Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 32 (3.8.1886)
- Date
- 1886-08-03
- Page
- Seite 506 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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506 Oesterreich-Ungarn. Wim. 15. Juli. Der berüchtigte Antisemitenfüher Mechaniker Ernst Schneider richtete an den Apotheker und Bürgermeister in Jaworow (Galizien), Ladislaus Lachowicz, welcher ihm mehrere Petitionen mit dem Bemerken zurückgesandt hatte, die Absendung derartiger Petitionen sei eine Schande und der Absender wahrscheinlich ein Chinese, eine Korrespondenzkarte, in welcher Schneider den Lachowicz „ein Apothekerlein" nannte und folgendermaßen schloß: „Mit der einem Juden gebührenden Achtung — Ernst Schneider." In Folge Ehrenbeleidigungsklage des Lachowicz gegen Schneider erkannte das Bezirksgericht zu Währing bei Wien auf Freisprechung wegen Mangels eines objektiven Thatbestandes. Der Appellsenat verwarf heute das erstrichterliche Urtheil und verurtheilte Schneider zu einer Geldstrafe von 50 Gulden. Graz, 19. Juli. Einem czechischem Blatte wird von hier gemeldet, daß der auf dem Grazer Turnfeste anwesende Dr. Hermann aus Dresden von einem Burschenschafter gefordert wurde, weil er sich gegen den Antisemitismus ausgesprochen hatte. Dr. Hermann habe es abgelehnt, sich mit dem Raufbold zu schlagen. Tarnow, (Galizien) im Juli. Der neuernannte römischkatholische Bischof von Tarnow, Lobos, hat jüngst auf einer Visitationsreise, die er zum ersten Male in seiner Diözese unternahm, die Stadt Dembica passirt, wo er von der Ortsbevölkerung feierlichst begrüßt wurde. An die zu seinem Empfange erschienene Deputation der dortigen Judengemeinde hielt der Kirchenfürst eine längere Ansprache, deren Spitze unverkennbar gegen die Antisemiten gerichtet war. Nachdem er den Repräsentanten der israelitischen Cultusgemeinde für die ihm zu Theil gewordene Aufmerksamkeit seinen Dank ausgedrückt hatte, hob der Bischof nachdrücklichst hervor, daß die katholische Kirche auf den Grundfesten der mosaischen Lehre beruht und daß beide Religionsbekenntnisse auf dieselbe Quelle, nämlich auf die göttliche Offenbarung und die Satzungen der Patriarchen, zurückzuführen sind. Schon dieser Umstand spreche dafür, daß die Katholiken und Juden friedlich und in brüderlicher Liebe mit einander leben, sowie jede Racenanfeindung vermeiden sollen; das Bestreben, den sozialen Frieden zu stören, müsse von allen einsichtigen Leuten rückhaltslos verurtheilt werden. (Wir haben in vor. Nr. die ähnlichen Aeußerungen des kath. Erzbischofes von Groß-Wardein angeführt. Wenn die katholischen Kirchenfürsten solche Ansichten vor etwa drei Jahren kundgegeben hätten, wie viel Unglück hätten sie wahrscheinlich verhindert!) Frankreich. Paris, 23. Juli. (Privatmitth.) Wie wir berichtet haben, ließ sich der Großrabbiner Herr Zadoc Kahn mit! einem Correspondenten der Nowoja Wremja in eine Unterredung ein, welche dieser benutzte, um dem jüdischen Seelsorger die absprechendsten Urtheile über Judenthum und Juden in den Mund zu legen, worüber die Entrüstung allgemein war. Wir erhalten soeben von Paris den Soir vom 10. Juli, in welchem Herr Zadoc Kahn Folgendes an die Nowoja Wremja gerichtetes Schreiben veröffentlicht. „Geehrter Herr Direktor! Ihr Pariser Correspondent theilt in einem Briefe, der von der Nowoja Wremja am 1I./23. Juni veröffentlicht worden und nicht wenige Ungenauigkeiten und sogar materielle Jrrthümmer enthält, eine Unterhaltung mit, die er mit mir gehabt hat, und zwar in Ausdrücken, die ich nicht ohne Protest lassen kann. Ich will gerne annehmen, daß er es in gutem Glauben gethan, aber sein Gedächtniß hat ihn merkwürdig verlassen. Er hätte auf jeden Fall begreifen sollen, daß die Sprache, die er mir an mehr als einer Stelle unterlegt, in meinem Munde ganz abgeschmackt wäre. Es liegt mir wenig daran, alle diese Stellen aufzudecken, ich will nur diejenigen bezeichnen, wo Ihr Correspondent mich das nahe Ende der jüdischen Religion Voraussagen läßt. Ihre Leser werden begriffen haben, daß es ganz unmöglich ist, daß ich so gesprochen habe. Die jüdische Religion besteht seit einer so langen Reihe von Jahrhunderten, sie hat in der Vergangenheit über so viele Schwierigkeiten und Verfolgungen gesiegt, daß sie das Recht hat, volles Vertrauen auf ihre Zukunft zu setzen. Es ist dies meine absolute Ueberzeugung, es ist auch diejenige aller Derer, welche das Judenthum kennen und wissen, was es an Jugend, Energie und Lebenskraft besitzt. Zadoc-Kahn, Großrabbiner." Wie dem auch sei, man wird bei diesem Vorgänge an die alte Verwarnung in den P. A. erinnert: „Ihr Weisen (Lehrer), seid vorsichtig mit euren Worten u. s. w." Wenn diese Mahnung schon in Bezug auf die Schüler, die durch unvorsichtige Worte des Lehrers zu schweren Jrrthümern verleitet werden können, ausgesprochen wird, um wie viel mehr hat sie ihre Geltung dem großen Publikum gegenüber. Herr Zadoc-Kahn mußte übrigens wissen — denn man äußert sich doch nur gegen Personen, von denen man weiß, wer sie sind — daß er es mit dem Correspondenten eines fanatisch antisemitischen Blattes zu thun habe, so daß er voraussetzen mußte, daß seine Worte von dem Correspondenten oder von der Redaction oder von beiden entstellt, verdreht und vergiftet würden; dazu holte man ihn aus und dazu wurden seine Reden verwendet, er mochte gesagt haben, was er wolle. Das Reizmittel solcher Interviewer ist, daß sie der Persönlichkeit, von welcher sie eine Unterredung verlangen, hierdurch eine besondere Wichtigkeit beilegen, und daß diese gewissermaßen aus Dank hierfür mehr spricht als sie soll, und vielleicht etwas zu sehr nach dem Geschmacke des Interviewers. Solche Leute muß man abweisen, da am Ende ein Zweck nicht abzusehen ist.