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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-08-03 · Heft 32 (3.8.1886) · p. Seite 507

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 32 (3.8.1886)
Date
1886-08-03
Page
Seite 507 (sequence 11)
Language
German
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507 Holland. Amsterdam, 12. Juli. Bei dem in dieser Woche von den Provinzialständen vorgenommenen Wahlen zur ersten Kammer ist auch der in Deutschland wohlbekannte Herr A. C. Wertheim, Chef des Bankhauses Wertheim & Gomperz, zum Mitglieds des niederländischen Oberhauses ernannt; diese Körperschaft gewinnt in Herrn Wertheim eine tüchtige und an Erfahrungen reiche Kraft aus dem Handelsstande. Erwähnenswerth ist noch, daß Herr Wertheim seit einer Reihe von Jahren wieder der erste Israelit ist, der Mitglied der ersten Kammer geworden. Großbritannien. London, 23. Juli. Die Neuwahlen zum Parlament sind vorüber und haben, wie uns das Jew. Chron. berichtet, die eigenthümliche Thatsache gebracht, daß trotz der großen Verschiebung der Parteien die sämmtlichen sieben Mitglieder des Unterhauses, welche jüdischer Religion sind, wiedergewählt wurden, so daß also das Vertrauen ihrer Mandanten unerschüttert geblieben. Drei von ihnen gehören der Partei Gladstones an, vier den liberalen Unionisten. Es sind: Sir Julian Goldsmid, London; Henry de Worms, Liverpool; Arthur Cohen, Southwark; Lionel Cohen, Paddington; Samuel Montagu, Whitechapel, London; Sergeant Simon, Dewsbury; Baron Ferdinand von Rothschild, Aylesbury. Unsererseits haben wir nach englischen Blättern berichtet, daß auch ein gewisser Jsaacson, gegenüber einem Vertreter der Arbeiterpartei, und zwar als conservativ, gewählt worden. Wir haben darüber weiter nichts gehört. Ebenso berichtete man, daß Herr Lionel L. Cohen der conservativen Partei angehört. Aus allgemeinem Gesichtspunkte ist es ja sehr wünschenswert, daß die jüdischen Abgeordneten sich auf alle Parteien vertheilen. Auch schon aus dem Gesichtspunkte, daß alle Parteien in Großbritannien geneigt sind, vorkommenden Falles Juden zu wählen, was in Deutschland und Oesterreich- Ungarn hinsichtlich der Conservativen und zum Theil auch der Nationalliberalen nicht der Fall ist, so daß, wenn Juden gewählt werden, diese schon an sich Männer der deutschsreisinnigen oder der socialistischen Partei sein müssen. Rumänien. Bonn, 25. Juli. (Privatmitth.) Wir erhalten von dem als zuverlässig bekannten, für seine rumänischen Glaubensgenossen eifrig thätigen Di-. Lippe einen Aufruf, aus welchem wir die tatsächlichen Stellen hervorheben. „Der Anblick des grenzenlosen Elends, worin die rumänischen Juden versunken sind, und täglich mehr versinken, hat uns bewogen, einen Aufruf an unsere besser situirten und weniger bedrängten Stammesbrüder in anderen europäischen Staaten zu erlassen, mit der Bitte und zugleich mit der Mahnung, Rettung und Hilfe zu gewähren, so lange es noch Zeit ist, so lange noch die Möglichkeit da ist, größeres Unglück zu verhüten, Katastrophen vorzubeugen, damit es zu keiner Schändung des jüdischen Namens, zu keinem Chilul käme. Der Antisemitismus treibt wohl sein Unwesen auch in jenen Ländern, und erbittert auch dort die Gemüther der Juden, allein seine erste Quelle ist Rumänien und seine verheerende Macht wirkt hier am meisten verderbenerregend. Aber noch aus einem andern Grunde haben die Juden in Rumänien das Mitgefühl ihrer Stammesbrüder im hohen Maße verdient. Seit undenklichen Zeiten waren die Juden in Rumänien der sichere Zufluchtsort aller Unglücklichen und Verfolgten aus aller Herren Länder, und gewährten ihnen liebevolle Aufnahme und brüderliche Behandlung in ihrem Schoße. Nun hat sie selbst ein widriges Schicksal erreicht und namenloses Elend reißt in ihren Reihen ein, und Tausende von Juden sehen sich gezwungen, zum Wanderstab zu greifen und sich in fremden Ländern eine menschenwürdige Existenz mittelst Arbeit ihrer Hände zu gründen. Die Auswanderung begann schon vor mehreren Jahren, allein mit der steigenden Noth nimmt sie nie geahnte Dimensionen an, und gestaltet sich zu einem förmlichen Exil. Aber dem weitaus größtem Theile derer, die einzig und allein in der Auswanderung ihr Heil suchen müssen, fehlen die Mittel zu diesem bedauerlichen Unternehmen. In der letzten Zeit verlassen die Unglücklichen gruppenweise das Land, um baar aller Hülfsmittel sich nach Hamburg zu Fuß durchzubetteln. Sie verlassen ihre Angehörigen, auf die jüdische Barmherzigkeit bauend. Die Judengemeinde Jassy, die größte im Lande, hat bereits ihr Möglichstes gethan, allein die Anforderungen rücken an sie in täglich erneuerter, vervielfältigter Gestalt heran, so daß ihre Befriedigung, besonders unter den obwaltenden Verhältnissen, geradezu zu den Unmöglichkeiten gehört. Vielleicht liebt kein Jude so sein Vaterland wie der rumänische, und gern würde mancher Auswanderer im Lande Zurückbleiben und den Rath, den der Engel der Hagar gegeben hat -[rrrn nnn roj/mi „kehre zurück und laß dich von deiner Herrin mißhandeln", befolgen, wenn die Herrin „Romania" damit einverstanden wäre. Der Assiimilationswahn hat seine Zeit gehabt, auch ist kein Jude besser assimilationsfähig, als gerade der rumänische, aber im nicht jüdischen Lager ist Assimilation gleichbedeutend mit Apostasie. Die einzige Bedingung, welche die Völker uns stellen, ist die Verleugnung einer mehrtausendjährigen Vergangenheit. Aber dieses können blos hochgelehrte Uni»! versitätsprofessoren. Die Masse der Juden zieht das Exil einer Veräußerung des nationalen Erbes, dem Verrathe an seinem Gotte und seinen nationalen Traditionen vor. Aller Warnung zum Trotz, aller Hinweisung auf den mißlichen Stand der Arbeiterklasse in Amerika ungeachtet, nimmt die 32*

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