt man sich gedrungen, in ein solches Werk kritischen Einblick zu gewinnen. — Eine wissenschaftliche Bearbeitung hat vorzugsweise alles Zusammengehörige zusammen zu stellen, das Entgegengesetzte und einander Widersprechende gegenüber zu stellen, beides zu erklären und zu motiviren und daraus den Geist und den Charakter des Ganzen und des Einzelnen ») Jesaias I Jhrg. 1877 S. 789. Jahrg. 1878 S. 81,191, 273. a) Jhrg. 1885 S. 700. 3) Jhrg. 1885 S. 713. 4) Jhrg. 1878 S. 177. ») Jhrg. 1885 S. 827. °) Jhrg. 1878 S. 309, 331, 353, 515, 530, 546. zu folgern. Was aber außerdem ein wesentliches Moment der Wissenschaftlichkeit ist, das ist die Objeetivität in der Untersuchung und Darstellung, so weit es irgend möglich, sich jeder Voraussetzung, jedes Vorurtheils zu Gunsten oder zu Ungunsten des Objektes zu enthalten, mit gleichem Maße das Licht wie den Schatten zu vertheilen, die Vorzüge und Verdienste wie die Nachtheile und Schäden ins Licht zu stellen. Nirgends ist aber dieses Verfahren nothwendiger als in der Behandlung talmudischer Stoffe. Es giebt kein Schriftwerk, das wie der Talmud so vielen Angriffen, Verläumdungen und bösen Nachreden, Entstellungen und Fälschungen ausgesctzt war und ist. Die meisten dieser Jnvectiven gingen von Menschen aus, welche den Talmud garnicht kannten und sich höchstens die Mühe nahmen, Eifenmenger auszuschreiben und auch diesen noch zu verdrehen und zu fälschen. Dies war um so leichter, als außer den Juden nur wenige Gelehrte eine mehr oder weniger genaue Kenntniß des Talmuds erlangten, die Unkenntniß daher eine allgemein verbreitete und die Neigung, dem Talmud Bösartigkeit zuzutrauen, sehr stark war und ist. Da ist es nicht zu verwundern, daß im Gegentheil die Anhänger und Freunde des Talmuds die Bertheidigung übernahmen, und im Gegensatz nur das Edle und Erhabene in ihm hervorhoben, ihn glorifizirten. So wechselt noch immer die Betrachtung des Talmuds zwischen der Juvective und Apologie, zwischen dem Hasse und der Liebe. So viel nun auch durch diese Polemik die Kenntniß des Talmuds gewonnen hat, so ging es doch mit der wissenschaftlichen Erörterung nur eben da vorwärts, wo einzelne, gewißermaßen neutrale oder indifferente Gegenstände behandelt wurden, nicht aber in der Erkenntniß des Charakters und der tieferliegenden Tendenz. Es muß uns deshalb die Frage beschäftigen, auf welchem Standpunkt sich der Berf. dieser umfänglichen Abhandlung gehalten, aus welcher Grundanschauung heraus er seine Ansichten gebildet und seine Darstellung geformt hat. Bevor wir in das Einzelne seiner Schrift, so weit es im Rahmen dieses Blattes besprochen werden kann, eingehen, richten wir heute unsre Aufmerksamkeit auf die allerdings nicht umfängliche „Einleitung". Diese beginnt mit dem Satze: „Die Sittenlehre begnügt sich nicht wie die des Rechts mit der bloßen Gesetzmäßigkeit unserer Handlungen, sie unterzieht auch die Beweggründe derselben einer strengen Prüfung und ertheilt nur jenen Handlungen den Preis der Tugend, bei welchen die sittliche Einsicht die alleinige Triebfeder ist." Mit diesem Fundamentalsatze wird man sich in vollem Einverständniß erklären müssen. Aus diesem Satze folgt, nach den Worten des Autors selbst, daß es noch keine „Tugend", das heißt keine wirklich sittliche Handlung ist, wenn die alleinige Triebfeder die Gesetzmäßigkeit, d. h. der Gehorsam gegen das Gesetz, gegen die gesetzliche Vorschrift ist, Vielmehr muß die alleinige Triebfeder die dl*