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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-08-10 · Heft 33 (10.8.1886) · p. Seite 519

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 33 (10.8.1886)
Date
1886-08-10
Page
Seite 519 (sequence 7)
Language
German
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519 „Kisselew unterzog sich dieser keineswegs leichten und rasch zu lösenden Aufgabe mit ebenso großem Eifer wie Geschick, und ließ überdies kein Mittel unversucht, durch welches er das Aufblühen der Colonien fördern zu können glaubte. Die mit der speciellen Fürsorge für dieselben beauftragten oberen wie unteren Behörden und Beamten wurden unter strenge Controle gestellt, so daß die Colonisten fortan gegen alle Hebelgriffe und Willkürlichkeiten derselben gesichert waren; die innere kommunale Verwaltung der Colonien erfuhr wesentliche Verbesserungen; das vorerwähnte Projekt, tüchtige christliche Colonisten als Instruktoren in die jüdischen Colonien zu verpflanzen, ward verwirklicht und bewährte sich als außerordentlich nützlich. Immerhin aber steht es fest, daß Kisselew, als er das Amt des Ministers der Krondomänen im Jahre 1856 niederlegte, trotz aller seiner Bemühungen nicht im Stande gewesen war, die vielen in dem Zeitraum 1806 bis 1846 den Colonien zugefügten schweren Schäden von Grund aus zu heilen. Ja sogar noch in den Jahren 1871—72, während deren der Schreiber dieser Zeilen in den jüdischen Colonien verweilte, waren die üblen Nachwirkungen der denselben zu Theil gewordenen langjährigen unglimpflichen Behandlung keineswegs vollständig beseitigt; immer noch laborirten einzelne Communen, sowie viele Colonisten-Familien sehr empfindlich an den Folgen der vorbeschriebenen schändlichen Demidow'schen Colonial-Berwaltung. Indessen durfte man sich bereits im Jahre 1872 der sicheren Hoffnung hingeben, daß in nicht zu langer Zeitfrist jene üblen Nachwirkungen völlig verschwunden sein würden. Zu dieser Hoffnung berechtigen einerseits die durchaus geregelte, legale staatliche und kommunale Verwaltung der Colonien, andererseits der rastlose Fleiß, mit welchem sich die Colonisten durchgehends ihrem landwirthschaftlichen Berufe widmeten. In sämmtlichen Colonien wurden die Aecker und Felder sorgfältig bestellt und reichliche Erträge erzielt; die Viehzucht ward mit vielem Erfolge betrieben; alle landwirthschaftlichen Besitzungen befanden sich in durchaus befriedigendem Zustand; das moralische Leben der jüdischen Colonisten ward von den kaiserlichen Colonialbeamten selbst als ein vorzügliches gerühmt, der physische Zustand der Colonisten ließ keinen Zweifel daran aufkommen, daß die früher verschiedentlich von hohen Beamten verfochtene Ansicht, der russische Jude sei wegen seiner physischen Schwäche zum Beruf des Ackerbauern ganz ungeeignet, eine durchaus irrige gewesen war. Die neuesten, uns im Beginn des Jahres 1886 aus bester, zuverlässigster Quelle zugegangenen Nachrichten über den jetzigen Zustand der Colonien in Neu-Rußland besagen, kurz zusammengefaßt, folgendes: „Sämmtliche jüdische Colonien in Neu-Rußland stehen jetzt in Bezug auf rationellen, ergiebigen Betrieb der Landwirthschaft in keiner Hinsicht mehr den christlich-russischen Dörfern nach, welche mit ihnen in denselben Distrikten liegen. Hierbei ist zu bemerken, daß auch die christlich-russischen Bauern jener Distrikte in den letzten zwei Jahrzehnten bedeutende Fortschritte im rationellen Betrieb der Landwirthschaft gemacht haben. Das geringe Minus der physischen Leistungsfähigkeit in landwirthschaftlichen Arbeiten, welches allerdings noch heutigen Tages der jüdische Bauer dem christlichen russischen Bauer gegenüber aufweist, wird überreichlich ersetzt durch das bedeutende Plus an Moralität, an Nüchternheit und Arbeitsamkeit, welches der russische jüdische Bauer vor dem russischen christlichen Bauer voraus hat. Allerdings wird cs immer noch längere Zeit währen, bis sich die jüdischen Colonien zu einer gleichen Vollkommenheit in allen Zweigen der Landwirthschaft emporgeschwungen haben werden, wie solche die deutschen Colonien Neu-Rußlands jetzt durchgehends zeigen. Die vorangeführte Entwickelungs-Geschichte der russischjüdischen Colonien beweist zur Genüge, daß der russische Jude, mag derselbe dem Handels- oder Handwerksstande angehören, zu einem in jeder Beziehung tüchtigen Landwirth herangebildet werden kann, wofern ihm nur die entsprechende Lehrzeit vergönnt und die entsprechende legale Behandlung zu Theil wird. Auch das von Jahr zu Jahr erfreulicher zu Tage tretende Aufblühen der mit armen, aus Rußland ausgewanderten Juden durch die Opferfreudigkeit ihrer reichen Glaubensgenossen begründeten Colonien in Palästina und Amerika bestätigt diese Thatsache in evidenter Weise. Somit ist denn jene lange Zeit in höheren russischen Regierungskreisen vorherrschend gewesene Ansicht, daß der russische Jude seiner physischen Eigenschaften und seiner Religion halber niemals weder in Rußland, noch in einem anderen christlichen Lande zu einem tüchtigen, dem Christen ebenbürtigen Landwirth herangebildet werden könne, endgültig widerlegt." Die obige Darstellung ist auf diesem Gebiete gewiß sehr lehrreich und stellt die Bedingungen in's Klare, unter welchen jüdische Ackerbau-Colonien gedeihen können, gewährt aber auch die Gewißheit, daß sie unter günstigen Verhältnissen zu guten Erfolgen zu gelangen vermögen.*) *) Nack der „Deutschen Colonial-Ztg." haben sich rumänische Juden im Lande ihrer Väter ein neues Heim gegründet. Unterstützt von einem HilfskomitS in Galatz, hauptsächlich aber von Rothschild in Paris, erwarben sie, 15 Kilometer vom alten Cäsarea, ein 360 Hektar großes Landgut, wozu Varon Rothschild noch 500 Hektar hinzukaufte. Etwa 60 Wohnhäuser (in Rumänien hergestellt) sind jetzt vorhanden. Ihm oder vielmehr seinem Vater zu Ehren soll die Ansiedlung den Namen Sachron Jakob (Denkzeichen Jakobs) führen. 80—70 Familienväter weilen dort, von den ca. 20 auch ihre Familien schon da haben. Bereits sind 3000—4500 Olivenbäume gepflanzt und 30 Hektaren Weingärten angelegt. Die Ansiedler mußten türkische Unterthanen werden. (Ein Haupterforderniß sind tüchtige Instruktoren!)

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