Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 33 (10.8.1886)
- Date
- 1886-08-10
- Page
- Seite 521 (sequence 9)
- Language
- German
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521 ftaffcl, 27. Juli. Die „Frkf. Ztg." schreibt: Der „Bruderzwist" zwischen den Conservativen und Antisemiten im diesseitigen Regierungsbezirk, welche bislang die „Hetzarbeit" gegen unsere jüdischen Mitbürger mit „viel Geschrei", glücklicherweise aber ohne jedweden nennenswerthen Erfolg, gemeinsam verrichteten, ist nunmehr auch durch eine mit Ausschluß der Oeffentlichkeit zu Guntershausen abgehaltene Delegirten-Versammlung der conservativen Partei in Hessen und Waldeck offiziell besiegelt worden. Es wurde nämlich, wie man jetzt erfährt, im Verlaufe der Verhandlungen eine Resolution angenommen, durch welche die Versammlung die Ansicht ausspricht: „daß die von den Antisemiten aufgeworfene Frage auf der Grundlage des conservativen Programms, das heißt der Verwirklichung des praktischen Chiistenthums zu lösen und in dieser Richtung seitens der conservativen Partei selbstständig und mit Entschiedenheit vorzugehen sei." Im Gegensatz zu diesem Vorgehen der Conservativen will bekanntlich der „Großtrommelschläger" der hessischen Judenvertilger, Dr. Böckel-Capistrano, die Mitglieder aller politischen Parteien mit gleicher Liebe an sein sehnsüchtig schlagendes „Reichstagskandidatenherz" drücken, wenn sie nur im Uebrigen zur „antisemitischen Sturmfahme" schwören und ihm bei der Wahl ihre Stimmen zuwenden. Pose», im Juli. Die „Preuß. Lehrerzeitung" vom 4. Juli enthält folgenden Bericht: An der jüdischen Schule in Lissa bei Fraustadt ist zum 1. October die dritte Lehrerstelle vacant. Sie bringt 2000 M. jährliches Einkommen. Das klingt freilich wunderbar viel. Aber man bedenke: Mit dieser vollbeschäftigten Lehrerstelle an einer öffentlichen Schule ist noch das Cantorat und das Amt eines Lehrers des Hebräischen verbunden. Der Lehrer hat also 30—32 Stunden in der Elementarschule zu halten, 6—8 Stunden wöchentlich hebräisch zu unterrichten und an Sabbath- und Festtagen das Cantoramt zu versehen. Und das Alles für 2000 M. — von denen aber nur 1195 M. pensionsfähig sind — incl. Wohnung und Heizung. Die Gemeinde Lissa hatte bisher einen besonderen Cantor, der aus dem Cantorate allein ca. 2000 M. Einnahme hatte, während der Herr Rabbiner tont comme chez nous — 3600 M. festes Gehalt bezieht. So aber verschlechtert man die Lehrergehälter, erspart der Gemeinde Ausgaben und verwendet die Ersparnisse zur Aufbesserung anderer Gehälter. In der Stadt Kosten bezieht der jüd. Lehrer und Cantor an der einklassigen Schule — die nur 12 Schüler hat — gleichfalls 2000 M , wie sein zukünftiger College in Lissa, einer Stadt mit ca. 10,000 Einwohnern und einer Gemeinde, die 6—7 mal so groß als die in Kosten ist. Schweiz. Zürich, 27. Juli. Der Centralvorstand der schweizerischen Thierschutzvereine ersucht in einer Eingabe das eidgenössische Departement des Innern betreffend das Schachten, die nöihigen Schritte zu thun, damit in der gesammten Schweiz das Tödten der Schlachtthiere in den öffentlichen Schlachthäusern und den Privatschlächtereieu ohne vorgängige Betäubung der Thiere durch Schlag oder Schuß verboten werde. Der Bundesrath dürfte aus formellen Gründen zur Zeit schwerlich entsprechen können, der Thierschutzverein wird aber die Sache nicht ruhen lassen, dafür bürgt schon die zähe Energie seines Präsidenten, des Pfarrer (!) Wolfs. (Aus „formellen Gründen" allein wohl doch nicht! Der Bundesrath hat schon früher, gestützt auf die vielen Gutachten bedeutender Fachautoritäten, welche ihm durch vr.Kayserling vorgelegt worden, die Petitionen des Thierschutzvereins abgewiesen.) Frankreich. Paris, 30. Juli. (Privatmitth.) Es ist ein absonderlicher Zug vieler, besonders der französischen Antisemiten, die bedeutendsten Menschen zu Juden zu stempeln. Ihr Zweck ist dabei, die Macht und den Einfluß der Juden zum Schrecken aller guten Christen in's ungeheuerliche zu vergrößern. Daß sie dadurch den Werth der Semiten, die Vorzüge des jüdischen Stammes glorificiren, während sie diese doch in jeder Weise herunterzusetzen suchen, und somit in einen grellen Widerspruch verfallen, merken sie entweder nicht oder kümmern sich nicht darum. Innerlich werden sie wohl fühlen, daß ihr ganzes Thun und Treiben im Widerspruch mit unserer Zeit, mit Recht und Wahrheit steht, und so kommt es auf einen Widerspruch mehr nicht an. Scheut sich doch der Pamphletist Drumont nicht, Napoleon I. für einen Juden auszugeben.! Gleiches begegnete seinem republikanischen Nachtreter Jacques de Biez, der deshalb in mehreren Fällen, wo es lebende Personen betraf, in öffentlichen Blättern einen Widerruf leisten mußte. Jndeß muß solches Gebühren dem Publicum bald widerwärtig erscheinen. Auf Ansehen oder gar Autorität können diese Libellisten von vorn herein so nicht rechnen. Ihr Spiel muß deshalb bald ein Verlorenes sein. Italien. Rom, 22. Juli. (F.Z.) Die Demolirung des römischen Ghetto macht gute Fortschritte. Ju Kurzem werden die Häuser längs der Via Rua niedergerissen sein, zum großen Berdrusse der armen Krämer, die nicht wissen, wohin sie sich flüchten sollen. Bald wird auch die Synagoge auf der Piazza delle Scuole demolirt werden müssen. Eine neue große Synagoge wird sich auf dem Bauplatze erheben, der begrenzt ist von der Piazza Cenci, Piazza delle Scuole, Via Rua und Bia delle Scuole. Die neue Synagoge wird im Stil der großen Synagoge von Florenz erbaut werden; die Synagoge LS