Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 35 (24.8.1886)
- Date
- 1886-08-24
- Page
- Seite 546 (sequence 2)
- Language
- German
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546 sinnigen Blätter sich gewissermaßen verwundern, wie die Kreuz-Ztg. gerade jetzt ihre gegen die Gleichberechtigung gerichtete Tendenz so offen ausspreche, und sie finden darin eine Offenherzigkeit, die Anerkennung verdiene. Die „Franks. Ztg." sagt: „ Unseres Wissens wird zum ersten Male in einem ernsthaften conservativen Blatt die directe Einschränkung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden erhoben. Die conservative Partei hat auch während der Hochfluth der Judenhetze sich diese Forderung nicht zu eigen gemacht. Selbst Herr^ Stöcker hat, wenn er im Landtag oder Reichstag darauf provocirt wurde, es immer vermieden, sich klar für eine gesetzliche Beschränkung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden auszusprecheu. Der Versuch, seine Unterschrift unter der bekannten antisemitischen Petition abzuleugnen, entsprang gerade dem Wunsch, sich zu dieser Forderung nicht offen zu bekennen. Herr v. Köller hat, als er bei den letzten Reichstagswahlen im hiesigen vierten Wahlkreise candidirte, sich sogar gegen eine gesetzliche Beschränkung der Staatsbürgerrechte der Juden ausgesprochen." Aber hat denn die Kreuz-Ztg. selbst jemals aus ihrem Ceterum censeo ein Geheimniß gemacht? Hat sie nicht seit ihrem Anfänge 1849 immerfort die Beseitigung der Emancipation als eine unerläßliche Forderung aufgestellt? Hat nicht ihr Gründer und Redacteur Wagener 1856 bei dem Preußischen Landtage die Streichung der Verfassungsparagraphen über die bürgerliche und staatsbürgerliche Gleichberechtigung aller Confessiönen beantragt, und war nicht ihr anderer Redacteur, der Rundschauer von Gerlach, der Verfasser des famosen Berichtes über diesen Antrag? Selbst die damalige „Landrathskammer" ging über ihn zur TagesoHnung über, und das damalige Ministerium war ihm nicht beigetreten, weil es meinte, mit jenem Paragraphen durch die Auslegung fertig zu werden, daß ein Specialgesetz, in diesem Falle das Gesetz vom 23. Juli 1847, so lange es nicht direct aufgehoben sei, von einer noch so entgegengesetzten Bestimmung der Verfassung nicht außer Kraft gesetzt werde.*) Trotz dieser Niederlage hat die Kreuz-Ztg. niemals aufgehört, die Fahne der Gegenemancipation voran zu tragen und ihr Bestreben von Zeit zu Zeit mit allem Nachdruck, mit allem möglichen Hasse, mit Aufbietung aller Sophistik zu bekunden. Warum sollte sie es jetzt nicht wieder versuchen, da sie eine antisemitische Gesinnung überall verbreitet und die conservative Partei im preußischen Landtage mächtig sieht? Jndeß ist der Schauplatz dieses Kampfes, wenn es wirklich zu einem desfallsigen Anträge käme, nicht mehr der preußische Landtag, sondern der deutsche Reichstag; es gilt nicht mehr die preußische, sondern die Reichsverfassung zu ändern, speciell das Reichsgesetz *) S. unsere Schrift: „Der Kanips der Preußischen Juden sür die Sache der Gewissensfreiheit." (Leipzig, Bacnsch 18S6). vom 3. Juli 1869 aufzuheben, uttd dazu loerden sich weder das Centrum — nach seinen bisherigen Aeußerungen — noch die Mittelparteien entschließen. — Jedenfalls hat die Kreuz- Ztg. das Verdienst, die Sache klar gelegt zu haben und diejenigen zu warnen, welche allzuschnell das Vergangene vergessen. Eine Bemerkung der „Franks. Ztg." ist daher wohl am Platze. Sie sagt: „Gewiffe sehr bekannte jüdische Finanzmänner haben schon bei der letzten Reichstagswahl im hiesigen 1. Wahlkreise! nicht für Ludwig Loewe gestimmt; sie hätten seinem Gegenkandidaten, Herrn Adolf Wagner, ihre Stimmen gegeben, wenn dieser nicht in der antisemitischen Bewegung eine zu hervorragende Rolle gespielt hätte. In conservativen Kreisen ist das bekannt, und man sprach davon, bei den nächsten Wahlen das Glück mit einem conservativen Candidaten zu versuchen, der nicht als antisemitischer Agitator compromittirt ist. Die Offenheit der „Kreuz-Ztg." wird jenen Leuten Nun darüber die Augen öffnen, daß der Antisemitismus der sogenannten anständigen Conservativen sich von dem der Herren Stöcker, Cremer und Wagner höchstens in der Form, in seinen practischen Forderungen aber gar nicht unterscheidet." Und zum Schluffe: „Da der Franzose Drummond auch die getauften Juden für eine nationale Gefahr erklärt, so darf man von dem Organ der Fraction des getauften Juden Stahl wohl auch ein Wörtchen darüber erwarten, wie es die Getauften behandelt wissen will. Die Frage ist um so aktueller, als sie der „Kreuzztg." Gelegenheit zu Studien geben wird, die bis in die höchsten Beamtenkreise reichen, Studien, welche die Verleugnung aller Menschenfurcht verlangen." Bon dieser „Menschenfurcht" weiß allerdings die Kreuzzeitung nichts; man wird sich erinnern, in welcher Weise sie in der Mitte der 70 er Jahre gegen den Fürsten Bismarck auftrat, als sie sich in der Opposition zum Reichskanzler befand. Nun, wir werden sehen! _ (Schluß folgt.) Äus dem Ministerium Falk. Gegenwärtig ist der frühere preußische Cultus- und Unterrichtsminister Falk in den Hintergrund getreten, und man gedenkt seiner wenig. Es wird nicht so bleiben, und wir glauben, daß die Zeit recht nahe ist, wo man sein Regiment als eine sehr bedeutungsvolle Epoche der preußischen Culturgeschichte anerkennen wird. Selbst der jetzt so vielfach gemachte Versuch, ihm allein die Verantwortlichkeit für die Maigesetze aufzuwälzen, wird nicht gerade zu seinem Schaden ausfallen. Denn war einmal der Kampf gegen die römische Hierarchie eine von obenher beschlossene Sache, so galt es die dazu erforderlichen Kampfmittel aufzufinden. Doch dies gehört nicht hierher. Eine andere Frage ist es, wie Falk zu