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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-08-24 · Heft 35 (24.8.1886) · p. Seite 547

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 35 (24.8.1886)
Date
1886-08-24
Page
Seite 547 (sequence 3)
Language
German
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547 der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung der Juden, insbesondere auf dem Gebiete der Schule stand. Falk war ein Gegner der konfessionellen Schule, und suchte an deren Stelle die Simultanschule zu bringen. Er begünstigte deshalb, nicht selten sogar mit gewissem Druck, den Uebergang der jüdischen Gemeindeschulen in solche Simultanschulen, und wies die bei ihm petitionirenden jüdischen Lehrer kurzweg ab. Dahingegen stimmte er für die Anstellung jüdischer Lehrer an den öffentlichen Schulen. Hierüber ist neuerdings eine recht interessante und lehrreiche Mittheilung ans Licht getreten. Der vr. Wiese war Vortragender Rath im Unterrichtsministerium unter dem Raumer'schen Regiment, in der „neuen Aera" und unter Falk bis 1876. Schon hieraus wird man voraussetzen , daß er sehr conservative Neigungen hegte. Bor Kurzem erschienen nun „Lebenserinnerungen und Amtserfahrungen" des vr. Wiese, aus deren 2. Bande wir folgende Stelle entnehmen: „Die Vorgänger Falk's hielten es für ihre Pflicht, gegenüber den die volle Consequenz der bürgerlichen Gleichstellung verlangenden Juden und Judenfreunden die Idee der deutschen und christlichen Schule zu schützen, vr. Falk trat auf die andere Seite; die ihm bei verschiedenen Gelegenheiten meinerseits vom nationalen sowie ethischen und religiösen Standpunkt aus geäußerten Bedenken hatten in seinen Augen geringe Bedeutung. Den confessionellen Charakter einer höhern Schule, wo ein solcher überhaupt anzuerkennen, sah er durch Anstellung einzelner jüdischer Lehrer nicht beeinträchtigt. Die Einheit des Geistes im Lehrercollegium als höchstes Erforderniß für den Erziehungsberuf der Schule war ihm, verglichen mit der wissenschaftlichen Unterrichtsaufgabe, das weniger Wichtige, und bei nachgewiesener Befähigung wollte er jüdische Schulamtscandidaten und Lehrer von keinem Unterrichtsgegenstande, außer der christlichen Religion, ausgeschloffen wissen. Er hatte Geduld mit meinen Einwendungen, aber sie machten ihn in seiner Auffassung nicht irre. Daß von allen Bewegungskräften der Weltgeschichte die stärkste immer die Religion gewesen, und daß die Entwickelung des deutschen Volksthums nur durch das Christenthum verständlich sei, wolle er mir nicht bestreiten, sagte er; aber darum brauche sich der Vortrag der Weltgeschichte durch einen Juden in nichts von dem eines Christen zu unterscheiden. Ebenso wenig kam seiner Meinung nach bei der Interpretation der alten Autoren das Religiöse und Ethische sonderlich in Betracht. Ich wies auf die griechischen Tragödien, auf platonische Dialoge und auf Schriften wie Cicero's Tusculanen und Officia hin, die herkömmlich in Prima gelesen werden, und erklärte eine auf die sprachliche Seite beschränkte Behandlung für unzureichend: solche Lectüre erfülle ihren Zweck erst, wenn den Schülern ein Verständniß des Unterschiedes eröffnet wird, der zwischen den religiösen und ethischen Vorstellungen der Alten und dem christlichen Glauben und daher auch den sittlichen Principien der christlichen Welt besteht. Darüber, z. B. gelegentlich der genannten Schriften Cicero's sie über das Berhältniß der antiken Cardinaltugenden zu den christlichen zu belehren, sei aber ein Jude nicht wohl geeignet; wenigstens in der Schule nicht, auf der Universität vielleicht. Der Minister entgegnete: jeder gute Philolog, ohne Unterschied des Glaubens, würde dem Bedürfniß der Schule darin genügen können. Auch den deutschen Unterricht in allen Klassen wollte er jüdischen Lehrern nicht vorenthalten. Zwar einige Erbieten von solchen, sich an der Herausgabe eines allgemeinen deutschen Lesebuchs zu betheiligen, lehnte er ab; aber stilistischen Unterricht und die Einführung in die deutsche Literatur ihnen zu übertragen, fand er unbedenklich. Es half mir auch nichts, daß ich darauf hinwies, wie der jüdische Lehrer schon in der Wahl der Aufsatzthemata beschränkt sei, ebenso wenig, daß ich auf die Eigenschaften der Schreib- und Darsiellungsweise aufmerksam machte, welche den jüdischen Schriftstellern unserer Literatur charakteristisch sind, und daß einer von ihnen, Lassalle, selbst gesagt: „die Juden verderben das Deutsche"; auch nicht, daß in Schulverwaltungsberichten aus der Provinz Posen wiederholt über den schädlichen Einfluß geklagt worden sei, den eine starke Mischung der Klassenfrequenz mit jüdischen Elementen auf die Sprach- und Schreibweise der anderen Schüler habe. Der Minister lachte darüber. Ebenso wenig machte es einen Eindruck auf ihn, daß mir ein von ihm geachteter, selbst aus einer ehemals jüdischen Familie stammender Gymnasialdirector in einem Briefe die Bitte ausgesprochen hatte, doch ja zu verhüten, daß Sprachunterricht oder Geschichte jüdischen Lehrern übertragen werde. Der Schluß solcher Gespräche war gewöhnlich seinerseits: „Sie sollen sehen, was ich für unbestreitbares Recht der Juden halte, wird wenig zur Anwendung kommen." — Man ersieht hieraus, daß Falk es nicht für der Mühe werth hielt, die einseitigen und engherzigen Ansichten Wiese's zu widerlegen, daß er aber wenig Hoffnung hatte, seine Anschauung in Preußen verwirklicht zu sehen. Jedenfalls sind aber die vorurtheilslosen und gerechten Ansichten Falk's ein Moment, das nicht zu übersehen ist. Uebrigens ist, was vr. Wiese von Lassalle aussagt, entweder Erfindung oder ihm selbst weißgemacht: Lassalle hat solches niemals öffentlich ausgesprochen. ~ Brünn, im August. Die 2«)en in Gustav Freytag's Dichtungen. Zu seinem 70. Geburtstage.*) Bon vr. G. Deutsch. Gustav Freytag hat in zweien seiner Werke die Juden als Repräsentanten des Judenthums zu Trägern seiner *) Durch Zufall verspätet. Wir lassen unserem gesch. Mitarbeiter seine Ansicht aussprechen, geben aber unsere abweichende Meinung in einem Nachwort zu erkennen. Red. 3S*

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