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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-09-07 · Heft 37 (7.9.1886) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 37 (7.9.1886)
Date
1886-09-07
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Iu-mlhums. Ei» unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Gsepeöition: Leipzig, Woßpratz 17 In reoactionellen Angelegenheiten! wende man sich an Vr. Phil'ippson in! Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 50. Jahrgang. Leipzig, den 7. September 1886. Nr. 37. Inhalt. Leitende Artikel: Unsere Stätten. — Die Ethik in der Halacha. — Eine Lücke in dem Religionsunterrichte der jüdischen Volksschule. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Dresden, Posen, Fardon. — Frankreich: Paris. — Italien: Rom. — Großbritannien: London. — Rußland: Turek. — Palästina: Berlin. — Bonn: Notizen. — Bonn, Turek: Literarische Notizen. — Feuilleton: Jüdische Friedhöfe und Bestattung in Paris. — Vermischtes. Zalic'yibe Gtiti-dcf, Bonn, 31. August. Unsere Statten. Wer die lange und weite Wanderung des jüdischen Stamines verfogt, der hat an vielen Trümmerstätten vorüberzuziehen. Wo ist Memphis und das hundertthorige Theben? Pithom und Ramses? Wo Sidon und Tyrus? Wo Antiochia und Seleucia? Wo Niniveh und Babel? Wo Susa und Persepolis? Wo Sparta und Theben in Hellas? Sie alle »nd viele andere liegen in Trümmern und von der ehemaligen Größe und Macht hat nur Klio das Gedächtniß bewahrt. Aber niemals hat Israel oder das ihm entsprungene Juda eine Schuld getragen an ihrem Verfall und ihrer Vernichtung. Es hat auf seinem weiten Wege nirgends Trümmer hinter sich gelassen, die sein Arm und seine Waffe zerschlagen hatte. Wohl trug es bald zur Gründung, bald zur Vergrößerung dieser gewaltigen Städte bei, aber niemals hat es ihnen Wunden geschlagen, ihre Mauern niedergerissen, ihre Wohnungen durch Feuer zerstört. Nachdem es sich die ihm verheißenen Sitze erobert hatte, kämpfte es stets nur zur Vertheidigung. Nicht wie andere Nationen mit Heeresmacht durch die Länder zogen, sie zu unterjochen und ihre Bewohner zu Sklaven herabzuwü^digen, hat es den weiten Weg über die Länder und Ozeane zurückgelegt. Verfolgt, bedrückt, gehörte es niemals zu den Verfolgern und Bedrückern, hat es niemals Rache und Verrath geübt, hat es überall, wo es eine Stätte fand, sich willig dem Gesetze und der Ordnung ergeben, an dem Wohle der Bevölkerung, soweit es ihm gestattet ward, sich betheiligt und Freud' und Leid mit ihnen getheilt. Es war niemals Henker, Tyrann, Raubritter. Dem idealen und materiellen Streben nach oben und vorwärts widmete es stets seine Kräfte, sofern man ihm nur Raum dazu gewährte. Alles dies ist die Eigenthümlichkeit unserer Geschichte und es ziemt dem späteren Enkel, sich dessen bewußt zu machen. So grausam auch oft unser Geschick war, so hat es uns doch davor bewahrt, daß auf den blutigen Seiten der Geschichte unser Name als Urheber gezeichnet steht. Mit dem letzten Kampfe um unsere Freiheit und Selbständigkeit gegen den römischen Cäsarenwahnsinn legten wir die Waffen nieder, und nehmen sie erst jetzt wieder auf inmitten unserer Mitbürger, wenn das Vaterland seine Söhne ruft. — Aber noch eine andere Eigenthümlichkeit müssen wir hervorheben. Der Zug unserer Wanderschaft ging stets nach den Centren des Lebens und des Verkehrs, nach den großen Mittelpunkten der menschlichen Entwickelung, wo es zugleich mit Kraft und Gewandtheit, mit Fleiß und Geschick den Kampf ums Dasein zu führen gilt. So schon im Alterthum. Wir halfen Alexandrien, Antiochia und Seleucia gründen und groß machen; wir zogen, als man uns aus unserem Lande verjagte, nach Cyrena, Athen und Rom. Spuren unserer Thätigkeit findet man in den Annalen dieser Weltstädte, so weit sie uns noch aufbewahrt geblieben. Das Mittelalter war kein Freund solcher Großstädte. Die Feudalherren wohnten auf ihren Burgen und Schlössern und beherrschten von da aus das Volk unter dem Drucke der Leibeigenschaft. Erst mit dem Entstehen und Aufblühen des Bürgerthums wuchsen

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