Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 33 (10.8.1886)
- Date
- 1886-08-10
- Page
- Seite 522 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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522 von Florenz aber gehört zu den schönsten Italiens. Die bis, jetzt in Rom erbauten Synagogen sind sehr ärmlich.' Rom, 23. Juli. Dem in Livorno erscheinenden „Lunario Jsraelitico" entnehme ich folgende interessante Daten über die italienischen Juden. Ihre Anzahl beziffert sich auf 45,050. Auf ganz Italien (allerdings Italia irredenta inbegriffen) entfiele demnach nicht mehr als 1 pCt. von den Juden Europas. Italien hat weit weniger Juden, als etwa Wien allein. Eigentliche Judengemeinden giebt es in Italien 84. Der Autor des „Lunario Jsraelitico" scheint Jrredentist zu sein, denn er zählt Triest zu Italien. Die Mehrheit der Juden in Triest besteht jedenfalls aus italienischen Juden, 5570 an Zahl. In Rom wohnen 5600 Juden. Die römischen Juden haben nicht einmal einen Ober-Rabbiner und sind eine schlecht organisirte Gemeinde. Die zweitgrößte Judengemeinde Italiens ist in Livorno, 4050 Juden. Turins Judenzahl beträgt 2600; Venedig hat 2500, Florenz 2400, Ferrara 1750, Ancona 1700, Modena 1700, Mantua 1430, Mailand 1100 Juden. Der Autor ist ein so großer Patriot, daß er die unpopulärste That Cavour's ignorirt und Nizza zu Italien zählt; es hat 1100 Juden, Verona 975. Eine der berühmtesten Judengemeinden Italiens hat Padua, 950 Seelen stark. An ihrer Spitze steht der ehrwürdige Rabbi Ende Lolli, Professor des Hebräischen an der Universität Padua, Schüler und Nachfolger des berühmten Luzzatto, der, ein Meister der hebräischen Sprache und überhaupt der orientalischen Sprachen, die Rabbiner Italiens heranbildete. Jetzt aber besteht die Rabbiner-Schule von Padua nicht mehr und Mantua ist nunmehr die Hochschule der italienischen Rabbiner; Rabbi Mortara leitet diese Schule. Die Zahl von 500 erreichen resp. überschreiten folgende Gemeinden: Casale mit 800, Neapel 650, Pisa 640, Genua 550, Reggio 545, Bologna 520, Vercelli 500. Sollte Sicilien keine Juden haben, daß Palermo gar nicht auf der Liste unseres Autors steht? Und die Handelsstadt Bari sollte keine Juden haben? Man sprach in Rom jüngst von der Ernennung des berühmten Paduaer Nationalökonomen Luigi Luzzatti zum Unterrichtsminister — und dieser ist zufällig Jude, was in Italien nebensächlich ist. Man argumentirte einfach so: Coppini, der gegenwärtige Unterrichtsminister, ist auch dem Namen nach nur ein Köpfchen (Coppino - Köpfchen), ein Unterrichtsminister sollte aber ein Kopf sein, was der Jude Luzzatti zufällig ist. Die Möglichkeit, daß Luzzatti, ein intimer Freund des Ministerpräsidenten Depretis, Minister werde, ist noch nicht ausgeschlossen. Auch unter den Vicepräsidenten der Kammer ist ein Jude, der reiche Venetianer Maurogonato, eine der ersten Capacitäten Italiens auf dem Gebiete der Finanzen. Der jüdischen Deputirten giebt es viele, z. B. Franchetti und Arbib. Auch im Senat sitzen Juden, z. B. Tullio Massarani, der bekannte Mailänder Kritiker, der Italien im vorigen Jahre am Grabe Victor Hugo's vertrat. An den Universitäten lehren viele jüdische Professoren und Italiens größter Sprachforscher ist der an der Mailänder Akademie lehrende Graziado Ascoli, ein Görzer Jude von Geburt. Rußland. Bonn, 27. Juli. Da die Auswanderung jetzt immer größere Dimensionen annimmt, werden die Blicke um so mehr auf die jüdischen Ackerbau - Colonien gelenkt. Der Wunsch, daß solche gute Erfolge erzielen und zur Nacheiferung anspornen mögen, ist natürlich. Die Versuche, die neuerdings in Palästina und Amerika gemacht worden sind, geben noch immer keine sicheren Resultate. Sie bedürfen fortwährend zu ihrer Existenz bedeutender Unterstützungen, und selbst die Ackerbauschule bei Jaffa kann ihre Kosten noch lange nicht mit ihren Erträgen decken. Vor Allem sind es deshalb die jüdischen Ackerbau-Cvlonien in Südrußland, welche beachtenswerth sind, weil einige derselben schon mehr als ein halbes Jahrhundert alt sind, die Nachrichten über sie aber von Zeit zuZeit sehr verschieden lauten. Bor Kurzem ist in Frankfurt a. M. bei Kauffmann eine Schrift erschienen: „Die jüdischen Colonien in Rußland. Culturhistor. Studie und Beitrag zur Geschichte der Juden in Rußland. Bon Julius Elk." Wir werden aus derselben noch Näheres mittheilen, geben aber heute schon eine Uebersicht, wie sie die „Franks. Ztg." bringt. Im Jahre 1882 veröffentlichte das in Petersburg erscheinende Journal „Woschod" eine Reihe officiellen Aktenstücken entnommener Berichte über die Geschichte der jüdischen Colonien in Rußland. Diese Berichte liegen den Darstellungen des Herrn Elk zu Grunde und derselbe hat einiges aus eigener Anschauung Gewonnene hinzugefügt. Der Gedanke, die Juden in Rußland für den Ackerbau zu gewinnen, ihnen dadurch zu einem menschenwürdigeren Dasein zu verhelfen und sie von dem physischen Elend, dem sie anheimgefallen waren, zu befreien, ging von Alexander I. aus. Trotz der nicht sehr günstigen Bedingungen, die mit dem Colonisirungsproject verbunden waren, fand die Absicht des Zaren großen Beifall bei der gesammten Judenschaft, und die Anmeldung war eine so zahlreiche, daß mit der Ausführung des Plans alsbald begonnen werden konnte. So wurden bereits im Jahre 1806 die ersten neuen Colonien in Cherson angelegt. Die guten Gesinnungen des Zaren scheiterten aber an der Pflichtvergessenheit der ausführenden Beamten, welche die ihnen aufgelegte Pflicht, das Unternehmen zu „soulagiren und zu protegiren" dahin verstanden, recht viel in ihre eigenen Taschen fließen zu lassen. Während nach Petersburg die günstigsten Berichte über die Colonien gelangten, gingen diese rasch ihrem Untergange entgegen. Kaiser Nikolaus nahm das Werk mit seiner gewohnten Energie wieder auf,