Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 33 (10.8.1886)
- Date
- 1886-08-10
- Page
- Seite 515 (sequence 3)
- Language
- German
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515 Bonn, 4. August. Auswanderung. Daß bestimmte Gesetze in der ganzen Geschichte des Menschengeschlechts walten und durch alle Zeiten hindurch wirksam sind, erweisen insbesondere die Wanderungen. Bon jenem Symbol, dem Thurme von Babel aus, haben die Wanderungen der Völker nie aufgehört. In der Regel gingen sie von Osten nach Westen. Aber auch umgekehrt. Die Griechen und Römer setzten nach Asien über, um weite Länderstrecken im Orient sich zu unterwerfen. Die Kreuzfahrer drangen in Syrien und Egypten ein, ohne sich einen dauernden Besitz erwerben zu können. Desto nachhaltiger waren die Eroberungen, welche in Indien auf die Fahrten der ersten europäischen Entdecker um die Südspitze Afrika's folgten. Andererseits drangen die Fluthen der Völkerwanderung immer nach Westen, und nach Westen richteten die europäischen Seefahrer ihre Schiffe, um einen ganzen Welttheil sich zu unterwerfen. In neuester Zeit sind die Küsten des afrikanischen Welttheils ein Weltziel der europäischen Mächte, und in Centralasien begegnen sich bereits vie Russen und die Briten. Ob die großen ostasiatischen Staaten, China und Japan, dem Andrang der europäischen und der nordamerikanischen Staaten auf die Länge widerstehen werden, ist eine Frage der Zukunft. So wurde der ganze Erdball zum Schauplatze der Wanderungen für die Menschenvölker. Der Zweck derselben ist einsichtlich: theils treibt die Völker die Hab- und Herrschgier, die Grenzen ihrer Staaten immer weiter auszudehnen, theils die Uebervölkerung, welche zur Ansässigmachung in anderen Gebieten nöthigt. In den meisten Fällen bringt diese Wanderung blutige Kämpfe mit sich, die oft nicht blos mit Unterjochung, sondern auch mit Ausrottung der schwächeren Stämme enden. Dann aber ist auch mit ihr die Civilisation verbunden, sowie die Besiedelung und Urbarmachung ungeheurer Länderstriche, so daß die Sonne der Cultur leuchtend auf große Gebiete herniederscheint, die früher öde lagen und dem Urwald oder der Steppe angehörten, jetzt aber mit blühenden Städten und fröhlich schaffenden Menschen besäet sind. Auch dürfen wir nicht vergessen, daß Auswanderung oft das Rettungsmittel verfolgter Menschen war, welche vor tyrannischem Druck eine Zufluchtsstätte in fernen Ländern suchten. Fand doch die erste Ansiedelung durch den anglo-sächsischen Stamm in den Vereinigten Staaten (Pennsylvanien) aus solchem Grunde statt. — Unter allen diesen Erscheinungen zieht unsere Aufmerksamkeit ein seiner ganzen Natur nach friedlicher Stamm auf sich, der 15 Jahrhunderte hindurch in einem Binnenlande ansässig war, dann aber durch das^, Geschick schon 18 Jahr- Hunderte zu steter Wanderung bestimmt ward. Aus seinem Lande vertrieben, mußte er sich über die ganze Erdfläche zerstreuen. Es war kein Wandertrieb, keine Wanderlust in ihm; wo sich eine größere oder kleinere Gruppe von den Mitgliedern dieses Stammes gesammelt und angesiedelt hatte, da blieb sie gern für immer sitzen. Aber die Verhältnisse waren stärker als ihre Anhänglichkeit an ihre Scholle. Man ließ ihnen keine Ruhe. Man verjagte sie, daß sie oft genug froh sein konnten, wenn sie mit dem Leben davon kamen, und sich glücklich schätzen mußten, wenn sich ihnen anderswo eine Zuflucht auf längere oder kürzere Zeit öffnete. Seltener wichen sie einem unerträglichem Drucke, denn ihre Zähigkeit im Erdulden war fast unerschöpflich. Oder man schnitt ihnen alle Erwerbsquellen ab, nachdem man diese schon auf's Aeußerste beschränkt hatte. Dieses grausame Spiel erneuerte sich immer wieder in aller Zeit und an allen Orten, und wenn man glaubte, daß diese Aera der gezwungenen Wanderung vorüber sei, zeigte es sich plötzlich, daß man sich getäuscht habe. So mußten z. B. in den dreißiger und vierziger Jahren unseres Jahrhunderts zahlreiche Juden aus Bayern auswandern, weil hier die Zahl der ansässigen jüdischen Familien gesetzlich begrenzt war, so daß es den nachgeborenen Söhnen nicht gestattet wurde, einen eigenen Herd im Vaterlande zu gründen. Jndeß war es dem letzten Viertel dieses Säculums Vorbehalten, Zustände herbeizuführen, in welchen jüdischen Massen nichts weiter übrig bleibt zur Selbsterhaltung, als das gegen sie so grausame Vaterland zu verlassen und über den Ocean auszuwandern. Die Nachwelt wird sich kaum darüber wundern. Es gehört zur Signatur unserer Gegenwart, nach einer Obherrschaft des Liberalismus zu den Principien und Regierungsmitteln vergangener Zeiten wieder zurückzugreifen und den Vorwurf der Barbarei nicht ängstlich zu scheuen. Seit mehreren Jahren sahen wir in den osteuropäischen Ländern für die jüdischen Unterthanen eine so schmähliche Behandlung eintreten, daß sie ihr Heil nur in der Auswanderung finden können, und gewiß, wenn ihre Mittel dazu ausreichten, nur noch eine geringe Zahl derselben zurückbliebe. Vor Allen jedoch ist es Rumänien, das den Weg beschritten hat, die Juden aus seinen Marken möglichst vollständig zu vertreiben. Die dortige Regierung, unterstützt von den Kammern, wendet alle Mittel an, dieses Ziel zu erreichen. Vergebens hatänafi sie aufmerksam gemacht, daß das Land selbst dadurch! eiMfi fühlbaren Schaden erleiden werde, daß das rumäitischk Volk in seiner geringen Entwickelung eines volksÄiMsHäfiiich nothwendigen Elementes, wie es die JudenMdMvH lüW nicht entbehren könne — in ihrer halsflÄrÄgen-'C'ofiseqÜW, in ihrem unerbittlichen Hasse, welche-MgEnheiteir-deii MM barbaren einzuwohnen Pflegen, geM fiß'SWM vsr äÄMkt auf diesem Wege voran. Sie^wW^iö^Jü^MWsAMKÄ aushungern. Da diese sich'^N'HWdweikcij'-^—-fast- 8$^ ef#= zigen des Landes — HaÜdWMut^DschÄ8kn/"sd entzog sie den letzterWWh^Md'->M«M MMkWW. m*