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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-08-24 · Heft 35 (24.8.1886) · p. Seite 555

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 35 (24.8.1886)
Date
1886-08-24
Page
Seite 555 (sequence 11)
Language
German
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555 Schüler aus eigener Initiative derartige Spötteleien auf die Juden in sein Heft geschrieben hatte. Der Gerichtshof nahm an, daß der angellagte Redacteur als Israelit mit der Aufnahme des inkriminirten Artikels in sein Blatt berechtigte Interessen wahrgenommen habe und sprach denselben frei. Hiergegen legte die Beuthener Staatsanwaltschaft Revision ein, weil dem Angeklagten zu Unrecht der Schutz des § 193 des Strafgesetzbuches zugebilligt worden und weil der den Antragstellern gemachte Vorwurf der Förderung antisemitischer Bestrebungen unter allen Umständen beleidigend sei. In dem nunmehr vor dem 4. Strafsenat des Reichsgerichts abgehaltenen Termin trat der Reichsanwalt der Revisionsbegründung bei und führte aus, daß, wäre das von dem Angeklagten redigirte Blatt jüdischen Interessen gewidmet, was jedoch nicht der Fall ist, die Frage nach der Zubilligung des Schutzes des §. 193. discutirbar sein würde. Jetzt sei sie aber zweifellos zu verneinen; außerdem spreche der witzelnde Ton des incriminirten Artikels für die beleidigende Absicht. Er beantrage deshalb Aufhebung des ersten Urtheils und Zurückweisung in die erste Instanz- Der höchste Gerichtshof schloß sich unter Adoptirung dieser Ausführungen dem Anträge des Reichsanwalts an. Oesterreich-Ungarn. Wien, 14. Aug. In Lemberg kam es gestern anläßlich des Probegesanges des neuen jüdischen Kantors zu Ausschreitungen vor der Synagoge. Die vor dem Tempel angesammelte Menge verlangte stürmisch Einlaß; es mußte die Polizei einschreiten und Militär requirirt werden, das den Pöbel auseinanderjagte. Beim Zusammenstoß kamen einige leichte Verwundungen vor. Die Rädelsführer wurden verhaftet. Rumänien. Bukarest, 14. August. Die Antisemiten verschiedener Länder beabsichtigen in Rumänien einen Congreß abzuhalten, weil sie für einen solchen in keinem anderen Lande einen Boden zu finden, aber Rumänien für ein derartiges Unternehmen fruchtbar glauben. Das hervorragendste Blatt der Rumänen, der Romanul, protestirt nun energisch gegen die Abhaltung eines antisemitischen Congresses in Rumänien: „Die Herren Stöcker, Jstoczy und Genossen", sagt das Blatt, „sind uns fremd und haben bei uns nichts zu suchen. Agitationen, welche den religiösen Fanatismus zur Basis haben, sollten in unserem Lande und bei unserem Volke kein Echo finden." (!!) Rußland. Kiew, 10. August. Ueber die Unruhen im Städtchen Torgowize im Kiewer Gouvernement wird — in Ergänzung früherer telegraphischer Berichte — Folgendes gemeldet: Am Sonntag den 18. Juli fand in Torgowize ein Jahrmarkt statt, zu welchem eine Masse Bauern aus dem Umaner Swenigoroder und Elisabethgrader Kreise gekommen war. Zwischen den einheimischen und auswärtigen Händlern kam es bei dieser Gelegenheit zu Mißverständnissen. Die einheimischen Händler, großentheils Juden, führten bereits früher bei der Ortsbehörde darüber Klage, daß die auswärtigen Händler — ebenfalls fast lauter Juden — ihnen große Konkurrenz machen, und petitionirten, den Letzteren den Handel auf den Jahrmärkten zu verbieten. In Berücksichtigung dieser Beschwerde verfügte der Urjadnik die Verlegung des Marktes für die auswärtigen Händler nach einem von der Stadt mehr entfernten Orte, so daß die einheimischen Händler ihren besonderen Markt hatten. In Folge dieser Maßregel reduzirten aber die auswärtigen Händler die Preise ihrer Maaren derart, daß sie alle Käufer nach ihrem Markte lockten. Die einheimischen Händler wendeten sich daher nochmals an ihre Ortsbehörde mit der Bitte, den auswärtigen Juden den Markthandel ganz zu verbieten. Um also allen weiteren Beschwerden ein Ziel zu setzen, ließ der Urjadnik nur solche auswärtige Händler zum Markte zu, welche sich durch entsprechende Handelsdokumente legitimiren konnten. Als derselbe auch am 18. Juli von den massenhaft zugeströmten Händlern die Dokumente verlangte, kam es zu Streitigkeiten, in welche sich auch Fremde einmengten. Dazu verbreitete sich noch unter den Bauern das Gerücht, daß nach einem kaiserlichen Ukas der Zitz zu 5 Kopeken per Arschin verkauft werden müsse, aus welchem Grunde zwischen Käufern und Händlern ebenfalls Streitigkeiten entstanden. Die zweifachen Streitigkeiten nahmen bald einen ernsthaften Charakter an, so daß binnen wenigen Minuten der ganze Markt in Aufruhr stand. Unzählige Banden 50—100 Bauern stürmten pfeifend und johlend in die jüdischen Läden, wo sie Alles zerbrachen, zerrissen und vernichteten. Der Urjadnik rettete sich mit schwerer Mühe von der ihn verfolgenden Menge in das Haus des russischen Kaufmanns Smirnow, von welchem die Menge die Auslieferung desselben kategorisch verlangte, bis sie durch die Erklärung beschwichtigt wurde, daß der Urjadnik durch eine Hinterthür entflohen sei. Während der Unruhen fand gerade in der Stadtkirche ein Gottesdienst statt. Als der Geistliche Janowski von den Unruhen hörte, begab er sich im vollem Ornate mit dem Kreuze in der Hand hinaus und forderte die Menge auf, ihre Unthaten einzustellen. Die überzeugende Rede des Geistlichen verfehlte nicht ihre Wirkung, und die Bauern begannen, sich etwas ruhiger zu verhalten. Es wurden sofort Maßregeln getroffen, um den weiteren Zufluß von Bauern zu verhindern. Das Resultat der Unruhen war, das acht jüdische Läden vollständig ausgeplündert waren und den Besitzern derselben ein Schaden 35*

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