Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 31 (27.7.1886)
- Date
- 1886-07-27
- Page
- Seite 491 (sequence 11)
- Language
- German
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491 semitismus verliert als Schlagwort seine Bedeutung, weil er hohl und leer ist; denn schließlich mag der christliche Schuster auch seine christlichen Concurrenten nicht. Die Antisemiten, die wir hier im Reichsrathe haben, trugen nun dazu bei, ihre Sache zu discreditiren. Herr Türk, welcher jüngst in dem schlesischen Landtag candidirte, wurde sehr kühl ausgenommen, ja, es wurde ihm ein Sündenregister vorgehalten, und thatsächlich fiel er in der Wahl durch und in gleicher Weise die anderen antisemitischen Candidaten. Bon nicht zu unterschätzender Bedeutung ist es, daß die Antisemiten unter sich im Hader sind, und wird es gewiß auf Jeden Eindruck machen, wenn er hört, daß Herr Pernesdoffer, der ehemalige Mitredacteur Schöuerers, erklärt, daß das Schönerer'sche Blatt korrupter sei, als die anderen Zeitungen. Eigenthümlich genug ist die Haltung einer hiesigen jüdischen Wochenschrift. Sie sieht und hört nichts von irgend einem Zeichen der Besserung; sie weiß nur ins Horn zu stoßen und unaufhörlichen Lärm zu blasen, so daß man sie die Antisemitenzüchterin nennt. Wir imputiren ihr keine böse Absicht; andere Leute jedoch meinen, sie betrachte den Antisemitismus als ein Geschäft, um Abonnenten zu finden und jene, die sie hat, zu behalten. Ich muß noch eines andern Uebelstandes gedenken. Es sind hier in letzter Zeit zahlreiche Vereine entstanden (darunter sogar ein Mädchenverein Miriam), die es sich zur Aufgabe machten, das Judenthum in seinen Bekennern lebendig zu machen und zu erhalten rc. An auswärtige Journale wurde über diese neuen Vereine in der pomphaftesten Weise berichtet und man hätte wirklich meinen können, daß nun die messianische Zeit nahe sei. Indessen sind alle diese Vereine rasch verschwunden. Wie hätte es denn auch anders kommen sollen, da an der Spitze derselben Personen standen, die kein Mensch kannte, und welche bloß das Vergnügen genießen wollten, Vereinsvorstand zu sein. Im vorigen Jahre entstand hier der jüdische Wählerverein. Nicht nur namhafte Juden, sondern auch Christen von bedeutender Stellung und hohem Einflüsse, welche den Juden freundlich gesinnt sind, sprachen sich gegen denselben aus. Da es uns jedoch nicht an Strebern fehlt, so kümmerten sich die Herren weniger um die allgemeine Sache, als um ihre eigenen Herzenswünsche. Ein Ableger dieser Vereine ist nun die jüngst entstandene Union, welche nach dem Wortlaut der Statuten Ziele und Zwecke verfolgt, welche etwa ein Consistorium mit Erfolg auzustreben berechtigt wäre, und die andererseits den äs jure und äs ksoto bestehende» Vorstand der israel. Cultusgemeinde ganz einfach bei Seite setzen wollen. Unter diesen Verhältnissen, da man in aller „Gemüthlichkeit" die Dinge gehen ließ, wie sie eben gingen, war es in hohem Grade erfreulich, daß der Nestor unserer Gemeinde, der hochgeachtete und gefeierte Herr Josef Ritter v. Wertheimer*), sich veranlaßt sah,dieses Treiben zu geißeln. Mit kräftigen Worten ruft er dem Vorstande der Gemeinde zu, seines Amtes zu walten und das höchste Kleinod der Gemeinde, die Autonomie, zu wahren. Selbstverständlich kann es nur im Interesse der Sache liegen, wenn die Gemeindemitglieder sich rege am Gemeindeleben betheiligen, und gewiß wird der Vorstand gerechte und billige Wünsche in vollem Maße berücksichtigen. Nie und nimmer aber darf ein Häuflein von Leuten, die von Niemandem ein Mandat erhalten haben und sich im besten Falle als gute faiseurs zeigten, den Vorstand leges dictiren oder so zu sagen, als Nebenparlament sungiren. Schließlich noch eine Neuigkeit. Wie alljährlich wurden auch jetzt, am Schlüsse des Schuljahres, vacante Lehrer¬ und Lehrerinnenstellen an den hiesigen Volks- und Bürgerschulen besetzt. Unter den neuernannten befinden sich auch mehrere Israeliten und Israelitinnen. Wien, 17. Juli. (Privatmitth.) Es dürfte die Leser Ihrer Zeitung interessiren, wenn ich die Zahl der Schüler und Schülerinnen hier, die im ablaufenden Schuljahre 1885/86 den Religionsunterricht öffentlich genossen, mittheile. Es wurde an 20 Volksschulen für Knaben und an 20 Volksschulen für Mädchen (darunter je 10 Sammelschulen, von 23 Religionslehrern der Unterricht ertheilt. Diese Schulen wurden von 3 781 Knaben und 3836 Mädchen besucht und zwar I. Bezirk 403 K. 384 M., II. Bez. 2017 K., 2086 M., III. Bez. 316 K., 349 M., IV.: V. Bez. 147 K., 183 M>, VI.: VII. Bez. 327 K.. 268 M., VIII. Bez. 114 K., 113 M.. IX. Bez. 362 K., 337 M., X. Bez. 95 K., 96 M. — An 11 Bürgerschulen für Knaben und au 14 Bürgerschulen für Mädchen (darunter je 5 Sammelschulen) wirkten 12 Religionslehrer. Diese Schulen wurden von 762 Schülern, 1627 Schülerinnen besucht und zwar I. Bez. 77 K. 261 M., II. Bez. 415 K., 757 M., 111. Bez. 47 K.. 133 M., IV. :V. Bez. 116 K., 90 M., VI.: VII. Bez. 61 K., 154 M., VIII. Bez. 43 K., 36 M., IX. Bez. 50 K., 167 M., X. Bez. 20 K. und 29 M. — An 28 Mittelschulen, darunter eine Sammelschule, ertheilten 9 Religionslehrer Unterricht. Die Zahl der Gymnasialschüler betrug 1107, jene der Realgymnasialschüler 464 und die der Realschüler 603. Von der Donau, im Juli. (Privatmitth.) Das Urtheil späterer Zeiten über den Antisemitsmus der Gegenwart wird jedenfalls durch den Umstand in nicht geringem Maße beeinflußt werden, daß die große Mehrzahl der antisemitischen Führer und Wähler sich zuletzt meist vor dem Strafrichter *) Es wundert mich, in diesen Müttern noch nichi dessen jüngste Schrift: „Gesinnungstnchtigkeit der Juden" besprochen gesehen zn haben. Es ist.die Schrift eines 86jährigen Greises, der die geistige Kraft eines in der Blüthe der Jahre stehenden Mannes hat. 31*