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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-08-31 · Heft 36 (31.8.1886) · p. Seite 565

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 36 (31.8.1886)
Date
1886-08-31
Page
Seite 565 (sequence 5)
Language
German
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565 Dies so Überlieferte wird von schöpferischen, dichterischen Geistern zu abgeschlossenen Sagen mit aller Kunst der Dichtung umgestaltet, wie es Homer, die griechischen Tragiker, Bergil gethan. Hiermit sind aber nachfolgende Autoren nicht zufrieden und bringen Einschiebsel und Zusätze hervor, die allerdings an Inhalt und Form den Originalen wenig angemessen sind. Wir wollen heute ein Beispiel für diese Art literarischer Vorgänge aus dem jüdischen Schriftthum heranbringen, weil es nach mehreren Seiten hin interessant und lehrreich ist. Das Buch Daniel besteht, wie jetzt allgemein anerkannt ist, aus zwei Theilen (Cap. 1—6 und 6—12), die zu verschiedenen Zeiten, also auch von verschiedenen Verfassern, geschrieben sind: der erste etwa 80 Jahre nach der Rückkehr der Juden aus Babylon, wie schon daraus ersichtlich, daß es eine genaue Kenntniß der chaldäischen Sitten und Zustände bezeugt, die später sich verloren haben mußte; der zweite in dem Zeitmoment, wo Juda Makkabi seine ersten Siege erfochten, aber Antiochus Epiphanes noch nicht untergegangen war. Jener erste Theil bringt in geschichtlicher Form Berichte über die Geschehnisse während des Exils, in welcher Daniel und außer ihm Sadrach, Mesach und Abed-Ncgo eine Rolle spielen. Diese Berichte haben den Zweck, den Kanzpf der Judäer um ihren Glauben und über den zeitweiligen Sieg des Monotheismus über das Heidenthum zu schildern, und den Beweis zu liefern, daß ein treues und energisches Festhalten der Gotteserkenntniß stets das Heidenthum überwindet, den Bestand der wahren Gottesverchrung sichert und ihm die Anerkennung in der heidnischen Welt verschafft. Es war dies für die zurückgebliebenen Juden in den innerasiatischen Landschaften von höchster Bedeutung. Lange Zeit hielten die neueren Kritiker wegen ihrer wundersüchtigen Umhüllung die Berichte dieses Buches für völlig ungeschichtlich. Aber in der neueren Zeit hat man sich überzeugt, daß in allen diesen Berichten ein geschichtlicher Kern vorhanden ist und daß dieser Theil des Buches Daniel für die Geschichte des Exils durchaus brauchbares Material enthält. Wir verweisen hierüber auf die ausführliche Einleitung zum Buche Daniel, die wir in unserem Bibelwerke B. III, S. 877 ff. gegeben haben. Wir haben hier die Poetische Arbeit eines überlieferten geschichtlichen Stoffes, der sich wohl schon im Munde der Zeitgenossen und der nächsten Generation so sagenhaft gestaltet hatte. Das Factum, daß einige treue und entschlossene Männer der furchtbaren Macht der Herrscher, ihren despotischen Geboten und den damit verbundenen Martern sich entgegengestellt und den Sieg erkämpft hatten und dadurch der Gotteslehre zeitweise Anerkennung geschafft haben, konnte von den damaligen Menschen nicht ohne wunderbares Eingreifen der Gottheit begriffen werden und nahm deshalb in ihrem Munde die Beigabe von Mirakeln an. Ein späterer dichterischer Genius faßte dies auf und rundete es zu einem Berichte ab, der Thatsache und Wunder in ebenmäßiger Form umfaßte. Dies ist es, was wir im Buche Daniel vor uns haben. Die spätere Zeit gab sich hiermit noch nicht zufrieden. Es erschienen ihr hier und da Lücken nach dem Bedürfniß ihrer Zeit; auch waren wohl noch Legenden überliefert, die in dem Buche innerhalb seiner Construction keine Ausnahme gefunden. Man stand nicht an, dies zu ergänzen. So haben wir drei Zusätze zum ersten Theil des Buches Daniel: die Geschichte von der Susanne, die diesem Buche voranging, da sie eine Geschichte aus der Jugendzeit Daniels enthielt, die jedoch mit der Tendenz derselben in keinem Zusammenhang stand; ferner das Gebet Asarjah's (Abed-Nego) und der Lobgesang der drei Männer im feurigen Ofen zu Daniel 3, 13 und vom Bal und Drachen zu Babel, zu Daniel zu 6, 17 ff. Ziehen wir hier das zu zweit angeführte Einschiebsel in nähere Betrachtung. Es erscheint durchaus glaublich, daß Nebuchadnezar die Anbetung des von ihm errichteten Götzenbildes verlangte, da es bei jenen Völkern als eine Huldigung des Herrschers angesehen wurde, daß Jedermann dem Götzenbilde desselben Verehrung darbringe, daß auf die Weigerung ein qualvoller Tod gesetzt ward, weil sie zugleich einen Treubruch gegen den Herrscher enthielt, daß die genannten drei jüdischen Männer die Anbetung -der Götzen standhaft verweigerten und deshalb zum Märtyrertod verurtheilt wurden, dennoch aber diesem entgingen. Auf welche Weise dies letztere geschehen, hatte sich im Munde des Volkes zu einem großartigen Wunder gestaltet. Aber das erbauungsbedürftige Gemüth der späteren empfand hier eine Lücke: es mußte ein Gebet der in den Feuerofen geworfenen Männer stattgefunden haben, und ebenso mußten sie nach der Rettung einen Lobgesang angestimmt haben. Gebete, Dankeslieder und Lobgesänge in die geschichtlichen Erzählungen einzufügen, war ein alter literarischer Brauch bei den israelitischen Autoren. So z. B. schon das Lied am rothen Meere, das Gebet der Hanna, Jona's, das Siegeslied Jesaias 35, das Gebet des Königs Hiskia um Genesung (Jesaias 38) und im Buche Nehemia. Irgend einem frommen Leser erschien es deshalb ein Mangel, daß, da doch sicherlich die drei Männer, als sie in den Feuerofen geworfen waren, gebetet und ebenso nach ihrer Rettung einen Lobgesang angestimmt hätten, diese im Texte des Buches nicht gegeben wäre und er schritt daher zur Ausfüllung dieser Lücke. Es war dies in der Anschauung der Alten ebenso wenig ein frommer Betrug, wie etwa Thukydides eine Fälschung beging, wenn er die Reden ausführlich einfügt, welche die betr. Personen gehalten haben sollen, und die ihm doch nur zur Charakterisirung der Person und Situation dienen sollten. Unser Autor schob also aus seinen Gefühlen heraus das Gebet des Asarja und den Lobgesang der drei Männer in

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