Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 32 (3.8.1886)
- Date
- 1886-08-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Atkgemeine Zeitung des Iudmthums. Ein mipartciischcs Organ fiit alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Wlippson in Bonn. GZepeöition: Leipzig, WoßpLah 17. 5V. Jahrgang. Leipzig, den 3. August 1886. Nr. 32. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. In revaetionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. lüdstt. Leitende Artikel: Die Macht der h. Schrift. — Zur Statistik der Juden in Ungarn. — Die Reaktion. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Graz, Tornow. — Frankreich: Paris. — Holland: Amsterdam. -- Großbritannien: London. — Rumänien: Bonn. — Serbien: Belgrad. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Die Enthüllung des Hirschfeld-Denkmals. CUti&c( Bonn, 27. Juli. Die Macht der h. Schrift. Goethe bemerkt einmal, daß die h. Schrift die größte Verehrung schon deshalb verdiene, weil sie durch so viele Jahrhunderte auf zahllose Geschlechter einen großen Einfluß geübt hat. Müssen doch neuere Schöpfungen ihre Wirksamkeit immer erst erproben, und dann fragt es sich, welche und wie viele von ihnen den Tag ihres Erscheinens überdauern. Die Literaturen gleichen dem rollenden Ocean, wo eine Welle die andere überschlägt, während die Bücher der h. Schrift wie unwandelbares Felsgestein hervorragen, allen Stürmen trotzen und, seien sie selbst von Zeit zu Zeit durch Wolken und Dünste verhüllt, mit dem ersten lichten Sonnenstrahl in ihrer ganzen Größe wieder erscheinen, eine feste Grundlage für die mannigfaltigen Gestaltungen der menschengeschlechtlichen Entwickelung. Was auch aus dem Schiffbruch des Alterthums gerettet worden und auf die Cultur der Menschen einen wohlthätigen Eindruck geübt hat, wie ließe es sich vergleichen mit der Verbreitung der h. Schrift, wie sie durch die großen Völkermaffen gedrungen, ihre Anschauungen ihnen eingeprägt, deren Literaturen beherrscht und die Ausbildung der gesellschaftlichen Ordnung beeinflußt hat. Mit jeder neu erwachsenden Generation hebt sie diese ihre Wirksamkeit wieder an und steht noch an deren Grabe, Tröstung und Zuversicht ihr einflößend. An wie vielen großen Denkern und Dichtern hat man schon den Einfluß nachzuweisen gesucht, welchen die h. Schrift auf sie und ihre Richtung gehabt. Aber mag man auch viele Stellen, Aussprüche und Verse derselben aufführen, welche sie dem Worte oder nur dem Sinne nach der Schrift entlehnten: tiefer und geheimnißvoller liegt, was sie in ihrer Geistesarbeit, in der stillen Werkstatt ihres Denkens und Fühlens aus der unerschöpflichen Schatzkammer der h. Schrift unbewußt gehoben, verarbeitet und wieder geboren haben. Darüber mögen nun die modernen Freidenker die Köpfe schütteln und sogar diesen Einfluß als schädlich ausschreien: für das, was sie den Menschen nehmen, haben sie doch nur Steine ihnen zu geben, und es wird nicht lange dauern, bis die besseren Geister den Nebel durchschauen, den jene, auf geblendete Augen rechnend, für Sonnenlicht ausgeben; nach Lehre und Trost dürstend, schauen sie sich nach den echten Quellen des Lebens um und gewahren dann die uralt fließenden wieder, die ihnen die h. Schrift darbietet und ber Menschheit auf ihrem ganzen bisherigen Gange dargeboten hat. Ja, der Segen eines solchen Fundamentes, auf welches immer wieder gebaut werden kann, hat sich in der Geschichte insbesondere des jüdischen Stammes immer bewährt, und gerade am meisten in Zeiten, wo das religiöse und nationale Band lockerer geworden war. Immer zog die Weisheit des Gesetzes in der Thora, die mit feurigen Zungen von den Propheten gepredigte Gotteserkenntniß und Sittenreinheit, die Kräftigung und Tröstung, die aus den Psalmen dem Kämpfenden und Leidenden zufließen, die Lebensweisheit und der Lebensernst, die in so reicher Fülle durch die anderen Hagiographen gebreitet sind, den denkenden und empfindenden 32