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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-08-17 · Heft 34 (17.8.1886) · p. Seite 536

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 34 (17.8.1886)
Date
1886-08-17
Page
Seite 536 (sequence 8)
Language
German
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536 „Der Antisemitismus ist seit Jahr und Tag in der Oeffentlichkeit recht still geworden. Die Zeit der großen Versammlungen, in denen die berüchtigten Brandreden gehalten, die Gegner hinausgeprügelt wurden und das „Juden raus!" im Chor ertönte, ist längst vorüber. Die Patrone, welche jene Bewegung inscenirten, sind fast alle aus dem öffentlichen Leben verschwunden, die meisten von ihnen haben bürgerlich Schiffbruch gelitten. Wer spricht heute noch von den Henrici, Förster, Ruppel, Cunow, Liebermann und Pickenbach? Selbst die Blätter, die einst direct und indirect jene Excesse protegirt haben, schämen sich längst ihrer ehemaligen Schützlinge. Seitdem vollends der Antisemitismus, und noch dazu in der Person des Hofprediger Stöcker, officiös gerüffelt worden ist, führt er ein Stillleben, welches Viele zu der Meinung verleitet, daß er in den letzten Zügen liege. Die „Kreuz-Ztg." bemüht sich seit einiger Zeit, den Gegenbeweis zu erbringen und ist zu diesem Behufe auf ein neues Mittel verfallen. Sie predigt im Tone düsterer Prophezeihung von einem fürchterlichen Bunde, den das Judenthum mit der Socialdemokratie geschlossen habe. Herr Stöcker hat früher das Gegentheil versucht; er bemühte sich, den Arbeitern begreiflich zu machen, daß das „jüdische" Capital, die „jüdische" Aussaugung der Feind sei. Das hat nicht verfangen, und daher sucht das leitende Blatt der Conservativen jetzt, die Sozialdemokratie und das Judenthum möglichst zu indentisiciren und das letztere als die Nährmutter hinzustellen, die der socialdemokratischen Bewegung von Anfang an einen erheblichen Theil ihrer geistigen und materiellen Kraft geliefert habe. Die Thatsache, daß einige Juden, darunter auch wohlhabende, sich zur Socialdemokratie bekannt haben und noch bekennen, gilt dem conservativen Blatte als Beweis für seine Behauptung und es hat dabei gewiß nicht daran gedacht, daß man mit derselben Logik das Judenthum als die geistige und materielle Nährmutter der konservativen Partei in Preußen bezeichnen könnte. Auf derselben Stufe steht auch die Behauptung, daß die „Franks. Ztg." und einige fortschrittliche Blätter „unter den gegenwärtigen schwierigen Verhältnissen die Hauptschildhalter und die Ersatzkost unserer Socialdemokratie" seien. Es gehört eine ausgeprägte Feindschaft gegen die Wahrheit oder ein ungewöhnliches Maß von Ignoranz dazu, die Aeußerungen, die z. B. in der „Franks. Ztg." gegen das Socialistengesetz und den unglücklichen Versuch der Bekämpfung einer geistigen Bewegung durch Polizeiniittel wiederholt gemacht worden sind, als eine Inschutznahme der socialdemokratischen Lehren oder als einen Liebesdienst für die Socialdemokraten auszugeben. Ohne eine kleine Denunciation geht es in letzter Zeit bei der „Kreuz-Ztg." gar nicht mehr, und dabei kommt es auf eine Unwahrheit mehr oder weniger nicht an. Um den öfficiös verleugneten Antisemitismus wieder etwas zu Ehren zu bringen, bringt das conservative Blatt das Kunststück fertig, ihn aus dem Haß gegen die Socialdemokratie entstehen zu lassen, und knüpft daran gar nicht ungeschickt die Beschwerde, daß die antisocialdemokratische Bewegung nicht genügend gefördert worden sei. Die Leistung ist interessant genug, um sie wörtlich mitzutheilen: „In unserem Volke hat diese Erkenntniß von dem bis ins innerste Mark hinein destruktiven Wesen des JudenthumS und von seinem engen inneren und äußeren Zusammenhänge mit der Socialdemokratie wesentlich mitgewirkt, um eine Kraft des Widerstandes und des Unmuths zusammenzuballen, die als antisemitische Bewegung bekannt ist. Welche Behandlung aber hat diese Bewegung, diese energische Regung der Volksseele, die sich leicht von ihren Schlacken reinigen ließ, erfahren, und welche Förderung haben diejenigen gefunden, die, wie sie sicher anzunehmeu berechtigt waren, ein patriotisches Werk zu thun glaubten, wenn sie sich leitend und, wo erforderlich, mäßigend, in ihren Dienst stellten? Sie sind als inopportun und als Stein des Anstoßes für feinfühlige mittelparteiliche Gemüther oder auf dem Wege, der zu ihrer Gunst führt, bei Seite gestoßen, natürlich unter der betäubenden Janitscharen- Musik der gesammten triumphirenden Judenschaft innerhalb und außerhalb der Presse." Der Gedanke ist gar nicht übel, dem von oben herab als unbequem etwas in den Hintergrund gedrängten Antisemitismus die officielle Protektion dadurch wieder zu verschaffen, daß man ihn als eine gegen die Socialdemokratie gerichtete Bewegung ausgiebt. In einer Zeit, in der gegen die Socialdemokraten jedes Mittel recht ist, greift man vielleicht auch zu diesem. Werthvoll ist übrigens das Zugeständniß, denn bisher wurde es noch immer bestritten, daß die Führer des Antisemitismus als „inopportun und als Stein des Anstoßes bei Seite gestoßen worden sind." Sollte Herr Stöcker wirklich so böse Erfahrungen gemacht haben? Ganz schlimm kann es doch nicht sein, denn wo wäre der Herr Hofprediger mit seinen unglücklichen Processen wohl, wenn nicht immer noch mächtige Hände ihn beschützten?" Berlin, 5. August. (Privatmitth.) Der Zartsinn der Herren in den Thierschutzvereinen ist wahrhaft rührend. „Menschen opfern, Kälber küssen sie", möchte man von ihnen mit dem Propheten Hosea (13, 2) sagen; denn während sie von Sorgfalt und Barmherzigkeit für das liebe Vieh überströmen, wollen sie unter diesem Deckmantel und dem fälschlichen Vorgeben, daß die jüdische Schlachtweise eine Thierquälerei involvire, gegen die gesammte gesetzestreue Judenheit einen unerhörten Gewissenszwang ausüben. Von diesem, für jeden human Denkenden unantastbaren Gesichtspunkte aus allein sollten die Herren schon starkes Bedenken tragen, auf einen so gewaltigen Eingriff in ein Jahrtausende altes, selbst in den trübseligen Zeiten mittelalterlicher Verfolgung von keiner Seite bemängeltes Gesetz hinzuwirken. Bleibt ihnen

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