Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 36 (31.8.1886)
- Date
- 1886-08-31
- Page
- Seite 566 (sequence 6)
- Language
- German
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566 die paffende Stelle im Buche Daniel ein. Die Stücke sind nur in griechischer Sprache auf uns gekommen, waren aber ursprünglich aramäisch verfaßt, wie aus mehreren Irrungen in der Uebersetzung hervorgeht. Dem Uebersetzer des Buches Daniel in der Septuaginta muß wohl dieses Buch mit den eingeschobenen Stücken Vorgelegen haben, denn er nahm sie in seine Uebertragung mit auf. Da aber das kanonische Buch Daniel diese Stücke nicht hatte, so schied man diese in den späteren Editionen aus und gab sie als besondere apokryphische Piece. Betrachten wir sie nun Aäher, so ist das Gebet nicht ohne Angemeffenheit und logischen Gang, jedoch nur zusammengesetzt aus landläufigen biblischen Sprüchen, so daß bei jedem Verse die Quelle angeben werden kann. Es fehlt also an aller Originalität. Es beginnt mit dem Bekenntniß, daß das schwere Strafgericht, welches Gott über Israel und Jerusalem verhängt hat, ein völlig gerechtes sei, herbeigeführt durch die Verschuldungen des von Gott und seinem Gesetze abtrünnig gewordenen Israel. Darauf folgt eine Schilderung des Elends, in welches Israel versunken, und daran knüpft sich die Bitte, Gott verlasse im Angedenken seines Bundes mit den Vätern Israel nicht, nehme das Gebet aus zerknirschtem Herzen statt der Opfer an, errette sie aus der Gewalt der Feinde mit seiner Wunder» kraft, „auf daß die Feinde erfahren, daß Du der Herr bist, der einzige Gott und verherrlicht in aller Welt." Mag nun dieses Schriftstück an sich keinen großen Werth besitzen, so ersieht man doch daraus, wie sehr die biblischen Ideen und Ausdrücke verbreitet waren und den Autoren gleichsam von selbst aus der Feder flössen. Man hat aus dem Wegfall des Opfercultus und aus den angedeuteten Religionsverfolgungen schließen wollen, das Gebet sei zur Zeit des Antiochus verfaßt. Dieser Folgerung scheint uns aber die Beweiskraft zu fehlen, denn wenn sich der Autor irgend in das babylonische Exil und in das Ereigniß hineindachte, welchem er sein Gebet zuschrieb, so mußte er die Zersiörung Jerusalems, das Aufhören des Opfercultus und die Verfolgung aus religiösen Gründen, durch welche die drei Männer zu Märtyrern wurden, voraussetzen und andeuten. Roch geringere Originalität und gar keinen Werth besitzt der Lobgesang. Nach einem kurzen Bericht über das, was den drei Männern im Feuerofen geschehen, beginnt der Lobgesang, der nach einer Verherrlichung Gottes in einen Aufruf an alle Wesen übergeht, Gott zu preisen: „Preiset, ihr Himmel, den Herrn, lobsinget und erhebet ihn hoch in Ewigkeit!" Diese Worte werden immer wiederholt, nur mit der Veränderung der aufgerufenen Wesen, wie ihr Engel des Herrn, ihr Wasser, Sonne und Mond, Regen und Thau, die Vögel des Himmels, Thiere und Vieh u. s. w. Es ist dies hinsichtlich des Aufrufs eine Nachahmung des Psalms 148, und betreffs des Refrains ähnlich dem Psalm 136. Nur in den letzten Versen wird die Rettung aus dem Feuerofen und der Dank dafür kurz ausgesprochen. Diese Gebetform mit oft wiederholtem Refrain wurde in den späteren Gebetstücken der Synagoge, namentlich in den Festgebeten sehr gebräuchlich, nirgends aber mit diesem Mangel an allem Geiste, mit dieser Eintönigkeit in den Vordersätzen, wie im vorliegenden Lobgesang. Ueberhaupt ist die Refrainform bei den asiatischen Völkern äußerst gebräuchlich gewesen, und wir besitzen besonders viele Gebete der Inder, welche diese Form bis zur höchsten Geschmacklosigkeit für unser modernes Gefühl anwenden. Wir haben aber noch eine allgemeine Belehrung daraus zu ziehen. Wenn ein solches Machwerk so viel Eingang finden konnte, daß es selbst von einigen in den Text des Buches, in den es schon durch die Verse 22—26 nicht gehören konnte, ausgenommen ward, was von den Alexandrinern wiederholt ward, so giebt dies ein Zeugniß von der äußersten Geistesarmuth jener Zeitperiode, in welche doch neuere Kritiker die Abfassung einiger der originellsten und geistvollsten Erzeugnisse der biblischen Literatur zu verlegen suchten. Hiervor muß gewarnt werden. Erst mit der makkabäischen Heroenzeit und mit dem seitdem bewegten politischen und religiösen Leben erhob sich der jüdische Genius zu neuer Kraft. ^vuxc Deutschland. Berlin, 15. August. Wir entnehmen der „Berliner Volkszeitung" folgende schlagende Sätze. Der „Kreuz-Zeitung" beliebt es, von den «schmählich ausgebeuteten Näherinnen" in Berlin zu sprechen und das Zahlen von „Hungerlöhnen" als ein den Anspruch auf öffentliche Achtung vernichtendes Ausbeutungssystem zu brandmarken. Vom Standpunkte des Herrn Most sind solche! Schlagworte wenigstens consequent und logisch, vom Standpunkte der „Kreuz-Zeitung" aber — etwas ganz anderes. Denn die „Kreuz-Zeitung" weiß recht gut, daß nirgends im deutschen Reiche erbärmlichere Hungcrlöhne (für Männer wie für Frauen) gezahlt werden, als von den Großgrundbesitzern der ostelbischen Provinzen, das heißt von ihrer eigenen Partei. Nach der amtlichen, für Zwecke der Arbeiter-Krankenversicherung vorgenommenen Lohnstatistik stehen die Löhne in Ost- und Westpreußen, Posen, Pommern und Schlesien durchweg unter