Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 35 (24.8.1886)
- Date
- 1886-08-24
- Page
- Seite 551 (sequence 7)
- Language
- German
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$51 Kunstformen den vollen Pomp ihrer Phantasie und ihrer Träume, die ganze Intensität der sie beseelenden Gefühle und ihrer unterdrückten Leidenschaften ergießen und die Gluth ihres Feuers offenbaren würden — dieses heißen Feuers, das sie voll Vorsicht mit Asche bedecken, damit es uns kalt erscheine. In Wien kannten wir den berühmten Sulzer, welcher in seiner Eigenschaft als Vorsänger der Synagoge sich einen um so hervorragendere» Ruf erwarb, als dieser sich auf den Kreis wahrer Kenner beschränkte. Bei dieser Künstlerorganisation war die Maske, welche das innere Wesen verhüllen sollte, weniger dicht, auf Augenblicke konnte man das wahre, seiner Seele von den geheimnißvollen Unterredungen väterlicher Belehrung aufgedrückte Gepräge erkennen. Seine Reden durchklang es gleichsam, als habe er die Felsenquadern zum Ausbau der Pyramiden mit gemessen, als habe er die egyptische Finsterniß und Pharao, den Gottlosen erblickt, ihn und das Meer, das ihn verschlungen, als habe er gerührten Blickes die feurige Wolke geschaut, welche, den Feinden unsichtbar, das erwählte Volk Gottes geleitet! ... Um ihn zu hören, gingen wir in die Synagoge, wo er musikalischer Chef und zugleich der Sänger des Hauptpartes war. Selten noch waren wir von einer Erregung so tief ergriffen, so erschüttert, daß unsere ganze Seele widerstandslos der Andacht und Theilnahme sich hingab, wie an jenem Abend, wo im Lichte von tausend Kerzen, gleich Sternen auf weitem Grunde, ein fremdartiger Chor dumpfer und hohler Stimmen um uns erklang. Jede Brust schien ein Kerker, aus deffen Innerem ein unfaßbares Wesen sich zu entringen suchte, um mitten im Elende und in der Sklaverei den Gott der Bundeslade zu lobpreisen, mit ergebenem und unerschütterlichem Glauben zu ihm zurufen, daß er sie eines Tages befreien möge von dieser endlosen Gefangenschaft, hinwegführen von dem gehaßten Boden, den fremden Flüssen ... Je nachdem die hebräischen Worte ausgesprochen wurden, war es gleichsam, als lösten sich düstere Blumen von ihren Stengeln, um als klingende Blätter und tönende Kelche sich in der Luft zu verlieren. Plötzlich wurden diese Männer von kurzen, schnellen und regelmäßigen Bewegungen ergriffen, als wollten sie auch dem Auge ihre beredten Anrufe in einem bestimmten Rhythmus sichtbar machen. In diesem Momente war es, als schwebten die Psalmen gleich flammenden Geistern über uns, als durchzögen den Raum Wolken beflügelter Cherubim, die dem Allerhöchsten zum Fußschemel dienen." — Immerhin bleibt hier Liszt auf dem Wege einer gewissen Unparteilichkeit, und wir hätten zu seiner Ehre gewünscht, daß er sich später nicht so weit von diesem entfernt hätte. — Da wir einmal auf dem Gebiete der Musik uns befinden, wollen wir erwähnen, daß jüngst: „Erinneruvgsblätter an Julius Stern, seinen Freunden und Kunstgenossen gewidmet von Richard Stern. (Leipzig, Breitkopf L Härtel 1886)" erschienen sind. Stern hat viele Jahrzehnte den von ihm gegründeten, rühmlich bekannten Stern'schen Gesangverein in Berlin geleitet, der auch lange Zeit bei dem Gottesdienste der jüdischen Reformgemeinde zu Berlin mitwirkte. Stern hat auch eine Anzahl Lieder componirt, die vielen Beifall gewannen. — Im Augustheft des Frank - Leslie’s Illustrated Sunday Magazine, welches in New-Iork erscheint, ist (S. 117) eine ausführliche Lebensbeschreibung nehst Portrait des sel. Rabbiners Isidor Kalisch enthalten, doch bringt sie nicht mehr, als wir bereits in Nr. 25. S. 395 über den Verstorbenen gebracht haben. Wir wollen nur eine allgemeine Bemerkung hinzufügen. Es werden in dem Artikel des Magazins noch mehrere Schriften angeführt, die von Interesse sind, niemals aber über den Ocean, auch nicht in unsere Hände gelangten. Es bildet sich eben nach und nach eine eigene amerikanisch-englisch-jüdische Literatur aus, die sich ziemlich in sich abgeschlossen hält. Da bereits über 300,000 Juden in den Vereinigten Staaten ansässig sind, und selbst der jüngsten Einwanderer Kinder das englische Idiom anzunehmen pflegen, so wird diese englischjüdische Literatur zu ihrem Bestände die nöthigen Mittel finden. Aber aus diese Weise zerfällt die jüdische Literatur immer mehr. Eine lange Zeit wurde sie in unserem Jahrhundert von der deutschen beherrscht. Nachdem sich aber neben der jüdischen Literatur in deutscher, französischer, englischer italienischer Sprache, auch eine in ungarischer und russischer Sprache und nunmehr auch eine besondere in Amerika herausbildet, wird aller unmittelbarer Zusammenhang und jede directe gegenseitige Wirksamkeit aufgehoben, und eine Verbindung höchstens noch durch Uebersetzungen erhalten. Bis zu unserer Zeit schrieben die jüdischen Autoren zumeist in hebräischer Sprache, oder es wurden doch z. B. die arabischen Schriften derselben alsbald ins Hebräische übertragen. Da war also die Einheit vorhanden, ganz wie früher außerhalb der Juden allgemein lateinisch geschrieben wurde. Allerdings ist dieser Zerfall in vieler Beziehung zu bedauern, weil damit zugleich das Judenthum in den einzelnen Ländern einen verschiedenen Entwickelungsgang nimmt, wie zum Beispiel in Amerika die extremere Form sich rasch verbreitet hat. Andererseits aber ist auf diesem Wege eine energischere Entfaltung ermöglicht, weil sie nicht von einer fremden Sprache, z. B. der deutschen abhängig ist. — Bekanntlich wurde der in Amerika erfolgte Tod Eduard Lasker's dort mit ^ehr ehrenden Feierlichkeiten begangen. Aber auch weiterhin scheint sich das Andenken des deutschen Abgeordneten alldort mehr zu erhalten als in seinem Vaterlande. Es wird nämlich berichtet, das Portrait Eduard Lasker's, das 1881 in Rom von Löwenthal gemalt wurde und dem deutschen Publikum von den Ausstellungen in Berlin und München bekannt ist, wird voraussichtlich nach Amerika wandern. Wie der „F. Z." mitgetheilt wird, unterhandelt der Vorstand des