Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 35 (24.8.1886)
- Date
- 1886-08-24
- Page
- Seite 549 (sequence 5)
- Language
- German
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549 ihn zu etwas machen könne. WaS Wunder, daß er in der Methode des Erwerbens nicht wählerisch ist, solange diese ihn mit dem Strafgesetze nicht in Colli^ion bringt. Was Wunder, daß er anders ist wie Herr Schröter, der in einem seit vielen Jahren in dem Besitze der Familie befindlichen Geschäfte aufgewachsen, reichliches Einkommen und geziemende gesellschaftliche Stellung gleich bei seinem Eintritte in der Welt vorfindet. Ja weiter! Ehrenthal ist in seinen An» schauungen ein wenig lau, aber in ihm lebt noch der Glaube an die Menschheit. — Er vertraut dem Freiherrn auf sein gegebenes Wort, denn dieser ist ein Edelmann. Und wie bezeichnend ist es, daß der schlaue Geschäftsmann sich gerade hierin getäuscht hat, denn angeborene Noblesse, sie schützt nicht die Grundsätze eines Sinkenden. Und endlich Alles, was er thut, es ist von dem sympathischen Gefühle des Vaters für sein Kind eingegeben. „Habe ich mich", sagte er, „gerackert, und mußte mich von Allen stoßen und treten lassen, so soll es mein Sohn anders haben. Er soll einst auf seinem Gute spazieren gehen können, und der Amtmann soll vor ihm respektvoll die Mütze abnehmen und sagen: Guten Morgen, Herr Ehrenthal:" Ja, gerade dieses unpraktische Bezeugen der elterlichen Liebe, welche gar nicht merkt, daß sie eigentlich ihrem Gegenstände keinen Gefallen thut, sie muß unsere Sympathie erwecken. Sie muß es auch in dem Falle, wo wir bei Frau und Tochter in ihrer Eitelkeit, in ihrem Kriechen nach der einen und ihrem Hochmuthe nach der anderen Seite die traurigen Resultate dieser Erziehung erkennen. Natürlich, denn der arme Ehrenthal kennt keine andere Art, den Seinigen seine Liebe zu erweisen, als ihnen das äußere Leben so angenehm als möglich zu machen. Wir kämen zu Beitel Jtzig, der traurigsten Gestalt unter der jüdischen Gesellschaft. Hat.Ehrenthal in seiner maßlosen Gewinnsucht vor dem Verbrechen Halt gemacht, so hört für Jtzig auch dieses Hinderniß auf, ein solches zu sein. Doch auch das hat seine Erklärung. Jtzig, schon in der Schule die Zielscheibe des Uebermuthes für alle seine Kameraden, muß sich selbst in der Welt seinen Erwerb suchen, er muß bei seinem Principale Stiefel putzen, in der Küche muß er essen, er muß mühsam sich die Zeit abringen, um neben dem Geschäfte seines Herrn auch ein wenig mit alten Kleidern zu handeln» um so das bei Seite zu bringen, was ihm seine zukünftige Existenz sichern soll. Was Wunder, daß er dann anders wird wie sein Schulkamerad Anton Wohlfahrt, der aus der Schule ausgetreten, in ein Geschäftshaus, wie das von Schröter kommt, dort als Mitglied der Familie angesehen wird, im Hause wohnen, an dem Familientische speisen darf und von dem Chef und dessen Personal auf das freundlichste in daS Geschäft eingeführt wird. Da ist weder Philonoch Antisemitismus, das ist die mit naturgeschichtlicher Consequenz sich vollziehende, Wahrheit, daß hauptsächlich die Lebensverhältniffe den Menschen machen. Ehrenthal mag über den Begriff Moral lächeln, von dem kann man ja nicht reicher werden; aber seinen Sohn drückt der heimliche Gedanke, daß seinem Vater nicht ohne Grund jene gesellschaftliche Stellung versagt wird, welche seinem Reichthume gebührt. Und dieser Vater, der den Wahnsinn seines Sohnes nicht begreifen kann, der ihm, Hirsch Ehrenthal, zumuthet, er solle seine mühsam gemachte Eroberung, das Gut des Barons, herausgeben, er wäre bereit, alles zu opfern, wenn er nur seine Kinder am Leben erhalten könnte. In die Nacht des Wahnsinns verfällt er, da sein Sohn vor dem Tode die Faust gegen ihn geballt hat. Es ist der einzige Helle Punkt, der in seinem durch dieses tragische Geschick umdüsterten Geiste zurückbleibt: „Die Faust hat er geschüttelt nach seinem Vater." Ziehen wir daraus das Resultat, so hat das Judenthum der zweiten Generation eine sittliche Zukunft, denn es ist befreit von jenen geistigen Fesseln, welche das sittliche Gefühl der Vergangenheit an der Entfaltung hinderten. Wie sieht es hingegen mit der zweiten Generation der Aristokratie aus? Befangen in angeborenen Vorurtheilen, aufgewachsen in schlechter Gesellschaft, kam ihr auch der Begriff von der Cavaliersehre abhanden, welcher die Väter ziert. Und wenn Baron Rothsattel selbst es nicht überleben will, daß jemand auf der Welt existire, der sagen könne, Baron Rothsattel hat sein Wort gebrochen, so macht sich der Sohn kein Gewissen daraus, einen armen Tagelöhner um seine Ersparnisse zu bringen. Darum kann auch der Dichter diesen traurigen Vorgang nicht anders sühnen, als daß er den jungen Freiherrn den ehrlichen Soldatentod bei der Bertheidigung des Lebens seiner Angehörigen finden läßt. Dem Bürgerthume und seiner redlichen Arbeit gehört die Zukunft des deutschen Volkes. In diesem Bürgerthume haben die Juden ihre Stellung theils gewonnen, theils werden sie sie noch erwerben, wenn sie die durch die Verhältnisse ihnen aufgezwungenen Fehler wieder von sich abgestreift haben werden. Keine Ehrenrettung sollte meine Arbeit sein, sondern sie soll dem großen deutschen Dichter zeigen, daß man die wahre Bedeutung seiner Werke auch in den Kreisen der deutschen Juden kennt oder zu kennen sich bemüht und sie soll unseren Glaubensgenossen helfen, des Vorurtheils Herr zu werden, welches dichterische Leistungen nur nach dem persönlichen Standpunkte zu dem darin ausgesprochenen Urtheile und nicht, wie es der Dichtung ziemt, nach der poetischen Wahrheit mißt. Nachwort der Redaction. Wir würdigen die Absicht, die der geschätzte Verfasser obigen Artikels gehabt, sowie die zutreffende Darstellung seines Gegenstandes. Dagegen stimmen wir mit seinem Endurtheil durchaus nicht überein.