Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 32 (3.8.1886)
- Date
- 1886-08-03
- Page
- Seite 498 (sequence 2)
- Language
- German
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498 Menschen an, brachten ihn von Verirrungen zurück und stählten den Arm seines Geistes zum Weiterbau. Vor Allem aber ist es eben der Theil der h. Schrift, den die übrigen als ihr Fundament ansehen und sich auf ihn zurückziehen, die Thora, welche diese Macht ausübte. Sie war es, welche den Propheten die Kraft verlieh, den Gottesstreit gegen das Heidenthum und die Entartung der Sitte und der Gesellschaft zu siegreichem Ende zu führen. Durch die Regierung der götzendienerischen und tyrannischen Könige Menasse und Amon war die religiöse und sittliche Verwirrung über ganz Juda verbreitet; nicht bloß das Land war mit Götzenaltären auf allen Höhen und in allen Städten bedeckt, sondern auch in den Hallen des Tempels selbst erhoben sich solche und auf ihnen die Götzenbilder und dicht bei Jerusalem wurden dem Moloch Menschenopfer gebracht. Als aber der in sehr zarter Jugend zum Thron gelangte Josia eine Hinneigung und Vorliebe für den Cultus des einzigen Gottes verrieth und durch Restauration des Tempels bethätigte, legte ihm der Hohepriester Hilkia die mosaische Urkunde vor, deren Kenntniß in den maßgebenden Kreisen geschwunden war. Der König las sie, zerriß in tiefer Tauer und Bestürzung seine Kleider, versammelte das Volk, trug ihm die Lehre Mosis vor, beschwor es auf dieselbe, und — eine völlige Umkehr trat ein. Alle heidnischen Tempel, Altäre und Haine verschwanden, der mosaische Cultus wurde wieder hergestellt und nach langer Zeit das Peßach wieder festlich begangen. Als Esra und Nehemia Religion und Nation wieder aufbauen wollten, trugen sie dem Volke die Thora vor, verpflichteten es auf dieselbe und machten sie zum Lebenselement des jüdischen Stammes. Daß von da ab die sich kräftig entwickelnde traditionelle Auslegung Schritt vor Schritt auf dem Boden der Thora vorwärts ging, und daß unter Anderem die sabbathliche Vorlesung aus der Thora zur festen Regel ward und die nächste Veranlassung zur Herstellung des Gebetcultus gab, brauchen wir hier nicht näher zu erörtern. Als in die Juden Egyptens der Hellenismus eindrang, die traditionelle Entfaltung von ihnen fern hielt und selbst die Kenntniß der hebräischen Sprache verdrängte: da nöthigte das innere Bedürfniß dennoch zur Uebertragung zuerst der Thora, dann der übrigen Bücher der Schrift ins Griechische, und Alles, was wir, Poetisches und Prosaisches, von der alexandrinisch - jüdischen Literatur übrig haben — Philo voran — zeugt von der Herrschaft, welche die Thora über sie ausübte, wie sie diese als ihre Grundlage und ihr wesentliches Element betrachteten, und durch sie ihre Festigkeit im Glauben allen Versuchungen und Verfolgungen gegenüber erlangten. Nicht minder sehen wir die Thora bald ins Aramäische und ins Arabische übersetzt, wozu die dem Volke mangelnde Kenntniß des Hebräischen bewog. Die arabischspanische Periode schuf dem Judenthuine nicht geringe Schwierigkeiten. Einerseits wurden die Verhältnisse immer drückender. Christenthum wie Islam übten Zwang ans, um den Uebertritt zahlreicher Juden zu bewirken. Andrerseits reizte die Wissenschaft zum Abfall, und die nichtjüdische Welt gewann durch ihre Anziehungskraft viele jüdische Kreise, die dem Luxus, der Prunksucht und dem Ehrgeiz ihre Thore geöffnet und sich den jüd. Lebensnormen entfremdet hatten. Klagegedichte und geschichtliche Notizen aus jenen Zeiten bezeugen die Gefahren, die dem Judenthume drohten. Aber auch da trat der rechte Geist gegen diese Gefahren auf, und die zahlreichen, vorzüglichen Commentare, namentlich der Thora, legten Zeugniß ab gegen den frivolen Zug der Zeit, und es sonderte die Anhänglichkeit an die Thora den leichtfertigen und den ernsten Theil des Volkes. Hunderttausende wichen der Gewalt und ergaben sich der Kirche; Hunderttausende dagegen schaarten sich um die Standarte ihrer Väter, die Thora, und zogen in den Tod oder in die Ferne. Nicht wenige Nachkommen jener Ersteren konnten dem Triebe nach dem väterlichen Bekenntniß auf Grund der Thora nicht widerstehen, gaben ihre Besitzthümer hin, unterzogen sich den vielfachsten Gefahren, um die Grenzen eines freien Landes zu erreichen, wo sie sich ungestört dem Judenthume und dem Forschen in der Thora wieder zuwenden durften. Bei dem Beginne der neueren Culturbewegung zur Mendelssohn'schen Zeit war es die Uebersetzung der Thora, durch welche die neue Bildung ihren Einzug in die jüdische Masse hielt. Mit dem Beginne der Reformbestrebungen fallen die fünf neuen Uebersetzungen der h. Schrift ins Deutsche und die französische, welcher die englische und italienische folgten, zusammen. Wenn es den letzten vergangenen Jahrhunderten zum Vorwurf gemacht wird, daß sie das Bibelstudium vor der ausschließlichen pilpuliitischen Behandlung des talmudischen Schriftthums vernachlässigten und dadurch den Verfall des religiösen Lebens und Geistes herbeigeführt haben: so drängte Alles das neuere Judenthum zu der h. Schrift und insbesondere zur Thora zurück. Je mehr das religiöse Bedürfniß im Denken und Fühlen nach fester Ueberzeugung, nach einer sichernden Grundlage verlangte, desto inniger schloß man sich an die h. Schrift wieder an, und zwar nach dem vielgestaltigeren Geiste unserer Zeit, an alle Theile derselben, zugleich aus der Thora selbst die großen allgemeinen Principien ziehend, welche in ihrem Gesetze ausgedrüüt sind. Die große Masse verließ im Unterrichte die Wege des talmudischen Wissens, und wird um so mehr angetrieben, die h. Schrift wieder in die Hand zu nehmen und aus ihr die Wiederverjüngung des religiösen Lebens zu gewinnen. Dies muß unsere vorzüglichste Aufgabe sein, sowohl um den treugebliebenen Theil der Bekenner von Neuem zu fesseln, als den abirrenden zurück zu geleiten. Fürwahr, auf diesem Grunde brauchen wir nicht zu zweifeln, daß auch den zer»