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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-08-31 · Heft 36 (31.8.1886) · p. Seite 563

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 36 (31.8.1886)
Date
1886-08-31
Page
Seite 563 (sequence 3)
Language
German
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563 heimgegeben waren, wie früher ihre Brüder aus dem Zehnstämmereich. Aber auch hier kamen ihnen Männer wie Ezechiel, Daniel, Sadrach, Mesach, Abednego, Jesaias II zur Hülfe und erhoben sich über die Menge, in die sie sich verlieren konnten. Der Rückzug nach dem heiligen Lande wurde von Serubabel und dem HohenPriesterJosua geleitet; ihnen zurSeite wirkten belebend auf das Volk Haggai, Zecharjah und Maleachi; dann reorganisirten Volk und Religion Esra und Nehemiah, von denen der Erstere den Impuls für viele Jahrhunderte gab. An sie schloß sich „die große Synode", und von einem ihrer letzten Mitgliedergeht die große Reihe der talmudischen Weisen aus, besonders durch Hillel, Schammai und später Akiba bis ins fünfte Jahrhundert nach der gew. Ztr. Als jedoch Juda durch die syrischen Despoten in die größte Gefahr gerieth, zu einem verschwindenden vorderasiatischen Völkchen zu werden, da erwachte der Heldengeist in dem makkabäischen Geschlechte und gewann für sich und sein Volk unsterblichen Ruhm und Freiheit. Fürwahr, es fehlte auch in dem unglücklichen Römerkriege nicht an Helden, nicht an starken, sich opfernden Männern. Aber leider! fiel die Geschichtsschreibung dieser großen Tragödie in die Hände eines zweideutigen Charakter's, des Josephus, der uns die Heldengestalten jenes Kampfes verschleierte und entstellte, wahrscheinlich auch nicht einmal begriff. Die bedrängten Gelehrten, denen es allein um die Rettung der Lehre und des Gesetzes zu thun war, fanden sich nicht bewogen, ihre Zeitgeschichte zu schreiben, so wenig wie sie uns die Heroengestalt des Bar-Cosba schildern, von welcher wir nur durch gelegentliche Aeußerungen höchst unvollständige Kenntniß erhalten. Aus dem Judenthume waren zwei mächtige Religionen entstanden, welche sich im Abend- und im Morgenlande viele Völker unterworfen hatten, nun aufeinanderstießen und sich mit blutigem Fanatismus bekämpften. Das schwache wehrlose Judenthum, durch die Länder zerstreut und verfolgt, war in Gefahr zwischen den beiden Kolossen zerrieben und zum Theile auch durch Wissenschaft und Bildung, durch verlockende Sitte, Luxus und Ehrgeiz zersetzt zu werden, aber der Genius erregte unter ihnen durch die väterliche Gotteslehre eine Reihe erleuchteter Geister, welche die innenschlummernde Lebenskraft von Neuem weckten und die längst gepflanzten Keime zur Blüthe brachten. Wer kennt sie nicht, von deren Früchten wir noch heute zehren, die Sadia, Gabirol, Juda Halevi, Aben- Esra, Maimuni, Nachmani, Raschi, Kimchi, Vidal, Albo, Jsaac Abarbanel und die vielen Anderen, welche die Geschichte jener Zeit rühmend nennt. Mit den Dogmatikern, Exegeten und Philosophen gingen da auch Sänger Hand in Hand, besonders solche, welche den Gottesdienst ihres Bekenntnisses mit einer Menge neuer Gesänge und Gebete (Peitanim) schmückten. Die Wirksamkeit dieser Männer hielt lange Zeit aus; und wenn Jahrhunderte lang ihnen Niemand au die Seite gestellt werden konnte, so hatten doch die einzelnen Gemeinden, was sie brauchten: Gelehrte und Rabbinen, die ihnen durch ihren Eifer für Lehre und Gesetz, durch ihre Hingebung an das Studium, durch ihre Genügsamkeit, Anspruchslosigkeit, Selbstlosigkeit und Gerechtigkeit zu Vorbildern und Leitern dienten. Der Gesichtskreis ging wenig über das Weichbild der Gemeinde hinaus, und so vermochten ihren Bedürfnissen die zu genügen, welche diesen ganzen Kreis ausfüllten. Als aber endlich die Juden seit einem Jahrhundert aus langem geistigen und materiellen Verschluß in die Culturbewegung eintraten und nach der kurzen Leuchte Mendelssohn's und seiner Genoffen das Judenthum von der Cultur absorbirt zu werden drohte, hatte sich bereits eine nicht geringe Zahl tüchtiger Kämpfer herausgebildet, welche thcils unermüdlich für die Gewissensfreiheit und die Beseitigung aller Beschränkungen und Ausnahmegesetze stritten, theils das Judenthum niit der Cultur auszugleichen, vom wissenschaftlichen und culturellen Gesichtspunkte zu bearbeiten und den Bedürfnissen und dem Geiste der Zeit anzupassen suchten. So wurde der dem Herzen des jüdischen Volkes eingesenkte Spruch des Propheten: „Israel ist niemals verwaist!" zu einem Glaubenssatze, und zwar umsomehr, je öfter er sich den Israeliten in allen Lagen und Verhältnissen bewährt hat. Der Jude glaubt, daß ihm in aller Noch und Gefahr die Rettung Gottes nahe ist, sei cs durch die unmittelbare Fügung, sei es daß ihm der Retter zur rechten Zeit ersteht. Tröstlich und stärkend ist diese Zuversicht, aber auch versittlichend; denn wer den Schutz Gottes in Anspruch nimmt, dem muß sich unwillkürlich die Gewisseilsfrage aufdrängen: bist Du dessen würdig oder nicht? Oder er fühlt es tief innen, daß es der Gnade und Barmherzigkeit Gottes bedarf, ihn nicht zu verlassen, ihm Schutz und Rettung zu gewähren. Immerhin wird er aus dem Confficte mit dem Vorsatze hervorgehen, durch einen gottgefälligen Lebenswandel zu verdienen, was ihm geworden. — Wir aber können nur mit inniger Befriedigung aus die zahllosenMänner unter unseren Vorfahren zurückblicken, welche mit Geist und Herz, mit Kraft und Leben die Sache ihrer Religion und ihrer Glaubensgenossen geführt haben, und ihr ganzes Dasein dem heiligen Werke widmeten. Zur ICnflcrlilictjHcitöleijrc in -er h. Schrift. Eine Bemerkung. Wie unsere Leser wissen, ist neuerdings die Frage abermals erhoben worden, in wie weit der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele in der h. Schrift zum Ausdruck gekommen? denn daß dieser Glaube im nachbiblischen Judenthum allgemein herrschend war, kann nur von der völligen Unkenntniß desselben angezweifelt werden. Wir haben im 88*

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