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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-08-10 · Heft 33 (10.8.1886) · p. Seite 524

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 33 (10.8.1886)
Date
1886-08-10
Page
Seite 524 (sequence 12)
Language
German
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524 London eine Reformgemeinde entstand, welche die Verpflichtung auf die rabbinischen Satzungen nicht anerkannte, sich aber streng an die h. Schrift hielt. Sie stellte einen verbesserten Gottesdienst her und schaffte auch die zweiten Festtage ab. Damals entstand von orthodoxer Seite ein wahrer Sturm gegen diese Westend-Synagoge und man versuchte sogar, die verrostete Waffe des Bannes herauszuholen. Aber dies mißglückte, und selbst die Maßregel, Niemanden aus der Gemeinde zu trauen, der nicht das Versprechen gäbe, aus ihr auszutreten, scheiterte an der Macht der Verhältnisse. Seitdcni war Waffenstillstand und jetzt ist der völlige Friede eingetreten, indem in das in Loarä ok vsputios, die Delegirten der gesammten englischen Gemeinden, zwei Vertreter der Reformgemeinde — auch in den Provinzen bestehen einige solche — ausgenommen wurden: Sir Julian Goldsmid u. Sir Philipp Magnus. Arabien. Paris, 23. Juli. Die ^rot>. isr. bringen folgende Zuschrift aus Zanzibar vom 2. Juni: Mein Freund, der ungarische Baron Bela Racosky, Gesandter S. M. des Kaisers von Oesterreich bei S. H. dem Sultan von Zanzibar, hat, von einer Reise in Jemen zurückgekehrt, mir gütigst einige Nachrichten über unsere Glaubensgenossen dieses Landes gegeben. Die Juden von Jemen sind in Stämme getheilt wie die Araber. In einer Entfernung von vier Tagen von Aden findet sich eine Stadt Namens Dalah; das ist die erste Gegend bei Aden, wo er ihre Sitten und ihren Charakter studiren konnte. Die Stadt Dalah besteht aus zwei Theilen; der eine ist von den Muselmanen, der andere von den Juden bewohnt. Sie sind Schmiede, Maurer, Tischler, Goldschmiede, Waffenpolirer, Schwertfeger, Ciselenre, Sattler, Schuster; ihre Lederarbeiten sind bewundernswürdig und die Araber sagen selbst, daß sie ohne die Juden nicht existiren könnten; am Ende werden alle Arbeiten von den Juden ausgeführt; der Baron Racosky war sehr erstaunt über diese industrielle Thätigkeit, welche einen Gegensatz bildet zu dem gewöhnlichen Handelsbetrieb, welchen er bei den Israeliten Ungarns beobachtet hatte. Nicht ein Jude beschäftigt sich dort mit Handel, sie arbeiten unermüdlich, denn ihre Armuth ist unbeschreiblich. Ihre Kleidung besteht aus einem langen Hemde, welches die weiße Hose bedeckt, über dem Hemde das unerläßliche Arba-canfott; eine schwarze Lederkappe bedeckt den Kopf. Die Kleidung der Frauen besteht in einer langen Tunica aus dunkelblauem Stoff, den Körper bis zu den Füßen bedeckend; ein Schleier, am Haupte befestigt, verbirgt die Haare vollständig, fällt in Falten ans den Rücken und bedeckt die linke Hälfte des Gesichts und das linke Auge. Die Männer sind von einer Statur unter Mittelgröße, schwach, knochig, von sehr dunkler Farbe, eine Folge ihrer Arbeit in schlecht gelüfteten Werkstätten voller Rauch. Die Frauen sind klein, eher wohl gebaut, haben wunderbare Augen wie scheue Rehe, aber weder die Männer noch die Frauen lachen jemals, lächeln nicht einmal, ihr Leben ist zu elend dazu. Die Kinder laufen in den Straßen halb nackt umher. An diesen Kindern kann wanden so schönen jüdischen Typus wohl studiren; auf ihrer Stirn kann man lesen, daß sie von einer auserwählten Race abstammen, welche, ungeachtet der Jahrhunderte der Verfolgung, noch viel Würde und Verheißungen einer großen Zukunft bewahrt. — Die Juden von Dalah sind sehr religiös, sie halten den Sabbath mit großer Strenge. Sie hören mit Arbeiten auf gegen Freitag Mittag. Sie bereiten ihre Speisen streng nach den Gesetzen Moses'. Jede Kehilah hat einen Vorsteher (Rosch Kehilah) und ferner ist der Rabbiner auch der Dayan (Richter); fast alle Erwachsenen können hebräisch lesen, aber die Frauen sind nicht so weit vorgeschritten. Sie sprechen unter sich nicht arabisch, sondern aramäisch, das Niemand außer ihnen verstehen kann. Wenn die Fremden sie über ihre heiligen Bücher befragen, vermeiden sie bestimmte Antworten und verweigern es Jedem, der nicht mosaischer Religion ist, sie zu zeigen. Der Baron ist überzeugt, daß man bei ihnen Handschriften finden könnte, welche eines Tages viel Licht auf die biblischen und talmudischen Fragen werfen würden. Ihre Nahrung ist sehr einfach: ein wenig Reis, Hirse, Hammelfleisch, wenn man reich genug ist, sich solches zu verschaffen; alles nach den hygienischen Gesetzen Moses zubereitet. Sie verheirathen sich sehr jung und innerhalb ihres Stammes. Die Araber verachten sie wegen ihrer Arbeiten und lassen sie nicht außerhalb ihres Quartiers wohnen oder das Land bebauen. Sie halten viel auf ihre Religion und sie lassen niemals davon ab, nach den Gewohnheiten ihrer Vorfahren zu leben. Von der Stadt Dalah bis zur Stadt Terim, auf eine Entfernung von 4 Tagen, fand der Baron keine Spur einer israelitischen Kehila. In Terim fand er, daß die meisten Einwohner Juden sind, von demselben Typus, denselben Beschäftigungen und Gewerben, die wir eben beschrieben haben; auch in dieser Gegend sind es die Araber, welche den Handel betreiben, und die Israeliten sind die Handwerker. Sie tragen allgemein biblische und talmudische Namen wie Akiba, Gamaliel, Meir, Menachem, Cheloma, David; die Frauen Hanna, Basia, Zipora, Staete. Alle Anstrengungen des Barons, sich Freunde unter den Juden zu verschaffen, wurden durch die Türken vereitelt, welche fürchteten, daß Oesterreich aus diesen Beziehungen eine politische Partei bilden möchte, wie man in Aegypten, Syrien, Marokko gesehen hat, daß die „Franken" durch Vermittlung der Israeliten Einfluß gewannen und die Israeliten zugleich fast ihre moralische Unabhängigkeit erlangten, indem sie der Jurisdiction der türkischen Paschas entgingen, der Plage dieser

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