Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 33 (10.8.1886)
- Date
- 1886-08-10
- Page
- Seite 514 (sequence 2)
- Language
- German
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Priesterschaft mitbrachten, ihre Männer bethörten, sich Anhang im Volke suchten und den Cultus des einzigen Gottes zu verdrängen und zu unterdrücken strebten. Hierzu war bei dem an sich schwachen und schwankenden König Ahab für die Phönizierin Jsebel ein weiter Spielraum. Sie verleitete ihn zu allen Unthaten und benutzte hierzu geschickt seine Hab- und Herrschbegier (1. Kön. 21, 7). Sie scheute vor Meineid und dem Vergießen unschuldigen Blutes nicht zurück, und Ahab gab ihr auch hierin nach. Die Tyrierin brachte vierhundert und fünfzig Priester des Baal und vierhundert Priester der Astarte ins Land und bedeckte dieses mit Altären, Bildern und Hainen dieser Götzen. Priester des mosaischen Cultus gab es nicht im Zehnstämmereich. Der einzige Widerstand wurde von den seit Samuel gepflegten Prophetenschulen geleistet, in welchen Lehre und Gesetz, Musik und Redekunst gelehrt wurden. Die Jünger derselben strebten im Volke die Kenntniß der Lehre und die Hebung des Gesetzes zu erhalten. So fand ein mächtiger Kamps statt, zu dessen Beendigung Jsebel zu dem Mittel griff, alle Propheten und Prophetenjünger zu tödten. Sie führte dies mit äußerster Strenge aus. Nur ein angesehener Hofbedienter, Obadja, rettete 100 derselben, indem er je 50 in eine Höhle versteckte und mit den nöthigen Nahrungsmitteln versorgte. Jsebel triumphirte; sie glaubte jeden Widerstand geschwunden. Aber sie kannte die Kraft des israelitischen Genius nicht. Und das Volk? Der Zustand desselben wird am besten durch das Wort des Propheten in seiner Ansprache bezeichnet (1. Kön. 18, 21): „Wie lange hinket ihr nach zwei Seiten? Wenn der Ewige Gott ist, wandelt ihm nach, und wenn Baal, wandelt ihm nach." Das Volk war dahin gekommen, ebenso nach der einen, wie nach der anderen Seite zu wanken. Noch war die heilige Tradition Israels nicht ganz in ihm erloschen; die Geschichte Naboth's zeigt uns, daß die mosaischen Urgesetze noch ihre treuen Anhänger und daß die Selbstverwaltung der Gemeinden — selbst in der Aburtheilung der Verbrechen — sich noch erhalten hatte. In ihm war zwar jene Zweideutigkeit herrschend, aber es fanden sich doch noch getreue Bekenner der Gotteslehre — kurze Zeit darauf wird eine Zahl von 7000 angegeben (1. Kön. 19, 18). Da trat Elijah auf. Er stand allein. Sein Leben war in Gefahr, denn das Königspaar, das ihn als seinen Feind betrachtete, wie Ahab selbst ihn benannte, harrte nur der Gelegenheit, sich seiner zu bemächtigen. Aber er fühlte den Muth und die Kraft in sich, das Volk zu überwinden. In großer Volksversammlung erschien er, allein den Hunderten der Baalpriester gegenüber. Mit schneidender Rede zwang er das Volk, zu einer Entscheidung zu kommen. Durch sein Thun entlarvte er die Baalspriester als Heuchler, Baal als nichtigen Götzen. Das Volk war hingerissen und rief aus: „Der Ewige ist Gott! Der Ewige ist Gott!" Den aufflammenden thusiasmus benutzte er, die Feinde, die Baalspriester, die alle Propheten hingeschlachtet, zu vernichten, und so der Gotteslehre einen Sieg zu verschaffen. Wohl wußte er, daß auf die Gesinnung einer Bolksmasse nicht sicher zu rechnen ist; er wußte, daß, wenn die Versammlung sich aufgelöst, und ein Jeder nach seiner Heimstätte gegangen, seine persönliche Sicherheit dem Hasse des Königspaares wieder preisgegeben sei. Aber er wußte auch, daß zahlreiche Gemüther den empfangenen Eindruck mit sich nach Hause tragen, und der geweckte Geist nachwirken würde für lange Zeit. In der modernen Sprache würde man sagen: ein Sieg in der öffentlichen Meinung hält lange vor und wird durch tyrannische Maßregeln eher geschärft als verwischt. Dies hat auch Elijah erreicht. Sehen wir doch einige Zeit darauf die Jünger der Propheten wieder zahlreicher erscheinen. Die Kette der Ueberlieferung, die abzubrechen drohte, war wieder angeknüpft, und so kann das Auftreten Elijah's nicht hoch genug angeschlagen tverden. Es weckte in dem Könige Jehoschaphat von Juda die fromme Gesinnung und deren Bethätigung. In Elijah reihten sich die Propheten, die in Israel und Juda neue Begeisterung anfachten, deren Reden wir noch besitzen, und die Gotteserkenntniß und Gesetzestreue in Juda nicht erlöschen ließen, bis es sie in das Exil mitnahm und sie das Heidenthum im Schoße des übriggebliebenen Stammes völlig überwanden. So kann die große That Elijah's als ein Wendepunkt im religiösen Leben Israels von den nachhaltigsten Folgen betrachtet werden. Allerdings war für seine Person nach der Auflösung jener Volksversammlung keine Sicherheit mehr vorhanden. Jsebel hatte ihm Rache geschworen. Er floh nach der Wüste und hielt sich darin lange verborgen. Aber hier, in der Einsamkeit jenes Gottesberges, ward ihm über das Endergebniß aller menschlichen Kämpfe und Bewegungen Aufschluß ertheilt. Nicht im Sturme, nicht im Erdbeben, nicht in der Flamme ist Gott, sondern im stillen Säuseln des Windes. So lautet die Offenbarung, das Ziel alles Ringens und Kämpfens ist der heilige Frieden, der Frieden in Gott, in Erkenntniß und Liebe. Dahin muß der Mensch durch Streit und Selbstaufopferung, durch Heldenthat und Hingebung durchdringen. Kampf und Heldenthat sind in der Menschenwelt, wie Sturm und Erdbeben in der Natur nothwendig, um die Streitelemente zu klären und zu beschwichtigen; aber sie sind nicht das Ziel und der Zweck: diese sind die wachsende Erleuchtung des Geistes, die Veredelung des Herzens und der Sitte, die Herrschaft des Rechtes und der Liebe — das stille Säuseln des Friedens. Mit dieser großen Offenbarung hat das Leben Elijah's seinen Abschluß gefunden. Er hat die Antwort erhalten auf seine Aeußerung des Lebensüberdrusses (1. Kön. 19, 4), ■ da aus seinem Blick die Wirkungen seiner Thaten geschwunden, und diese ihm gewordene Erkenntniß war die Erhebung zum Lichte des Himmels.