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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-08-24 · Heft 35 (24.8.1886) · p. Seite 548

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 35 (24.8.1886)
Date
1886-08-24
Page
Seite 548 (sequence 4)
Language
German
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548 poetischen Darstellung gemacht und hat sich dadurch den unverdienten Ruf eines Antisemiten erworben. Betrachten wir einmal den Reporter Schmok in den „Journalisten." Schon der Name sagt uns, daß Freytag hier einen Typus zeichnen wollte, den Typus eines jener Gesellen, die es zu einem regelmäßigen Berufe nicht bringen konnten und mit einigem Talent und weniger Bildung fanden, daß die Schriftstellerei einzig und allein diejenige Beschäftigung sei, die ihren Geistesgaben entspreche. Schmok ist bei einer conservativen Zeitung angestellt. Auch das ist bezeichnend, denn es ist klar, daß hiermit das rein geschäftsmäßige seines journalistischen Berufes geschildert werden soll. Ein weiterer echtfarbiger Zug ist das vordringliche Lauschen, das Spähen nach dem interessanten Inhalte des Papierkorbes und das Taxiren der eigenen Leistungen nach dem klingenden Werthe. „Wie kann ich schreiben brillant die Zeile für fünf Böhm." Man darf aber nicht übersehen, daß in diesem Schmok doch ein edler Kern ist, der sich von dem niedrigen Parteigetriebe in seiner Redaction angewidert fühlt und hingezogen zu dem Edlen, was er bei Anderen bemerkt. Er achtet den Oberst, der als rechter Junker den Juden nicht vor sich sehen mag, und es kränkt ihn, daß man diesen so vortrefflichen Mann in der gemeinsten Weise zu Parteizwecken mißbraucht. Und endlich söhnt uns mit ihm sein offenes Geständniß aus, daß er für den höheren schriftstellerischen Beruf, den er in vr. Bolz verkörpert sieht, nicht recht geeignet sei und mit dem Darlehen, das die Güte Adelheids, der er einen großen Dienst erwiesen hat, ihm vorstreckt, in das Geschäft, in das richtige Element des Judenthums sich begiebt. Die hervorragendste Schöpfung des Dichters, den ich den größten unter den lebenden Dichtern Deutschlands zu nennen wage, ist unstreitig der Roman „Soll und Haben". Schon die geniale Idee, das geschäftliche Leben des deutschen Volkes zum Gegenständ poetischer Behandlung zu machen und zu abstrahiren von der traditionellen Gewohnheit, seinen Helden in dem Kreise der sogenannten obersten Zehntausend zu suchen, oder so reine, wesenlose Schattenbilder hinzuwerfen, die aus lauter Gefühlen bestehen oder endlich den Mittelpunkt der Handlung ganz und gar auf das Verhältniß zum weiblichen Geschlechte zu basiren, wie es wohl zum größten Theile Mode war und Mode ist, mit einem Worte jenen ungesunden realistischen Zug in die deutsche Poesie zu übertragen, der doch frei ist von der Entartung, welche die realistische Dichtung der Franzosen zeigt, der glückliche Wurf, eine» wahren Roman der Gegenwart zu schreiben, der ist Gustav Freytag gelungen. Der Roman stellt die Gesellschaftsclassen einer deutschen Provinzialhauptstadt, man sagt wohl nicht mit Unrecht Breslau's, nebeneinander. Die Aristokraten mit ihrer vorurtheilsvollen Bornirtheit, ihren für die gegenwärtige Zeitrichtung nicht mehr haltbaren Anschauungen, ihrem lüderlichen Lebenswandel und ihrer durch nichts gerechtfertigten Selbstüberhebung. Die bürgerliche Classe steht der ersteren gegenüber, ausgezeichnet durch ernste Erfassung der Lebensziele, durch eifrige Berufsthätigkeit und Gerechtigkeit gegenüber den Leistungen Anderer. Daneben sind endlich die jüdischen Kreise, Leute von verschiedenem Kaliber, Juden echtester Couleur wie Schmaje Tinkeles, der polnische Jude von echtem Schrot und Korn. Zehnmal hinausgeworfen, erscheint er zum elften Male unfehlbar wieder; solide Geschäftsgebarung ist für ihn ein Luxus, den sich nur reiche Leute erlauben können und darum dann doch Narren bleiben. Er weiß, daß sein komisches Auftreten, sein Jargon die Leute belustigt und kluger Weise zieht er dann auch Nutzen von der Stimmung, in welcher sein Verkehr die Leute versetzt. Ohne daß er direct einer schlechten That fähig wäre, ist doch seine Moral eine äußerst laxe. Er empfindet vor dem wirklichen Verbrecher, wie Beitel Jtzig, ein ehrliches Grauen, aber es kommt ihm nicht daraus an, sich an einer unehrlichen Machination zu betheiligen, welche seinen Geschäftsfreund schädigt, wo er sich zu seiner Entschuldigung sagen kann, daß dieser auch ohne sein Hinzuthun den gleichen Verlust erlitten hätte. Ein zweiter jüdischer Typus ist Hirsch Ehrenthal, der eigentliche Repräsentant des Jobber und Parvenü, wie sie auch Gutzkow in roher und gehässiger Weise in einem seiner Romane unter dem Namen Moses Levy geschildert hat. Diese Figur ist es auch, welche den Roman Freytags als antisemitisch tendenziös in Verruf gebracht hat. Betrachten wir uns diese Erscheinung näher, so müssen wir gestehen, daß sie sehr viel Abstoßendes an sich hat. Unser ganzes moralisches Selbst empört sich über den Charakter eines Mannes, der sein Opfer mit der größten Kaltblütigkeit umgarnt, Jahre vorher schon seine vorbereitenden Machinationen trifft, um den Baron, dessen Gut er zu erwerben trachtet, zu ruiniren. Wie er einen Herbergsvater von polnischen Juden zu einem Geschäftsmanne ausstattet, um den Baron zu dem Abschlüsse eines bedenklichen Geschäftes zu bewegen, wie er einen Dritten zum Ertheilen von Auskünften empfiehlt, welche er selbst geben zu können nicht in der Lage sei; alle diese mit Meisterhand gewobenen Maschen werden dann zusammengezogen, um den Freiherrn von Rothsattel aus dem Gute zu drängen, welches schon sein Ahnherr zur Zeit der Kreuzzüge besessen hat. Doch ist gerade an diesem Ehrenthal ein äußerst sympathischer Zug. Er selbst erzählt, wie er, noch ein Knabe, hinausgestoßen wurde in die Fremde, um sich selbst sein Brod zu suchen, wie er überall Spott und Hohn fand und merkte, daß nur Geld

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