Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 36 (31.8.1886)
- Date
- 1886-08-31
- Page
- Seite 570 (sequence 10)
- Language
- German
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570 Wendung der freiwilligen Gaben für die religiösen Zwecke, die jede Gemeinde leisten muß, da die vom Staate zugestandenen Gelder bei Weitem nicht ausreichen, jährlich Bericht zu erstatten. Die Gemeinden können dies, wenn auch nur moralisch, fördern, und es liegt zugleich im Interesse der Sache, dadurch die Opferwilligkeit der Gemeindeglieder anzufeuern. Die Einnahmen des Consistoriums zu Lyon im Jahre 1885 beliefen sich auf Frcs. 42,450, die Ausgaben auf Frcs. 41,9%. Großbritannien. London, 17. August. Das Parlamentsmitglied Sir Samuel Montagu begiebt sich im Aufträge der „Alliance Israelite" nach Petersburg. um dem Czar eine Bitte um Linderung der Lage der Juden in Rußland vorzutragen. Sir Montagu überbringt dem Czar ein eigenhändiges Schreiben der Königin Victoria. (Unsere besten Wünsche begleiten den edlen Mann. Möge er mehr Erfolg erzielen, als unsre Adresse zur Krönung Alexanders III. — sowie früher des sel. Montefiore bei Nikolas I. Nur mit um so tieferer Wehmuth müssen wir des hochherzigen Alexanders II. gedenken, der nach seiner Thronbesteigung unseren Vorstellungen so williges Gehör lieh! Red.) Rußland. Petersburg, 13. August. Ueber die schon kurz gemeldete Vertreibung der Juden aus Rostow berichtet der hiesige Correspondent der „Pol. Corr". das Nachstehende: „Die bedeutende Handelsstadt Rostow am Don, welche bisher zu dem Gouvernement Jekaterinoslaw gehörte und kürzlich dein Lande der donischen Kosaken einverleibt wurde, besitzt eine äußerst gemischte Bevölkerung. Das russische Element tritt daselbst! stark vor dem eingewanderten und dem jüdischen zurück. In großer Zahl leben in Rostow auch Griechen, Türken und andere Orientalen. Der bedeutende Handel der Stadt befindet sich vollständig in den Händen der Juden und Griechen. Mit der Einverleibung Rostows in das Land der donischen Kosaken entstand die Frage, was mit den Juden geschehen sollte, die nach den bestehenden Gesetzen nicht das Recht besitzen, in dem Lande der donischen Kosaken sich aufzuhalten oder gar ansässig zu werden. Man war der Ansicht, es würde für Rostow eine Ausnahme gemacht werden, weil daselbst die Juden zahlreiche Immobilien besitzen und fast der ganze Handel sich in ihren Händen befindet. Die antisemitische Strömung, die gegenwärtig im Süden Rußlands herrscht, hat jedoch über alle Billigkeits- und Gerechtigkeitsrücksichten die Oberhand gewonnen, indem die Entscheidung getroffen wurde, daß die Juden Rostow verlassen müssen, und zwar unter folgenden Bedingungen: Die in der Stadt Immobilien besitzendest Juden erhaltest eine Frist vön drei Jahren, die übrigen Juden aber nur von sechs Monaten zur Ordnung ihrer Angelegenheiten und zum Verkaufe ihrer Immobilien. Es ist dies ein äußerst harter Schlag für die zahlreiche jüdische Bevölkerung Rostows. Sehr wahrscheinlich ist aber zugleich, daß durch jene Maßregel der Handel Rostows, wenigstens zeitweilig, sehr stark leiden wird und die donischen Kosaken, denen es endlich gelungen ist, die Mündung des Don ihrem Gebiete wieder einzuverleiben, werden viel zu thun haben, um das Emporium des Asow'schen Meeres auf seiner jetzigen commerziellen Höhe zu erhalten." Turek, 12. August. (Privatmitth.) Die Feuersbrünste und die Judenkrawalle mehren sich bei uns in schreckenerregender Weise. Das Judenviertel in Kurzenies im Kreise Wilna brannte am 28. Juli nieder; von mehreren Hundert Häusern sind kaum 50 vom Feuer verschont geblieben. Unter den Opfern befinden sich viele Juden, deren Zahl noch nicht ermittelt werden konnte. Das Elend der vom Unglück Betroffenen ist entsetzlich. — Auch wurde die Stadt Woloczyn (Gouv. Wilna) am 16. Juli vollständig durch Feuer zerstört. Der Schaden ist ein bedeutender, Hunderte von Familien der überwiegend jüdischen Bevölkerung sind obdachlos und dem Elend preisgegeben. Mit der Synagoge ist eine zahlreiche Bibliothek mitabgebrannt. — Zu der blutigen Judenhetze in Dolhunow, von der in Nr. 30 berichtet wurde, gestatten Sie mir ergänzend nachzutragen, daß vier jüdische Frauen und drei Männer erschlagen wurden; etwa 23 Juden erlitten derartige schwere Verletzungen, daß ihre Heilung fraglich ist, während die Zahl der leicht Verwundeten sich an hundert beläuft. Das Städtchen, das 1200 Familien zählt, von denen etwa 8—900 jüdische, liegt gänzlich in Trümmern. Der Schaden beläuft sich auf 100,000 Rubel. Trotz der vielen dringenden Hilferufe gestatten wir uns an alle unsere Glaubensgenossen den dringenden Appell, die dort so hart heimgesuchten Juden in ihrer Bedrängniß zu stützen und zu retten; möge unsere Bitte nicht wirkungslos bleiben! — Auch bei einem zu Kressig jüngst stattgehabten Tumult ist es der Geistlichkeit gelungen, wie in Torgowice, dem wilden Treiben des Pöbels Einhalt zu thun. — Der berühmte jüdische Bildhauer Prof. M. Antokolsky hatte die Ehre, von Sr. Majestät dem Kaiser in einer Audienz empfangen zu werden. Die von Antokolsky jetzt angefertigte Mephisto-Statue wurde im kaiserlichen Palast in Petersburg aufgestellt. — Vom Minister der Volksaufklärung wurde Prof. N. Bakscht zum amtirenden Mitglied dieses Ministeriums ernannt. Der so Ausgezeichnete ist ein Jude! — Der Bibliothekar der kaiserl. Bibliothek von Petersburg, Herr vr. A. Harkavy, hat im Aufträge derselben eine Reise nach Jerusalem unternommen, um alte Manuscripte zu erwerben. Nach einigen Wochen dortigen Aufenthalts gedenkt er nach Sichern, Damaskus und Egypten