Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 33 (10.8.1886)
- Date
- 1886-08-10
- Page
- Seite 516 (sequence 4)
- Language
- German
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516 Sie verbot ihnen, zum Beispiel, jede Beschäftigung mit Spirituosen, mit Tabak, Hausirhandel; sie verjagte sie aus den Dörfern, so daß sie sich mit Landwirthschaft und Viehzucht nicht mehr beschäftigen können; die Handwerker aber gab sie der Mißhandlung der Beamten, besonders der unteren preis, und jede Klage gegen deren Willkür bleibt von der Verwaltung wie von der Rechtspflege unbeachtet. Was Wunder, daß der Gedanke der Auswanderung in der dortigen Masse immer stärker und treibender wurde und wird! Wir haben bereits mehrere Male von dem Wegzuge größerer Zahlen von Familien zu berichten gehabt. Vom 20. Juli schreibt man ans Krakau: «Heute passirten hier etwa hundert nach Amerika auswandernde jüdische Familien, Männer, Frauen und Kinder aus Rumänien. Es sind dies größtentheils wohlhabende und anständige Familien, welche durch die zunehmende große Verfolgung, die, wie sie mittheilen, gegen die dortigen Juden stattfindet, zur Auswanderung gezwungen sind." Man ersieht hieraus, daß die Verhältnisse dort auch für den wohlhabenderen Theil der Juden unerträglich sind und sie lieber ihr Vermögen opfern, um nach einem freien Lande zu gelangen, als in der Knechtschaft unterzugehen. Aber was soll die große, aller Mittel beraubte Masse thun, die schon unter dem Drucke ihre letzte Habe verloren hat? womit soll sie den weiten Weg über den Continent und über den Rücken des Meeres zurücklegen? und wenn sie mittellos in Amerika ankommen, werden sie dort nach den neuesten Verordnungen der Union zugelassen werden?... Aber die Menge hat nichts mehr zu verlieren; in der Heimath steht sie dicht vor dem Hungertode und so setzt sie sich allmählich in Bewegung. Wir haben in vor. Nr. den Aufruf eines bewährten Mannes, des Dr. med. Lippe, mitgetheilt, der die außerrumänischen Glaubensgenossen aufs dringendste bittet, sich der unglücklichen Wanderer auf ihrem Zuge nach Hamburg anzunehmen, damit sie diese Route verfolgen können. Er hat wohl hierbei besonders die österreichischen und deutschen Juden im Auge, denn die Erfahrung hat gelehrt, daß die ungarischen Glaubensgenossen für solche Zwecke zur Hülfeleistung wenig bereit sind. Wir hoffen, daß diese dringende Angelegenheit, diese wahrhafte Nothlage lauten Anklang in den jüdischen Herzen finden werde. Es müßten sich auf der angegebenen Straße in den größeren Städten Comitö's bilden zur Verpflegung und Weiterbeförderung dieser rumänischen Auswanderer. Es wird den Comitös an Unterstützung nicht fehlen. Niemand mag sagen, daß die Unglücklichen einem unbekannten Schicksale entgegen gehen, und so sei es fraglich ob ihnen eine Wohlthat geschehe. Schlimmer als in ihrem Heimathlande kann es ihnen nicht ergehen. Hier sind sie allesammt einem gewissen Untergange preisgegeben; in der neuen Welt können sie durch ihren Fleiß, die Geringfügigkeit ihrer Bedürfnisse, ihre Mäßigkeit und Sparsamkeit emporkommen, und jeder Einzelne, der gerettet wird, hat die Anstrengung verdient, die für ihn gemacht wird. Das Gesetz der Wanderung, das hier wieder einmal an einem Theile unseres Stammes sich verwirklicht, ist für viele ein grausames, aber auch unter gegebenen Verhältnissen das einzig wohlthätige, durch das zwar Manche untergehen, viele jedoch für sich, die Seinen und die menschliche Gesellschaft gerettet werden. — Die Colonisation. Mit der seit dem Ende des vierten Jahrhunderts vor d. gew. Ztr. begonnenen Auswanderung der Juden aus Palästina ging natürlich die Colonisation derselben Hand in Hand. Unter Colonie versteht man theils die Ansässigmachung eines Theils irgend einer Nation außerhalb ihres Heimathlandes zum Zweck der Besitzergreifung und der Besiedelung eines fremden Landstriches, theils auch die Niederlassung von Auswanderern in einem bereits bevölkerten Lande, wenn die Auswanderer in einer gewissen Gemeinsamkeit Zusammenhalten und so ihre Nationalität und ihre Confession durch die folgenden Geschlechter erhalten. Zu der letzteren Art gehörten stets die jüdischen Auswanderer. Sie bildeten an den Orten» wo sie sich niederließen, Religionsgemeinden durch Errichtung von Synagoge, Schule, wohlthätigen Anstalten und eines Begräbnißplatzes. Dabei behielten sie an Sitte und Beschäftigung lange Zeiten hindurch mehr oder weniger Gemeinsames, was um so dauerhafter war, je mehr die Bewohner des Landes gegen sie mehrfache Ausschließung übten. Dieser Art war, wie gesagt, der Charakter der jüdischen Colonien bis auf die neuere Zeit. Je mehr sich aber in der Gegenwart das Bedürfniß für sie herausstellte, dem Handel möglichst Valet zu sagen, und die große Concurrenz im Handwerk geringere Aussichten bot, kam man auf den Gedanken, die Juden auch dem Ackerbau zuzuwenden und zu diesem Zwecke jüdische Ackerbau-Colonien zu gründen. Dieser Gedanke entstand zuerst in Rußland und wurde daselbst mit einigen Tausend Seelen ausgeführt. In der Gegenwart, wo die Auswanderung der Juden aus Rußland und Rumänien immer größere Maaße annimmt und die beträchtlichste Zahl der Emigranten so gut wie aller Geldmittel baar sind, liegt jener Gedanke um so näher, da diese großen Haufen unmöglich sich durch Kleinhandel an ihren Zufluchtsstätten ernähren können. Es sind deshalb Versuche in Amerika und Palästina gemacht worden, Versuche, die zuerst mehrfach scheiterten, jetzt aber anfangen, bessere Aussichten zu gewinnen. Es kommt dabei sehr viel darauf an, eine richtige Ansicht über die jüdischen Ackerbau-Colonien zu erlangen, um die darüber vorhandenen Zweifel womöglich