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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-08-17 · Heft 34 (17.8.1886) · p. Seite 533

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 34 (17.8.1886)
Date
1886-08-17
Page
Seite 533 (sequence 5)
Language
German
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533 oder zu Vagabundiren, die nächste Stadt Pensa erreichen könnten. Dann — so lautete der Schluß des Bescheides — solle man diese Juden in Gottes Namen weiter ziehen lassen." Fast gleichzeitig erhielt Blüdow die Meldung, daß durch Kasan zwanzig jüdische Familien gezogen seien, welche Colonisten in Sibirien werden wollten. Der Gouverneur von Kasan berichtete, diese Familien seien mit den nothwendigen pecuniären und sonstigen Reisemitteln, sowie mit Legitimationen versehen gewesen, und hätten keinerlei Ansprüche um Unterstützung rc. an die Behörden gestellt, er habe sie deshalb ungehindert weiter ziehen lassen. Die Vorbereitungen der Behörden für die Transporte der jüdischen Colonisten nach Sibirien schienen inzwischen endlich und endgiltig getroffen zu sein; mit freudigem Herzklopfen harrten Tausende von jüdischen Familien auf den Ruf zum Abmarsch nach Sibirien, woselbst ihnen eine neue, glückliche Zukunft erblühen sollte; Kankrin übersandte dem Kaiser ein Memoire über den Erfolg seiner bisherigen Thätigkeit bezüglich des sibirischen Colonialprojects und meldete, daß die Transporte der Juden nach Sibirien nunmehr ungestört ihren Anfang nehmen könnten. Der Kaiser beeilte sich, dieses Memoire an Kankrin zurückzuschicken, auf welches er mit eigener Hand die wenigen, inhaltsschweren Worte geschrieben hatte: „Die Uebersiedelung der Juden nach Sibirien wird eingestellt." (5. Januar 1837). Woher kam diese ganz unerwartete, plötzliche Sinnesänderung des Kaisers gerade zu dem Zeitpunkte, als Jedermann mit Bestimmtheit die endliche Ausführung des mit solchen Anstrengungen ins Leben gerufenen sibirischen Colonialprojectes erwartete? Die wahre Ursache, derentwegen der Kaiser so unvermuthet und brüsk das sibirische Colonialproject verwarf, ward erst mehrere Jahre später dem Volke offenkundig, als durch irgend welchen Zufall der Inhalt eines hierauf bezüglichen Memoires, welches eigentlich secret verbleiben sollte, den Zeitungen bekannt wurde. Dieses betreffende Memoire war gemeinsam von Blüdow und Benkendorf verfaßt und dem Kaiser gerade zu dem Zeitpunkt überreicht worden, als derselbe, wie vorerwähnt, den Bericht Kankrin's erhielt, daß die Transporte der Juden nach Sibirien nunmehr ungestört beginnen könnten. Wir geben nachfolgend einen kurzen Auszug aus jenem Blüdow-Benkendorf'schen Memoire. „Mit diesen Grundgedanken, auf denen die kaiserliche Verordnung vom 13. Oktober 1836 basirt ist, können sich die Verfasser dieses Memoires nur durchaus einverstanden erklären. Hingegen sind dieselben nach genauester, reiflicher Ueberlegung zu der Ueberzeugung gelangt, daß speciell die Wahl Sibiriens für die Gründung der projectirten zahlreichen jüdischen Colonien keine glückliche genannt werden kann. Es kommen hierbei verschiedene, sehr schwer in die Wageschale fallende Momente in Betracht, welche den Urhebern jenes scheinbar so viel versprechenden und vortheilhaften Projektes vollständig entgangen sind." „Zuvörderst ist wohl zu erwägen, daß die Bevölkerung Sibiriens meist aus zur Deportation vernrtheilten Verbrechern oder politischen Verbannten besteht, also schon an und für sich ein durchaus schlechtes moralisches Element repräsentirt." „Diesem jetzt in Sibirien lebenden, in moralischer Beziehung notorisch schlechten Element will man nun eine neue Bevölkerung, die jüdischen Colonisten, zugesellen, welche zunächst moralisch wenig taugt und erst in den Colonien moralisch gebessert werden soll. Die Anlalgamirung dieser beiden Elemente kann doch unmöglich ein gutes neues Produkt ergeben und dem Staat von irgend welchem Nutzen sein. Die in Sibirien eintreffenden jüdischen Colonisten finden an jener Vebrecher-Bevölkerung, welche sich durch nichts weniger, als durch Lust zur Arbeit, Fleiß und sonstige Tugenden auszeichnet, ein höchst verderbliches Vorbild; andererseits aber kann jene Verbrecher-Bevölkerung ebenfalls nun und nimmermehr durch die neu eingewanderte jüdische Bevölkerung, welche vorläufig wenigstens selbst kein gutes moralisches Element repräsentirt, auf eine bessere Stufe der Moralität gebracht werden. Daher wird der jüdische Colonist in Sibirien bald den Ackerbau, dessentwegen er dorthin geschickt wurde, mehr und mehr vernachlässigen und mit der Vorgefundenen Verbannten- und Verbrecher-Bevölkerung dieselben Schacher-, Hausir- und Kleinhandel-Geschäfte beginnen, welche so namenloses Unheil über die christliche Bevölkerung der West- Gouvernements gebracht haben. Anstatt also in Sibirien eine Ackerbau treibende, solide jüdische Bürgerschaft heranzuziehen, wird man statt dessen in kurzer Zeit daselbst nichts weiter als Handels- und Schacher-Juden vorfinden, welche die ursprüngliche sibirische Bevölkerung immer mehr demoralisiren werden. Diesem Schacherwesen, welchem sich sehr bald die jüdischen Colonisten ergeben werden, können die dortigen kaiserlichen Sicherheitsorgane kaum mit dem nöthigeu Nachdruck entgegenwirken. Denn erstens ist das Gouvernement ein sehr ausgedehntes, zweitens sind die Sicherheitsorgane im Berhältniß zu dieser Ausdehnung schon jetzt spärlich genug bemessen, so daß sie Mühe haben, die ihnen zugemutheten schweren Dienstobliegenheiten genügend zu erfüllen, drittens endlich sind diese Sicherheitsorgane selbst theilweise höchst unzuverlässig und namentlich Bestechungen sehr zugänglich." „Außer diesem voraugeführten Hauptmoment kommen nun aber auch noch verschiedene Nebenmomente in Betracht, welche ebenfalls nicht unbeachtet bleiben dürfen. Hierzu gehört besonders die Erörterung der Frage, ob überhaupt der größte Theil der meist ganz armen und schon jetzt halb verhungerten Juden, welche sich als Colonisten für Sibirien gemeldet haben, die kolossalen Strapazen dieser langen, be-

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