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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-08-10 · Heft 33 (10.8.1886) · p. Seite 520

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 33 (10.8.1886)
Date
1886-08-10
Page
Seite 520 (sequence 8)
Language
German
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520 %eÜCu-vuftyyiac Deutschland. Berlin, 29. Juli. (Privatmitth.) Ein altes jüdisches Sprüchwort besagt, wenn auch mit anderen Worten: wenn unsere Gegner in einen Streit gerathen, so lassen sie uns Ruhe. Dies bewährt sich jetzt wieder. Die große Stärkung der hierarchischen Macht in der römischen Kirche, welche durch den neuesten Friedensschluß der Kurie mit der preußischen Regierung bewirkt worden ist, hat den Neid und das Gelüste eines gewissen Theils der protestantischen Geistlichkeit nach einer ähnlichen Autorität über ihre Heerden geweckt, und unter dem Borwande, daß die römische Kirche nur durch eine gleichgeartete Kirchenverfassung des Protestantismus bekämpft werden könne, wird eine solche erstrebt. Bekanntlich wurde zu diesem Zwecke bei dem letzten preußischen Landtage vom Abg. von Hammerstein, dem Redacteur der Kreuzzeitung, mit Unterstützung des Herrn von Kleist-Retzow, ein Antrag eingebracht, der eine bischöfliche Verfassung mit unbedingter Autorität für die protestantische Landeskirche und bedeutend größere Geldmittel vom Staate verlangt. Was in dem Anträge nur noch dunkel gehalten war, wurde durch Artikel in den orthodox gesinnten Blättern des Weitern ausgeführt. Es ist erklärlich, daß der Hofprediger Stöcker sich dieses Gedankens bemächtigte und mit allen seinen Kräften dafür eintrat. Andererseits blieb man auch nicht müßig, und sowohl die Bertheidiger des protestantischen Priacips der individuellen Glaubensfreiheit als auch die alten Gegner Stöcker's, namentlich Prof. Beyschlag, hielten mit kräftigen Entgegnungen nicht zurück. So entbrannte der Kampf auf der ganzen Linie, und wird wohl ein tiefgehender und sich weitausdchneuder werden, da hier die im Protestantismus vorhandenen Gegensätze zum Ausbruch kommen. Es versteht sich, daß wir mit diesem Streite nichts zu schaffen haben. Aber er hat die Folge, daß Stöcker und Genossen alle Hände zu voll zu thun haben, um sich mit ihrer Judenhetze und ihrem Christlich-Sozialen viel beschäftigen zu können. Handelt es sich für sie doch um viel höhere Zwecke und um ein größeres Terrain, als sie durch Antisemitismus und Christlich-Soziales erreichen konnten, um ein anderes Publikum, als sie daselbst um sich hatten. Hierzu kommt, daß der Antisemitismus schon längst kein fruchtbares Feld mehr abgab und recht empfindliche Dornen und Disteln darauf zu wachsen begonnen hatten. Wir sehen natürlich Herrn Stöcker und Genossen ganz gern seinen neuen Kriegspfad betreten, glauben aber, daß er auf demselben ebenfalls recht dürre Lorbeeren erlangen werde. Ist es in diesem Streite doch viel weniger blos mit einem Dutzend Schlagwörter gethan, sondern gedankenschwere und gründliche Sachkenntniß erforderlich, zwei Eigenschaften, welche man bei Stöcker nicht gefunden haben will. — Von den 11481 Schülern sämmtlicher hiesigen Gymnasien waren 8743 (ca. 76 pCt.) evangelischen, 2361 (ca. 20 PCt.) jüdischen, 349 (ca. 3 pCt.) katholischen Bekenntnisses. Die 7 Realgymnasien zählen unter ihren 5720 Schülern 4711 (ca. 84 pCt.) evangelischen, 748 (ca. 13 PCt.) jüdischen, 147 (ca. 2 pCt.) katholischen Bekenntnisses. Von den 1202 Schülern der beiden Ober-Realschulen waren 1081 (ca. 89pCt.) evangelischen, 80 (ca. 6,5 pCt.) jüdischen und 36 (ca. 3 PCt.) katholischen Bekenntnisses. Die Zahl der jüdischen Schüler ist demnach auf den Gymnasien verhältnißmäßig bedeutender als auf den Realgymnasien und Ober-Realschulen. Ebenso ist auch die Zahl der Abiturienten jüdischen Bekenntnisses auf den Gymnasien erheblich stärker als in den Realgymnasien und Ober-Realschulen. (Die Juden bilden in Berlin 5pCt. der Gesammtbevölkerung; der Procentsatz der jüdischen Jugend auf den Gymnasien ist daher sehr groß und auf den Realschulen immerhin noch bedeutend. Um so nothwendiger ist es, den jüdischen Religionsunterricht in den höheren Lehranstalten ex- und intensiv zu befördern. Red.) Kissingen, 28. Juli. Von hier erhält die „Jüdische Presse" folgendes Privat-Telegramm: Distriktsrabbiner Bamberger hier hat sich anläßlich der Anwesenheit des Fürsten Reichskanzlers an denselben mit einer Eingabe in Bezug auf die Anti-Schächt-Agitation der Thierschutzvereine gewendet. Daraufhin wurde derselbe heute Morgen von dem Chef der Reichskanzlei, Geheimen Ober-Regierungsrath vr. Rottenburg, empfangen. Dieser gab die beruhigendsten Versicherungen und sagte unter Anderem: „Der Herr Fürst beauftragte mich, Ihnen mitzutheilen, daß die Reichsregierung dem Verlangen der Thierschutzvereine, das einen Eingriff in die religiösen Satzungen des Judenthums bedeute, niemals ihre Zustimmung geben werde." (Wenn diese Aeußerung des Reichskanzlers, wie wir nicht zweifeln, genau ist, so können wir über diese Angelegenheit ruhig sein. Nichtsdestoweniger werden die Gemeinden, wenn der Thierschutz-Verein wieder an den Reichstag geht, nicht versäumen dürfen, ihre Gegenpetitionen einzusenden. Redakt.) Frankfurt a. M., 28. Juli. (Privatmitth.) Gestern waren es fünfzig Jahre, daß unser allgemein geehrter Mitbürger Herr vr. Jacob Auerbach in Tübingen sein Doktor- Examen bestand. In Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen hat die philosophische Fakultät derselben Universität das Diplom honoris causa erneuert und es mit ehrenden Glückwünschen dem Jubilars zugeschickt. Mögen ihm noch viele Jahre rüstigen Schaffens beschieden sein!

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