Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 33 (10.8.1886)
- Date
- 1886-08-10
- Page
- Seite 518 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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518 zu erlernenden Berufs, in Folge dieser beiden Faktoren erleichterte Arbeit, vorzügliche Erfolge, bedeutende pekuniäre Erträge, in Folge hiervon stetes Streben nach vorwärts und aufrichtige Dankbarkeit gegen die Regierung. Man ersieht hieraus, wie groß die Gegensätze zwischen den russisch-jüdischen und russisch-deutschen Colonisten sind, und wie unrecht man thut, von ersteren dieselben Leistungen, wie von letzeren erwarten zu wollen. „Es erscheint daher die Behauptung keineswegs gewagt, daß der schwache Keim von Lust zum Ackerbau, welcher überhaupt in den jüdischen Colonisten zur Zeit ihres Eintritts in die Colonien vorhanden war, von vornherein nicht genügend gepflegt worden ist, um sich zu der gewünschten Blüthe entwickeln zu können. Der größte Fehler war der, daß man diesen der Landwirthschaft total unkundigen Colonisten keine Lehrer für den rationellen Betrieb derselben zur Seite stellte, sondern daß man es ihnen überließ, die gesammte Landwirthschaft noch einmal von den ersten Elementen an durch zeitraubende, kostspielige Experimente zu erlernen. Hätte man den jüd. Colonisten gleich von Anfang an tüchtige Landwirthe als Lehrer zur Seite gestellt, so würde sicherlich heutigen Tages bereits der größte Theil der Colonisten zu guten Landwirthen herangebildet worden sein, welche nunmehr jeder weiteren Anweisung entbehren und sogar selbst als tüchtige Lehrer für die neu eintreffenden Colonisten dienen könnten. Die Colonien würden alsdann entschieden prosperirt haben; mit dem Wachsen der Erträge des Grundbesitzes und des Capitals würden auch die Lust und Liebe der jüdischen Colonisten zur Landwirthschaft in stetiger Proportion gewachsen sein. Da aber in dieser Beziehung rein gar nichts geschehen ist, so darf es auch keine Verwunderung erregen, daß die Unlust der jüdischen Colonisten zur Landwirthschaft von Jahr zu Jahr nicht vermindert, sondern vermehrt worden ist und daß ihr ganzes Sehnen und Trachten dahin geht, sich wieder dem Handel, der Industrie und den Handwerken zuwenden zu dürfen. Die Lage der Colonien in einem Landstrich von Neu-Rußland, woselbst der Handel vor dem Eintreffen der Colonisten noch auf einer sehr niedrigen Stufe der Entwickelung stand, wo also der gewiegte Kaufmann und Handelsmann in ganz reeller Weise mit Leichtigkeit reichlichen Gewinn erzielen konnte, trug gleichfalls wesentlich dazu bei, die Passion der jüdischen Colonisten für den Handel wieder neu anzufachen. Die verschiedenen, die Handelsfreiheit der Colonien beschränkenden Verbote haben nur den Nachtheil gehabt, die Colonisten zum offenen, wie geheimen Betrieb aller Arten von Handelsgeschäften zu verleiten, welche ihnen jedoch keine nennenswerthen Vortheile brachten. Man braucht nur irgend eine der Colonien zu besuchen, um sich von der Richtigkeit dieser Behauptung zu überzeugen. Bei jeder nur einigermaßen günstigen Gelegenheit, ein Handelsgeschäft zu machen, läßt der jüdische Colonist seine Ackerwirthschaft im Stich; der Handel macht ihm Vergnügen, weil er denselben genau kennt, der Ackerbau ist ihm ein Greuel, weil er einsieht, daß er bei seiner Unkenntniß desselben niemals etwas Ordentliches hierin leisten wird. Es dürfte daher jetzt noch immer an der Zeit sein, das nachzuholen, was man bei der Gründung der Colonien vollständig versäumt hat, nämlich in jeder jetzt existirenden jüdischen Colonie eine bestimmte Anzahl von tüchtigen christlichen Landwirthen anzusiedeln. Diese letzteren würden den jüdischen Colonisten als Lehrer für die Landwirthschaft dienen, ihnen jederzeit mit Rath und That zur Seite stehen und jedweder absichtlichen oder unabsichtlichen Vernachlässigung der jüdischen Landwirthschaft Vorbeugen. Zu solchen Lehrern und Jnstructoren sind die deutschen christlichen Colonisten unstreitig am geeignetsten, weil sie die gründlichsten Kenntnisse der gesammten Landwirthschaft besitzen, und weil sie sich vor allen anderen nach Rußland gezogenen ausländischen Colonisten ihres Charakters und ihrer Ausdauer wegen am besten zu dem schwierigen Amt, Instruktoren der jüdischen Colonisten zu werden, eignen. „Bei etwaiger Gründung neuer jüdischer Colonien empfiehlt es sich, dieselben nur in der Nähe deutscher Dörfer anzulegen. Der russische Bauer steht im Vergleich zum deutschen Colonisten noch auf einer sehr niedrigen Stufe der landwirthschaftlichen Ausbildung, der jüdische Colonist. vermag also in Bezug hierauf vom russischen Bauer äußerst wenig zu lernen, während er im deutschen Colonisten das Muster eines tüchtigen Oekonomen findet. Dazu kömmt, daß der russische Bauer eigensinnig und indifferent ist, speziell dem jüdischen Colonisten gegenüber stets seine ganze Grobheit und Rohheit zur Geltung bringt und denselben hierdurch abschreckt, mit ihm in nähere Beziehungen zu treten. Dagegen bürgt der Charakter des deutschen Colonisten dafür, daß derselbe sich des jüdischen Nachbarn nach besten Kräften annehmen und ihm jede mögliche Hülfe in landwirthschaftlichen Angelegenheiten zu Theil werden lassen wird." Neben dieser völligen Unkenntniß der Landwirthschaft hebt Herr Elk als Ursachen, baß die jüdischen Colonien nicht gediehen, hervor, daß die Regierung sie nicht mit einem einzigen Privilegium ausstattete, deren sich die deutschen Colonien schon seit 1763 zu erfreuen hatten, daß vielmehr die Colonisten von Anfang an alle Steuern, Abgaben und Frohnen zu leisten hatten, wie sie den Bauern auferlegt waren, daß man die Familien nicht wie den deutschen Colonisten mit Geld unterstützte, sondern von ihnen den Nachweis von je 400 Rubeln verlangte, daß ferner jede obere Controle fehlte und die Colonisten so der Ausbeutung durch die unteren Beamten anheimgegeben waren. Dies veränderte sich als der Minister Kisselew die Sache in die Hand nahm.