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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-08-24 · Heft 35 (24.8.1886) · p. Seite 550

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 35 (24.8.1886)
Date
1886-08-24
Page
Seite 550 (sequence 6)
Language
German
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550 Wenn ein Dichter, der aus anderen Classen entweder nur gute oder gute und schlechte Typen darstellt, dagegen aus einer Menschenclasse lediglich moralisch verkommene Ge« stalten als Typen und Repräsentanten auswählt und damit die ganze Classe brandmarkt: so verfolgt er eine gehässige Tendenz. Mag er immerhin Einiges zur Erklärung dieser widerwärtigen Erscheinungen aus ihren Lebensverhältnissen und ihrem Bildungsgang heranbringen: dadurch, daß er die besseren Elemente dieser Classe völlig mit Stillschweigen übergeht und deren Vorhandensein den Lesern vorenthält, hat er sich an jener verschuldet und die Wahrheit verletzt. Gab es zur Zeit, wo Freytag seine „Journalisten" verfaßte, keine ausgezeichneten und ihren Grundsätzen consequent getreuen jüdischen Publicisten, daß er gerade den Juden zu einem verkommenen Reporter aussuchte? Gab es keinen Kuranda, Moritz Hartmann, Jacob Kaufmann, A. Bernstein u. A.? Gab es keinen Gabriel Riesser, Moritz Veit, Kosch, Johann Jacoby u. A.? Wenn also Freitag diese vorzüglichen Juden, die in der Publicistik, in der Literatur, im Parlamentarismus so hervorragende, und zwar gerade in sittlicher Beziehung so tadellose Stellen zu jener Zeit einnahmen, völlig übergeht und sich ein verkommenes Subject zum Repräsentanten und Typus der jüdischen Literatur erkiest: müssen wir ihn nicht der antisemitischen Tendenz zeihen? . .. Und in seinem Roman? Unleugbar hatte Freytag die Absicht, die Juden als Element des geschäftlichen Lebens recht breit auszumalen; er giebt sich deshalb die Mühe, drei Juden in den Vordergrund zu bringen, welche zwar in moralischer Beziehung sich etwas abstufen, im Ganzen jedoch alle drei nichts taugen. Er bringt dadurch in seinen Lesern die Meinung hervor, daß diese drei Typen die ganze Judenheit repräsentiren, daß es gar keinen anders gearteten Juden gäbe. Und dies ist die echte antisemitische Methode. Die Fehler und Vergehen einzelner Juden der Gesammtheit auszubürden und daraus den Schluß auf den typischen Charakter der ganzen Judenheit zu ziehen! Die zahlreichen Juden, welche in ehrlichster und solidester Weise ihr Brod erwerben und zum kleinen Theil wohlhabend oder gar reich werden, die tüchtigen Industriellen, sie alle existiren für Freytag nicht. Das eminente Streben der Juden nach Cultur und Bildung, nach wohlthätiger Wirksamkeit im öffentlichen Leben, soweit es ihnen nur irgend vergönnt war, z. B. in städtischen Aemtern, ihr Ringen nach wissenschaftlicher Thätigkeit, überhaupt einen regen Antheil an allen Geistesarbeiten zu nehnien — alles dieses gab es ja zur Zeit, wo Freytag seinen Roman schrieb, bereits die Hülle und Fülle. Aber es besteht nicht für ihn; es hätte nichts Pikantes abgegeben; die Juden sollen nach ihm vom ehrlichen Bürgerthume ausgeschlossen sein und eine besondere Classe nach den dargestellten Typen bilden. Mag also Freytag später seine antisemitische Gesinnung verändert haben, in jenen beiden Werken spricht sie sich in leider allzu deutlicher Weise aus und wir können ihn nicht freisprechen. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 13. August. Der kürzlich eingetretene Tod Franz Liszt's erinnert an seine Schrift: „Die Zigeuner und ihre Musik", die vor einigen Jahren stark vermehrt in zweiter Auflage erschien und über noch viele andere Gegenstände, als der Titel besagt, sich ausläßt. Man weiß, wie er in dieser zweiten Auflage, seinem Borbilde auch in der Musik, nämlich seinem Schwiegersöhne Richard'Wagner folgend, gewaltig auf die Juden schmäht. Später darüber interpellirt, umsomehr, da er schon in seiner Kindheit Wohlthaten von Juden empfangen und unter seinen besten Schülern und Schülerinnen sich stets Nachkommen Abraham's befanden, schien er die Gehässigkeit, dexen er sich schuldig gemacht, selbst erst zu gewahren und nahm seine Urtheile zurück. Dies Letztere ist vergessen, aber was er in seinem Buche hat drucken lassen, bleibt bestehen. Jndeß enthält die Schrift in den Theilen, welche der ersten Auflage angehören, auch mancherlei Günstiges über die Juden und namentlich über die Bedeutung derselben in der Musik. Man erkennt hieraus, welche Wirkung Wagner auf die Ansichten Liszt's zwischen der Abfassung des Buches und dessen zweiter Auflage gehabt. Bekanntlich hat Wagner in seinem Pamphlet: „Das Judenthum in der Musik" den jüdischen Componisten, namentlich Mendelssohn und Meyerbeer, die schädlichsten Wirkungen auf die Musik aufgebürdet. Ganz anders urtheilt Liszt. Er läßt den Fähigkeiten der Juden volle Anerkennung widerfahren, und sagt an einer Stelle seines Werkes: „In der Musik haben die Juden glänzende Namen. Als Virtuosen und als Componisten haben sie die Form wunderbar gehandhabt. Durch den dem aktuellen Genie ihrer Race so eigenen Hang zur Combination haben sie dieselbe geschmeidiger gemacht und vergrößert. Sie haben auf dem Gebiete der Harmonie und der Instrumentation geniale und fruchtbare Gesichtspunkte gehabt... Wer weiß, wo die Musik heute noch stehen würde, ohne den unermüdlichen, unternehmenden, kühnen und halsstarrigen, den Israeliten so eigenen Geist." — Liszt schildert dann den Einfluß der jüdischen Compositeure auf die Entwickelung der modernen Oper und widmet ein eigenes Capitel der Schilderung eines Gottesdienstes im Wiener israelitischen Tempel. Wir geben diese Stelle wieder, weil sie zugleich die Uebertreibungen, denen Liszt sich gern hingiebt, und den Schwulst seiner Sprache so recht bekundet. Er schreibt: „Nur einmal erlebten wir, gleichsam ahnungsvoll sehend und hörend, was aus einer judäischen Kunst werden könnte, wenn die Israeliten in neuen, von ihrem asiatischen Genie geschaffenen

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