Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-08-31 · Heft 36 (31.8.1886) · p. Seite 564

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 36 (31.8.1886)
Date
1886-08-31
Page
Seite 564 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227609-3227646--43786-3264167
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

564 zweiten Bande unserer jüdischen Religionslehre Seite 231 ff. eine alle Phasen des Judenthums umfassende Abhandlung über die Unsterblichkeitslehre in demselben gegeben. Selbstverständlich begannen wir mit der heil. Schrift. Wir kamen hinsichtlich der letzteren zu folgendem Ergebniß: „1) Der ganzen biblischen Anschauung liegt die Unsterblichkeitslehre zu Grunde, ohne jedoch dogmatisch formulirt zu werden, sondern indem sie nur in einzelnen Andeutungen und in den Chetubim in immer deutlicheren Aussprüchen sich zu erkennen giebt; 2) es bestanden nebeneinander zwei verschiedene Vorstellungen, die eine, den Denkenden und Höherfühlenden zu eigen, daß die Seele nach dem Tode ein ewiges Leben im Anschauen Gottes, fortschreitend „im Lichte des Lebens" führe, und die Volksanschauung, daß die Abgeschiedenen noch eine Art Wesenhaftigkeit in der Unterwelt besaßen, aber unthätig und ohne Zusammenhang mit dem wirklichen Leben, welche Volksanschauung zu dichterischen Bildern benutzt ward, aber sich später gänzlich verlor."1) Als wir jüngst die Charakteristrung des Propheten Elijah versuchten, stießen wir auf eine Stelle, welche uns für unfern Gegenstand von Bedeutung erscheint und unseres Wissens für denselben noch nicht benutzt worden. Als Elijah bei der Wittwe zu Karphat Zuflucht gefunden hatte, erkrankte ihr Sohn und starb. Es heißt da: itw ly ~dlso -o mm: „so daß die Seele d. i. der Odem nicht in ihm blieb." Die Wittwe beklagte sich über den Tod ihres Sohnes und Elijah betete zu Gott: „Ewiger mein Gott: lassest Du es auch der Wittwe, bei der ich mich aufhalte, so schlecht ergehn, daß Du ihren Sohn tödtest? Und dann „rief er zum Ewigen:" „Ewiger, mein Gott, laß' doch die Seele dieses Kindes in sein Inneres zurückkehren!" „Und die Seele des Kindes kehrte in sein Inneres zurück und es lebte." (1. Kön. 17, 17. ff.) v'so w 2t£n unp b]i n:n. Man bemerke wohl, daß hier wiederholt nicht novn, welches den Odem des Lebens bedeutet, sondern wd:, die Seele, die Persönlichkeit gebraucht ist. Um diese Worte in ihrem tieferen Sinne recht zu verstehen, ist es angemessen, eine andere Stelle zu vergleichen, nämlich Ezechiel 37. Hier will der Prophet die Wiederherstellung Israels, das im Exil zu Babel wie todt erschien, verdorrten Gebeinen gleich, in einem kühnen Gleichniß verkünden und anschaulich machen. Er sieht sich „im Geist" nach einem Thale versetzt, das mit Todtengebeinen bedeckt ist. Da heißt es; „Werden diese Gebeine wieder belebt?" (-r’nrr) „Und Gott sprach zu den verdorrten Gebeinen: „Siehe, ich bringe Geist (rrr) in >) Wir zogen folgende Schriftstellen an: l Mos. 5, 23. I Mos. 15, 15. 4 Mos. 20, 24. l Sam. 28, 7. 2. Sani. 12, 23. Ps. 16, 9—11. 17, 15. Ps. 49. Hiob 14, 14. 19, 25—27. Kvh. 3, 21. 9. 4-6. 10. 12, 7. Jes. 5, 14. 38, 10. 28, 15. 18. Ps. 30, 4. i 1 Sam. 2, 6. Hiob 26, 5. 10,21. 22. Jes. 38. 17. 11. 14, 9. Ps.! 6, 6 u. ö. Hiob 3, 17 f. Ps. 13, 4. 78, 6. Zinn. 51, 39. 57. j Hiob 14, 12. 3, 13. Spr. Sal. 21, 16. I euch, und ihr werdet belebt." (arp'rn) Weiter heißt es: „Und er sprach zu mir: Rufe dem Geiste, weißsage, Menschensohn, und sprich zum Geiste: also spricht der Herr, der Ewige: von den vier Winden komme, Geist, und hauche in diese Erschlagenen, daß sie belebt werden." Man bemerke wohl die Verschiedenheiten der Ausdrücke an den beiden angeführten Stellen. Dem Zwecke seines Gleichnisses entsprechend, spricht Ezechiel von den verdorrten Gebeinen, mit denen das Thal bedeckt ist, von den Sehnen, dem Fleisch und der Haut, mit denen sie überzogen werden, um wieder vollständige Körper zu sein, und von dem Geiste, der in sie hinein kommt und sie wieder zu lebendigen Menschen macht. (Die Anwendung des Gleichnisses aus Israel s. V. 11. ff.). Es ist hier nicht von der persönlichen Seele die Rede, die früher jedes dieser Todtengebeine belebte, sondern ganz allgemein vom „Geiste" der einherkommt, in die wiederhergestellten Körper haucht und sie wieder belebt. Ganz anders lauten die Worte bei Elijah. Der Knabe ist todt; es ist „kein Odem in ihm geblieben;" Gott hat ihn „sterben lassen" (rm nx rron^) Aber „die Seele dieses Kindes" n;n -i^n b'di besteht noch für sich. Und der Prophet betet zu Gott, „die Seele dieses Kindes zurückkehren zu lassen in dessen todten Leib, daß es wieder lebe." Deutlicher kann doch wohl die Lehre der Unsterblichkeit nicht ausgedrückt werden. Der Leib des Kindes ist todt, aber die Seele des Kindes lebt, und wenn sie in diesem einen Falle durch Gottes Willen in diesen Leib zurückkehrt, was sie doch nur vermag, wenn sie, die Seele, noch für sich besteht, so lebt er wieder. Es ist nicht von Seele überhaupt, sondern von der „Seele des Kindes" die Rede, also von der ganz persönlichen Seele, die in ihrer Persönlichkeit noch existirt, wenn ihr Körper schon todt ist. — Bei dem Fehlen eines formulirten Lehrsatzes kommt Alles auf die gangbaren Ausdrücke im Munde des Volkes und im gewöhnlichen Leben an, um die das Volk beherrschende Anschauung zu bezeugen. Gerade, wenn es an sich gar nicht um das Dogmatische sich handelt, verräth der gewählte Ausdruck am deutlichsten den allgemeinen Glauben, wie er im Volke verbreitet ist. Wir meinen, daß unter den Schriftstellen über den Glauben an die Unsterblichkeit die von uns hier besprochene in Zukunft nicht fehlen darf. Ein Zusatz;um Huche Daniel. Die Enkel leben vom Geiste ihrer Väter. Dies erweist sich besonders in der Bearbeitung der aus alter Zeit überlieferten Stoffe. Geschichtliche Vorgänge erhalten schon im Munde der nächsten Geschlechter sagenhafte Gestalt, weil der kindliche Mensch es liebt, das Große noch größer zu machen, das heißt zu Wunderbarem zu erheben, mit Wundern zu umhüllen, und es so dem Staunen der Nachwelt zu überliefern.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.