Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 33 (10.8.1886)
- Date
- 1886-08-10
- Page
- Seite 517 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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517 zu beseitigen. Man wird daher zunächst nach unparteiischen Berichten über den Zustand der letzteren Verlangen tragen, und dieses Verlangen wird glücklicherweise durch ein soeben erschienenes Buch befriedigt: „Die jüdischen Colonien in Rußland. Culturhistorische Studie und Beitrag zur Geschichte der Juden in Rußland. Nach den Berichten des russisch-israelitischen Journals, Woschod, und nach eigenen, in den russisch-jüdischen Colonieen selbst gemachten Beobachtungen bearbeitet von Julius Elk. (Frankfurt a. M., Kauffmanu 1886.)" Der Vers, strebt überall nach unparteiischem Urtheil und belegt seine Behauptungen mit vielen Dokumenten. Die unter Alexander I. 1806 unternommenen jüdischen Ackerbau-Colonieen in Südrußland hatten ein sehr wechselvolles Geschick, und erst feit den siebziger Jahren sind sie der Ungunst entzogen, unter welcher sie durch die Mißwirthschaft der russischen Beamten so vieles zu leiden hatten und zeitweise in eine arge Verkommenheit geriethen (s. eine betr. Zeitungsnachricht weiter unten). Nach einer kurzen Geschichte der Juden in Polen und Rußland kommt der Verfasser zur Darstellung aller der diese Colonien betreffenden Ereignisse. Wir werden darüber am besten, sowohl was die Ursache der geringen Erfolge als auch das gegenwärtige Aufblühen derselben betrifft, am Schluffe des Werkes unterrichtet, weshalb wir uns auf diesen beschränken. Es werden hier aktenmäßige Urkunden mitgetheilt, welche beweisen, wie der diesen Colonien Vorgesetzte Oberst Demidow die vom Staate für die Colonien bestimmten Gelder unterschlug, den Colonisten die ihnen gewährten Unterstützungen auf ein Minimum reducirte und alles in den größten Verfall gerathen ließ. Die Colonisten, in erbärmliche Häuschen untergebracht, fast ohne Viehstand, der Landwirthschaft ganz unkundig, verließen zum Theil die Colonien — deren Zahl neun war — und begaben sich in die benachbarten Städte, um ihr Leben zu fristen. Erst als dieser Demidow abgesetzt und die Oberleitung der Colonien dem Ministerium der Krondomänen untergeordnet wurden, trat eine Besserung ein und wurden auch seit 1846 vier neue jüdische Colonien gegründet. Späterhin verlangte das Ministerium Memoiren über die Ursachen des Verfalls der jüdischen Colonien, und unter diesen befand sich ein ausgezeichnetes Schriftstück, verfaßt vom Vorsitzenden im Ministerium der Krondomänen, Herrn Hann. Dieser äußert sich folgendermaßen: „Wenn bis jetzt alle unsere Erwartungen bezüglich einer erfreulichen Entwickelung der jüdischen Colonien fortwährend getäuscht worden sind, und wenn vielmehr nur eine permanente Stagnation in dieser Entwickelung zu verzeichnen gewesen ist, so müssen wir die Ursachen dieser Erscheinung besonders darin suchen, daß die Regierung an die jüdischen Kolonisten genau die gleichen Anforderungen stellen zu dürfen glaubte, wie an die vom Ausland nach Rußland berufenen und besonders an die deutschen christlichen Colonisten. Man muß aber wohl in Betracht ziehen, welcher gewaltige Unterschied zwischen dem russisch-jüdischen Colonisten und dem, wir wollen beim deutschen Colonisten bleiben — von Deutschland nach Rußland verpflanzten christlichen Colonisten besteht. „Der russische Jude war, bevor er Colonist wurde, Kaufmann, Handelsmann oder Handwerker, hatte von der Landwirthschaft absolut keine Kenntnisse und verspürte auch nicht die geringste Lust, sein von Kindesbeinen an erlerntes und betriebenes Geschäft oder Handwerk freiwillig aufzugeben und Ackerbauer zu werden. Als jedoch die Noth und das Elend der jüdischen Bevölkerung in den Städten täglich Zunahmen, als es sich im wahren Sinne des Wortes für einen großen Theil derselben um „Sein oder Nichtsein" handelte, und als nun der Staat diesen dem Hungertods nahe gebrachten Juden die Alternative stellte, entweder wirklich zu verhungern oder den Beruf der Ackerbauern zu ergreifen, da entschlossen sich, wie leicht begreiflich, Tausende derselben zu Letzterem. Der Jude war also nicht aus freiem Willen, nicht aus eigenem Antriebe, nicht aus voller Passion Ackerbauer, sondern entschloß sich, diesen ihm von der Regierung angebotenen, aber total unbekannten Lebensberuf zu ergreifen, weil ihn die äußerste, bitterste Noth dazu zwang, weil er sein und seiner Angehörigen Leben erhalten und erretten wollte. „Dagegen waren jene deutschen Colonisten, welche die Regierung nach Rußland zog, sämmtlich erfahrene, tüchtige Landwirthe, deren Vorfahren bereits von Generation zu Generation ausschließlich den Ackerbau betrieben hatten. Sodann aber war es nicht die bitterste Noth, welche diese deutschen Colonisten bewog, nach Rußland überzusiedeln, sondern ihr eigener, von Niemand beeinflußter freier Wille. Sie nahmen mit Freuden den betreffenden, ihnen von der russischen Regierung gemachten Vorschlag an; denn in ihrem deutschen Vaterland besaßen sie zumeist keinen eigenen Grund und Boden, sondern verrichteten als Tagelöhner und Knechte die Ackerbau-Geschäfte für die angesessenen Bauern oder Rittergutsbesitzer; hier in Rußland aber erhielten sie Grundbesitz als Eigenthum angewiesen und wurden also aus Knechten selbständige Herren. „Es ist daher ganz unzulässig, die jüdischen und die deutschen Colonisten in Rußland vergleichen und denselben Maßstab für beide anwenden zu wollen. Auf Seiten der jüdischen Colonisten: angeborene Unlust zum Ackerbau und völlige Unkenntniß desselben, in Folge dieser beiden Faktoren erschwerte Arbeit, schlechte Erfolge, geringer pekuniärer Ertrag, in Folge hiervon entschiedene Abneigung gegen den aufgedrungenen Beruf und Unzufriedenheit mit der Regierung. Auf Seiten der deutschen Colonisten: angeborene Passion für den Ackerbau, gründliche Kenntniß dieses keineswegs leicht