Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 34 (17.8.1886)
- Date
- 1886-08-17
- Page
- Seite 531 (sequence 3)
- Language
- German
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531 aber begann in den Regierungskreisen eine heftige Polemik darüber, ob es für West-Rußland vortheilhaft oder unvortheilhaft sei, wenn dasselbe den größten Theil seiner jüdischen Bevölkerung verliere. Ein Theil der Regierungsbehörden hielt es für unbedingt nothwendig, die gesammten Juden aus West-Rußland zu entfernen und ihnen irgendwo, nur in möglichst größter Entfernung von diesem Theil des Reiches, neue Wohnsitze anzuweisen, damit ihnen jegliche Lust und Gelegenheit zur Rückkehr dahin benommen werde. Ein anderer Theil der Regierungsbehörden wies dagegen nach, daß das sibirische Colonial-Projekt enorme Nachtheile für West-Rußland herbeiführen werde, weil man diesem Theile des Reiches durch die Entfernung der Juden eine sehr nützliche und für das Wohl desselben nothwendige Klasse der Bevölkerung entziehe; (man merke sich diese Aeußerungen wohl! Red.) es ward daher von den Anhängern dieser Ansicht der Vorschlag gemacht, das Projekt der jüdischen Colonien ausschließlich in West-Rußland selbst zur Ausführung zu bringen. Zu denjenigen hohen Persönlichkeiten, welche sich nicht scheuten, energisch die Partei der Judenschaft zu ergreifen und den schrecklichen Zustand, in welchem sich dazumal der weitaus größte Theil derselben in West-Rußland befand, zur Allerhöchsten Kenntniß zu bringen, gehörte auch der General Drebusch. Derselbe richtete an den einflußreiche» Chef der Gensdarmerie, Benkendorf, ein Schreiben nachfolgenden Inhaltes. „Meine Hand zittert, de» schrecklichen Zustand zu beschreiben, in welchem sich der größte Theil der Judenschaft befindet. Arbeitslosigkeit und Hungersnoth haben in derselben einen so hohen Grad erreicht, daß die rascheste Abhülfe dieses Elends eine heilige Pflicht für die Regierung ist. Im wahre» Sinne des Wortes verschmachten die Säuglinge an de» verdorrten Brüsten ihrer Mütter, und verhungern die Kinder und die Greise, welche nicht im Stande sind, ihr Brod auf den Straßen zu erbetteln. Tausende von Juden jeden Alters und Geschlechtes bitten händeringend um Arbeit, sind gern erbötig, für ein Spottgeld, ja schon für Verabreichung der dürftigsten Nahrung die schwersten Arbeiten zu verrichte», aber nur wenigen von ihnen gelingt es, vorübergehend Beschäftigung zu finden, durch welche sie ihr Leben zu fristen vermögen. Denn auch an die Thüren der christlichen Bewohner klopft bereits allerorts das Hungersnoth-Gespenst an; viele dieser Bewohner würde» sicherlich gern den schaarenweis bettelnd umherlaufenden, verhungernden Juden Almosen, Brod oder Arbeit geben, wenn sie überhaupt selbst noch in der Lage wären, dies thun zu können." „Die Juden betrachten die ihnen versprochene Wohlthat, in Sibirien Colonisten werden zu dürfen, als das einzige, noch denkbare Mittel, ihre Familien vom gänzlichen Untergang zu erretten. Sie sind nicht nur mit Freuden bereit, nach Tobolsk auszuwandern, nein selbst nach Irkutsk würden sie gern ziehen, wenn sie nur die Gewißheit hätten, sich dort mit ihrer Hände Arbeit, möge sie auch noch so schwer sein, den nöthigen Lebensunterhalt erwerben zu können und zu dürfen. Aber diesem Wunsch, Colonisten zu werden, setzen die Kahals (Gemeinden) alle nur denkbaren Hindernisse entgegen, weil sie mit Recht befürchten, einerseits die Steuern und Abgaben zahlenden reichen und wohlhabenden, andrerseits die zur Erfüllung der Militärpflicht verwendbaren armen Juden zu verlieren. Diese egoistische Besorgniß veranlaßt sogar die Gemeinde-Verwaltungen, in schändlicher Weise die Ausführung der Allerhöchsten, für die Judenschaft erlassenen Verordnungen zu verhindern. Wo noch irgend welches, noch so geringes Eigenthum bei den ärmeren Juden zu finden ist, da werden die Abgaben ohne Erbarmen von denselben durch Execution eingetrieben, man nimmt ihnen, in der vollsten Bedeutung des Wortes, das Hemd vom Leibe. Die reichen Juden sehen diesem Treiben der städtischen Communalbehörden gegen die arme Judenschaft meist indifferent zu, weil sie es doch nicht zu ändern im Stande sind, es giebt aber sogar unter diesen reichen Juden Subjecte, welche mit den Behörden aus irgend welchen Gründen unter einer Decke stecken und das verbrecherische Treiben derselben unterstützen. Hunderte dieser armen jüdischen Familien würden mit Wonne nach Sibirien auswandern, aber die Gemeinde-Vorstände, welche die Auswanderung angegebener Ursache» halber um jeden Preis verhindern wollen, verweigern ihnen rücksichtslos die zum Eintritt in den Colonistenstand unbedingt erforderlichen Leumunds-Atteste, und zwingen sie hierdurch, in ihren bisherigen Wohnsitzen zu verbleiben." „Da also die Verhältnisse so beschaffen sind, daß die kaiserliche Regierung einen großen Theil der jüdischen Bevölkerung in entfernte Landestheile zu verpflanzen wünscht, daß die Judenschaft die größte Bereitwilligkeit zeigt, diesem Wunsch der Regierung Folge zu leisten, daß aber die meisten Communen aus egoistischen Rücksichten diese Auswanderung ihrer jüdischen Bürger mit allen Mitteln zu verhindern suchen, so erlaube ich mir nachstehend kurz folgende Vorschläge zu machen, durch welche den Communen jede Gelegenheit zu ferneren Jntriguen gegen das Allerhöchste Project entzogen wird." „1) Alle Juden, welche Colonisten zu werden wünschen, haben ihr hierauf bezügliches Gesuch einem näher zu bestimmenden Gensdarmerie Beamten, welcher weder von der Kreisnoch von der Gouvernements-Verwaltung abhängig ist, einzuhändigen. Von diesem Gensdarmerie-Beamten, welcher sich Gewißheit über die physische und moralische Befähigung der betreffenden Familien, in den Colonistenstand zu treten, zu verschaffen hat, erhalten dieselben alsdann die nöthigen Passe, durch welche ihnen allerorts Schutz und Hülfe zugesichert ist' 34*