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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-07-27 · Heft 31 (27.7.1886) · p. Seite 492

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 31 (27.7.1886)
Date
1886-07-27
Page
Seite 492 (sequence 12)
Language
German
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492 als unsittliche, verkommene Menschen entpuppten. Es ist dies jüngst wieder mit einem gewissen Bojedarow der Fall gewesen, welcher durch giftgeschwängertc Pamphlete versucht hatte, den Antisemitismus aus Rußland nach Bulgarien zu verpflanzen. Jetzt ist er eines der ärgsten, unsittlichen Verbrechens, dessen Bezeichnung wir hier vermeiden wollen, angeklagt und überführt werden. Das sind die Menschen, welche den Juden unsittlichen Wandel vorwerfen wollen, für welche sie freilich alle Beweise schuldig bleiben. In der „Wiener Sonn- und Montags-Zeitung" vom 12. Juli erzählt eine jüdische Schriftstellerin, Frau Jda Barbe r, von den Wandlungen, welche jener Wilhelm Marr durchgcmacht, der die bekannten, zu einem großen Theile den Antisemitismus in Deutschland herbeiführenden Pamphlete verfaßt hat, in welchen er „tinis Germaniae!“ ausruft, wenn die Juden nicht aus Deutschland verbannt werden. Als Student hatte er schon eine geradezu empörende Broschüre, „der Judenspiegcl", geschrieben, die jedoch wenig Verbreitung fand. Später ward er mit vielen höchst achtbaren Juden und jüdischen Familien bekannt, wandelte seine Ansichten dadurch vollständig und verweilte sehr gern unter ihnen, wo er sich auch die jüdische Kost, namentlich am Freitag Abend, sehr gut schmecken ließ. Er heirathete eine Jüdin, mit der er einige Jahre sehr glücklich lebte, die er aber durch einen frühen Tod verlor. In einer Novelle: „Zu glücklich!" rühmte und betrauerte er die verlorene Gattin. Einige Zeit darauf heirathete er wieder eine Jüdin und zwar eine recht reiche, mit welcher er aber so unglücklich lebte, daß nach wenigen Jahren die Scheidung eintrat. Die Frau nahm ihr Vermögen an sich, was Marr in mannigfache Verlegenheiten setzte. Zu jener Zeit war Marr so taktlos, der Verfasserin des Artikels ein Exemplar seines „Judenspiegels" zu überreichen. Als ihr Mann dies gewahrte, gerieth er in die höchste Entrüstung und verbot Marr sein Haus. Es mußte M. wohl in anderen jüdischen Häusern ebenso ergangen sein. Plötzlich verschwand er aus Leipzig, tauchte im Hamburg tvicdcr ans und wurde ein wüthender antisemitischer Broschürenschreiber. Ob er durch diese seine äußerliche Lage verbessert habe, wissen wir nicht. Auf solche Weise wird man Antisemit. Graz, 11. Juli. Wir haben von hier schon berichtet, daß eine große Arbeiterversammlung sich entschieden gegen den Antisemitismus erklärt und eine desfallsige energische Resolution gefaßt hat. Jetzt erfahren wir Gleiches aus einem anderen Kreise der hiesigen Bevölkerung. In der Generalversammlung des Steiermärkischen Kunstiudnstrie-Bcreins verurtheilte der Präsident Graf Heinrich Attems in entschiedener Weise den Antisemitismus, indem er in der Eröffnungsrede sagte:! „Nicht gleichgiltig kann es uns sein, wenn außer unserem! ' Kreise Elemente sich finden, welche unser Friedenswerk stören,! welche zu den vielen Reibungspunkten, die leider im nationalen Wettkampfe unseres geliebten Oesterreichs schon bestehen, leichtsinnig auch noch neue hervorzerren und Tendenzen in den Vordergrund treten, die geradezu ein Hohn für den Culturstandpunkt unseres Jahrhunderts sind. Ich weiß, daß ich in Ihrer Aller Namen spreche, wenn ich an dieser Stelle gegen dieses Beginnen feierlichst Protest einlege und es offen ausspreche, daß wir rückhaltslos im diametralen Widerspruche zu diesen zersetzenden, das Volks- und Staatsleben verpestenden Doktrinen stehen, daß wir uns des gesunden Sinnes freuen, den unsere Arbeiter hierbei an den Tag gelegt, und daß wir voll an deren Seite stehen. Das Schüren von nationalem Widerstreit und Racenhaß ist gemeinschädlich, dem Volkswohle abträglich und unpatriotisch. Aus diesem Grunde treten wir dieser Agitation mit offenem Visir gegenüber." Griechenland. Corfu, im Juni. In Folge der Schritte seitens des Großrabbiners von Corfu, hat der Kriegsminister in Athen entschieden, daß die jüdischen Soldaten in den Garnisonen der Städte, in denen keine jüdische Gemeinde existirt, an den Festtagen die Erlaubniß haben, sich zu den benachbarten Orten zu begeben>, welche eine Synagoge besitzen, um dort ihren religiösen Pflichten nachzukommen. In Folge dieser Verfügung zählte die Stadt Sancta-Maura (das ehemalige Leucadien) an den letzten Osterfesttagen sechsunddreißig jüdische Soldaten, welche den Szeder in einem Saale feierten, der ihnen von der jüdischen Gemeinde zur Verfügung gestellt worden war. Großbritannien. London, 11. Juli (Privatmitth.) Die Anglo-Jewish- Association hat ihren fünfzehnten Jahresbericht veröffentlicht. Derselbe giebt Zeugniß von der Fortsetzung der edlen und segensreichen Bestrebungen des Vereins, den orientalischen Glaubensgenossen Schutz und zur Hebung der Erziehung Hülfe zu schaffen. Man hat eingesehen, daß es nicht genüge, die Jugend in den Elementarfächern zu unterrichten, sondern daß mit diesen Handwerkerwerkstätten verbunden sein müssen, um zu technischen Fertigkeiten heranzuzie.hen. Dies ist jetzt in Jerusalem ausgeführt und in Bagdad und anderen Städten nachgeahmt worden. Hierzu gehören aber viele Geldmittel, und zu diesem Zwecke ist ein besonderer Aufruf erlassen worden, der bereits die Zeichnungen von 6000 Pfd. St. verschafft hat und gewiß noch größere Summen herbeiführt. Es ist dies um so wichtiger, als im Orient die! eifrigen Anstrengungen der Missionäre zu bekämpfen sind,! welche die Armuth und das Elend unserer dortigen Glaubens-

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