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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-09-07 · Heft 37 (7.9.1886) · p. Seite 578

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 37 (7.9.1886)
Date
1886-09-07
Page
Seite 578 (sequence 2)
Language
German
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die Städte auf und alsbald findet man in ihnen Gruppen von Juden, freilich unter drückenden Beschränkungen. Dahin zogen sie sich, denn Grund und Boden zu besitzen und zu bearbeiten war ihnen untersagt, und wahrlich, es war nicht anziehend, sich in die Schaar der Leibeigenen zu drängen, nachdeni der freie Bauernstand verschwunden war. Nur von den Städten aus konnte selbst der Hausirer den dürftigen Landbewohnern ihre geringen Bedürfnisse bringen und auf dem gekrümmten Rücken zutragen. Viele Jahrhunderte war ihnen die Freizügigkeit versagt und sie mußten sich glücklich schätzen, an den Orten verbleiben zu dürfen, wo sie eine Stätte gefunden. Da sammelten sich oft ziemlich beträchtliche Gemeinden in kleinen Städten, die jetzt zu weltvergessenen Ortschaften herabgesunken. Dennoch kehrten sie bald in den aufblühenden größeren Städten ein und wußten Mittel zu finden, den Herrschern in diesen die Erlaubniß zum Aufenthalte abzugewinnen, oft selbst den mißwollenden. Mit der Freizügigkeit bethätigten sie erst recht den in ihnen wohnenden Zug nach den Metropolen des Lebens und des Verkehrs, des idealen und materiellen Strebens und Ringens. Wie die Großstädte, die Centren der Staaten, immer mehr anschwollen, wandte sich die Menge der Juden vom Lande, aus den Provinzen hinein, und es entstanden in der Neuzeit Genieinden, wie sie nur die Großstädte des Alterthums beherbergt haben. Das stille Gleichmaß der Tage, die im alten Geleise sich bewegende Gewohnheit, war nicht das Theil, welches das Geschick ihnen auferlegte. Mag sein, daß durch den Wandel des Verhängnisses auch die innere Natur dieses Stammes sich verändert hat, denn in der ersten Periode seines Bestandes machte er ein landbebauendes, auf sich beruhendes und beschränktes, nicht nach Außen strebendes, seine Grenzen überschreitendes Volk aus. Wenn es in den letzten Jahrhunderten seiner Nationalität beträchtliche Colonieen in anderen Ländern bildete, so folgte es nur dem Machtgebot fremder Dynasten, die es nach den von ihnen begründeten Großstädten versetzte. Aber mit dem Verluste seines heimathlichen Bodens rief das Geschick in ihm andere Eigenschaften, andere Kräfte hervor und setzte ihm ganz andere Strebeziele. Aber wie dem auch sei, von da ab hat dieser Stamm sich niemals über das weite Land ergossen, sondern seine Arbeitsstätten stets in jenen Mittelpunkten des menschlichen Verkehrs gesucht. Wer kann verkennen, das hierin auch seine geistige Rettung und Erhaltung lag? Dahin versetzt, wo er angestrengt ums Dasein kämpfen mußte und an der materiellen und geistigen Entwickelung theilnehmen konnte, entging er der Versumpfung, dem Versinken in geistige Lethargie. Daher kam es, daß er zu jeder Zeit, wenn man ihm den Eingang nicht versperrte, dem wissenschaftlichen und produktiven Leben sich nähern, sich von ihm durchdringen lassen und mitschaffen konnte; daher kam es, daß, als eine neue Zeit auch für ihn anbrach, er schnell in die allgemeine Culturbewegung einzutreten und sich zur Höhe der Civilisation aufzuschwingen vermochte. So viel man diesem seinem Streben auch Schranken zu setzten suchte und sucht, ihn gerade wegen seiner Culturbewegung angriff und angreift, seine Erfolge durch Verleumdung und Haß zu hintertreiben strebte und strebt: der diesem Stamme zur Natur gewordene Zug kann nicht unterdrückt werden, wird immer alle Hindernisse überwinden, so viele einzelne Opfer er darum auch bringen muß.-Werfen wir noch einen Blick auf jenes Land unserer Väter zurück. Von jener Zeit an, wo Juda gezwungen ward, es zu verlassen, ist es aus einem blühenden Lande fast zu einer Wüste geworden. Mühsam nur bringen die Forscher die Stätten, in welchen früher das wärmste Leben pulsirte, mit dem Namen erbärmlicher Hütten zum Vergleich, um den Platz herauszubringen, an welchem sie früher standen. Was war Judäa, was insbesondere Galiläa vor der Zeit, in welcher der Römer seinen ehernen Schritt auf diese Landschaften eindrückte, seinen Schritt, der überall in den Bereichen der antiken Welt nur Verödung und Verfall hinter sich ließ? Die Kornkammer der Länder ringsumher, an die es (Ezechiel 27) die Fülle seiner, durch emsigste Arbeitsamkeit erzielten Früchte abgab. Jetzt sind sie öde, nur hier und da von armen Arabern bewohnt und dürftig bebaut und von räuberischen Beduinen durchstreift. Dennoch erhielten sich die uralten Stätten seiner Cultur. Wenn Samaria und Sepphoris nur in wenigen Trümmern noch übrig sind, so bestehen noch die uralten Hebron und Sichem (Naplus), welche schon Abraham sah und Jacob bewohnte. Und Jerusalem! Tief herabgesunken von seiner Größe und seinem Glanze ist es doch bestehen geblieben, zählt jetzt so viele Abkömmlinge Abrahams in seinen Mauern, wie Christen und Mohamedaner zusammengenommen; war es, das schon mehr als anderthalb Jahrtausende zählte, als Rom gegründet ward, der Kampfpreis ganzer mit einander ringender Welttheile, so hat es doch noch heute seine weltgeschichtliche Bedeutung nicht verloren, fehlen ihm nur Wasserleitung und Eisenbahn, um noch einmal der Mittelpunkt zuströmender Völkerschaften zu werden. Und was die alten Völker an Kunstwerken geschaffen, die Egypter, Phönizier, Assyrer, Chaldäer, Perser und Griechen, aus dem Boden der Erde, aus den aufgehäuften Schutthaufen wird es in seinen Ueberresten durch kühne, emsige Forscher ausgegraben, und mühsam werden die geringen Ueberbleibsel ihrer Literatur aus zerstäubenden Papyrusrollen und zerbröckelnden Ziegeln entziffert. Nur Israel und Hellas haben Schöpfungen des Geistes hervorgebracht, die noch heute durch die Welt getragen werden, und welche der Menschenwelt den Stempel ihres Geistes aufprägen. Was auch dazwischen liegt, welch' ungeheurer Wandel vor sich gegangen, durch welche wunderbaren Schicksale sich Juda hindurchgerungen: der Zusammen-

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