Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 32 (3.8.1886)
- Date
- 1886-08-03
- Page
- Seite 499 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227609-3227642--43717-3264094- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
499 setzenden Elementen unserer Zeit gegenüber die alte Macht unserer h. Schrift sich glänzend bewähren werde. Es liegt in der Natur des Menschen und besonders des Israeliten, religiöser und sittlicher Beziehung etwas Fundamentales haben zu wollen, auf welches er sich sicher stützen und stellen könne, um den heran- und vorüberflatternden Meinungen des Tages zu entgehen. Scheint es auch eine Zeit lang anders, sicher bricht sich dieses Bedürfniß, dieses oft unbewußt wirkende Verlangen wieder Bahn, ja desto eher, je mannigfaltiger und verworrener von den verschiedensten Seiten her die Ansichten, extreme Ansichten sich an uns herandrängen. Bald zeigt sich der Widerstand; dieser sucht nach Stützen und Waffen und findet sie in der h. Schrift, die ihre uralte Macht, ihre unwiderstehliche Anziehungskraft von Neuem bewährt. Gr.-Kanißa, im Juli. Zur Statistik -er Juden in Ungarn. Zunz hat bereits im Jahre 1823 die Wichtigkeit einer den Anforderungen der Wissenschaft ensprechenden Statistik der Juden erkannt und die Grundlinien zu einer solchen entworfen (s. Zeitschrift für die Wissenschaft des Judenthums, S. 523 ff.). Seitdem hat die Erkenntniß der Vergangenheit Israels, sowohl des Alterthums als des Mittelalters, imposante Fortschritte gemacht, die culturellen Verhältniffe der Gegenwart hingegen werden nicht immer mit gehöriger Würdigung bedacht. Das Steigen und Abnehmen der jüdischen Bevölkerung in den verschiedenen Ländern mußte mit steter Aufmerksamkeit beobachtet werden, denn es sind immer wichtige Faktoren, welche die Zunahme und Verminderung der Bevölkerung bestimmen. Der Mensch verläßt nicht ohne triftigen Grund seinen angestammten Wohnsitz, die heilige Stätte, an die sich die theuersten Erinnerungen knüpfen,' um neue, unbekannte Länder aufzusuchen, und nehmen wir andererseits bedeutende Zunahme der Bevölkerung wahr, so kann auch dies nicht zufällig sein und hat immer seine gewichtige historische Ursache. Zumal bei dem jüdischen Stamme. Wenn die Angehörigen einer geduldeten Confession einem gewissen Lande in auffallendem Maße zuströmen, so ist dies immerhin ein Beweis dafür, daß die Verhältnisse dieses Landes ihrem Fortkommen und Gedeihen günstiger und friedlicher sind als die anderer Länder, als besonders derjenigen, in welchen eine bedeutende Abnahme bemerkbar ist. Wo der Geist der Toleranz und Humanität heimisch ist, finden Verfolgte immer eine Zufluchtsstätte und es wird unstreitig eine Zunahme ihrer Anzahl eintreten. Größerer Wohlstand, leichtere Erwerbung des Lebensunterhaltes, günstige klimatische oder ethnographische Verhältnisse üben auch eine gewaltige Anziehungskraft. Die Zunahme kann jedoch auch andere Ursachen haben. Lebensweise und Bermögensverhältnisse, Beruf und Beschäftigung, Erziehung und körperliche Beschaffenheit sind allesammt Faktoren von hervorragender Bedeutung und dürfen bei der Beurtheilung der Populationsbewegung nicht außer Acht gelassen werden. Daß aber Zahlen beredter sprechen als die' wohlklingendsten Phrasen, wird heute wohl Niemand mehr in Abrede stellen. „Statistik ist stillstehende Geschichte und Geschichte eine fortlaufende Statistik" — die Wahrheit dieses Satzes ist heute so allgemein anerkannt, daß es wohl auch von historischem Interesse sein dürfte, die Populationsstatistik des jüdischen Stammes einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Wir beginnen mit Ungarn, als einem Lande mit besonders zahlreicher jüdischer Bevölkerung, in dem die Zunahme der jüdischen Population in gar keinem Verhältnisse steht zu der Zunahme der Gesammtbevölkerung. Unsere Betrachtung erstreckt sich über einen Zeitraum von hundert Jahren, unsere Daten entnehmen wir zum größten Theile der Abhandlung: „Die Entwickelung der Bevölkerung in den Ländern der ungarischen Krone seit 100 Jahren von vr. Vinc. Goehlert (Statistische Monatsschrift, herausgegeben von der k. k. statistischen Centralcommission XII. Jahrg., VI. Heft, S. 329 ff. Wien 1886)." Zu den umfassenden administrativen Reformen des Kaisers Joseph II. gehörte auch die Vornahme einer allgemeinen Volkszählung in den deutschen, slavischen und ungarischen Erblanden im Jahre 1785, deren Ergebnisse in den darauffolgenden Jahren einer Revision unterzogen werden sollten. Nach der von dem damals bestandenen Hofkriegs» rathe im Jahre 1787 zusammengestellten Uebersicht über den im Jahre 1786 in den conscribirten Erblanden bestehenden Populations-Stand im Vergleiche zu jenem vom Jahre 1785 wurden in Ungarn mit Croatien gezählt: 1785 1788 Christliche Einwohner .... 6 933.485 6 966.815 Juden.. 75.089 77.617 Im Ganzen 7 008.574 7 044.462 In Siebenbürgen: 1785 1786 Christliche Einwohner .... 1441.279 1413.970 Juden. 2.092 2.065 Im Ganzen 1 443.371 1 416.035 Wenn wir die im Verlaufe von 95 Jahren gewonnenen Daten über die Volkszahl in den Ländern der ungarischen Krone zusammenfassen, so erhalten wir: 32*