Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-08-17 · Heft 34 (17.8.1886) · p. Seite 535

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 34 (17.8.1886)
Date
1886-08-17
Page
Seite 535 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227609-3227644--43755-3264134
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

535 Deutschland. Berlin, 5. August. (Privatmitth.) Es ist hervorzuheben, daß sich jetzt Leute als fanatische Bertheidiger des Deutschthums, des Christenthums und dann auch des Adelthums geriren, indem sie gegen Juden und Judenthum losziehen. Sie geben vor, das Deutschthum zu vertheidigen und zu stärken, indem sie die Juden als ein fremdes Element aus demselben verbannen. Sie geben vor, das Christenthum zu vertheidigen und zu stärken, wenn sie die Juden als Feinde behandeln und das Judenthum möglichst herabsetzen. Das Adelthum wollen seine Bertheidiger schützen und stärken, indem sie gegen die geadelten Juden Front machen und die Juden als Gegner aller sittlichen Elemente im Volke darstellen. Allerdings steht diesen Leuten nur ein geringes Quantum von Geist zu Gebote, und die Gedanken, die sie vorzutragen wissen, lassen sich an 2 oder 3 antisemitischen Fingern aufzählen. Aber am meisten Zeugniß für ihre Geistesarmuth giebt es, wenn sie durch diese bloß negative Thätigkeit diesen großen historischen Erscheinungen neues Leben 'und neue Kraft einzuflößen glauben. Durch den Ausschluß eines verhältnißmäßig geringen Bruchtheils des eigenen Volkes, sowie durch die Beschimpfung und Erniedrigung einer anderen Religion, die noch dazu die grundlegende war und bleibt, ist weder dem Deutschthum noch dem Christenthum geholfen, wir glauben vielmehr, ein beträchtlicher Schaden zugefügt. Wenn das hier erscheinende „Deutsche Adelsblatt" in einer Reihe von Artikeln: „Der deutsche Edelmann und das geadelte Judenthum" gegen die geadelten Juden Front macht, so läßt uns dies an und für sich sehr kalt. Als Juden können uns einzelne dieser Herren recht theuer sein, als „adelig" gehen sie uns gar nichts an. Das Iudenthum kennt keinen Adel, und zwar von seiner ersten Phase, dem Mosaismus, an. Mit geringer Ausnahme wurden seine großen Männer vom Pfluge oder „von hinter der Herde weg" genommen, um ihm Rettung und Bestand zu sichern. Wo sich eine Art Adel bei ihm einschlich, gereichte es Israel zum Schaden. Die „Fürsten", die sich um die Könige von Juda sammelten, trugen nicht wenig zum Verfall des Staates bei. Die Hasmonäer, die sich durch ihre Verdienste zu „Königen" machten, riefen die Römer ins Land und legten dem Volke das römische Joch auf. Mit den vornehmen Sadduzäern allein hätte das Judenthum wohl kaum ein Jahrhundert bestehen können. Auch im Mittelalter suchte sich dann und wann eine Plutokratie unter den Juden geltend zu machen, wurde aber stets nach kurzer Zeit beseingt, da sie der Autorität der aus dem Volke erstehenden Gelehrten weichen mußte. Der bei der Gründung der Stiftshütte in der Wüste gegebene Anstoß, daß sich an ihr jeder Israelit nur mit einem halben Schekel zu betheiligen hatte, ging durch die ganze Geschichte der Juden hindurch. Verleiht Ihr einigen Juden den Adel, so geht uns dies nichts an und wir.können es nicht hindern. In der Regel — es giebt auch anerkennenswerthe Ausnahmen — bleiben die Nachkommen dieser „geadelten Juden" der väterlichen Religion doch nicht treu- Aus diesen adeligen Juden den gesammten Juden nun einen Vorwurf zu machen, und es ihnen als einen Beweis, nach Macht und Herrschaft zu streben, auszulegen , dazu gehört viel Verblendung und böser Wille. Noch weiter diese Adelsritter zu wiederlegen, scheint uns sehr überflüssig, den Adel auf diesem Wege regeneriren zu wollen, wird wenig helfen. — So lange der sog. Culturkampf in Blüthe stand, hielten es die ultramontanen „Hetzcapläne" für angemessen, um einen Prügelknaben zu haben, die Juden und das Judenthum aufs Heftigste zu verfolgen. Seitdem sich der Sieg auf die Seite der katholischen Kirche gewendet, hat dies allmählig ausgehört. Seitdem sich aber nunmehr die evangelische Geistlichkeit im Nachtheil glaubt, hat sie dies Amt übernommen, und was bis dahin einzelne von ihnen gethan, das scheint sich bei ihnen jetzt zu verallgemeinern. Jüngst hat es auch Dr. Delitzsch in seiner Missionszeitschrift „Hoffnung auf Saat" unternommen, zu beweisen, daß die Worte „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" (3. Mos. 19, 18), sich nur auf die Israeliten bezogen haben. Die Widerlegung dieser einseitigen und kleinlichen Auslegung ist schon oft genug geführt worden, z. B. in Ihrem Commentar zur Stelle. Den klarsten Beweis liefert der Text selbst in V. 34: „Liebe den Fremdling wie dich selbst, denn Fremdlinge wäret Ihr im Lande Egypten", wo Ger gewiß nicht den zum Judenthume übergetretenen Fremdling bedeuten kann. Uebrigens können doch noch viele Stellen der h. Schrift gegen die gezwungene Beweisführung des gelehrten Professors ins Feld geführt werden. Delitzsch vereinigt mehrfache Eigenschaften in sich: er ist im jüdischen Schriftthum sehr bewandert, strenggläubiger Lutheraner und Missionsförderer. Als ersterer trat er gewissenhaft gegen die Fälschungen und Lügen Rohling's und seiner Genossen auf; in der zweiten und dritten Eigenschaft muß er das Christenthum über das Judenthum erheben, und nichts widerstrebt diesen Herren mehr, als daß es das Judenthum lvar, welches zuerst die allgemeine Nächstenliebe verkündet, nnd daß das Christenthum auch diesen großen Lehrsatz wörtlich dem Judenthume entnommen hat. Diese Wahrheit ist so fest begründet, daß alle sophistischen Deuteleien sie nicht aus der Welt schaffen können. Berlin, 2. August. Wir entnehmen der „Franks. Ztg." folgenden Artikel:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.